Schule der Zukunft
Schule

Kinder lernen nur das, was sie wollen

Kein Stundenplan, keine Noten: Die private Zürcher Hochschule Intrinsic Campus setzt auf das selbstmotivierte Lernen. Kinder sollen nur das lernen, auf was sie wirklich Lust haben. 
Text: Irena Ristic
Bild: Julia M. Cameron / Pexels / zVg
Die Zürcher Hochschule für Lehrerbildung Intrinsic Campus vermittelt die Methoden des intrinsischen Lernens – also aus eigener Motivation heraus zu lernen. Oder in anderen Worten: Kinder sollen lernen, auf was sie Lust haben. «Mein Lernplan ergibt sich aus aktuellen Erfahrungen und Bedürfnissen meines Alltags – diese führen mich zu meinen Interessen und Talenten», sagt Christian Müller. Der Betriebsökonom gründete mit Daniel Straub, Lernexperte und ehemaliger Leiter einer Montessori-Schule, den Intrinsic Campus. 

Das Konzept: Die Schülerinnen und Schüler eignen sich einen Teil des Lernstoff individuell und digital an, zum Beispiel durch qualitativ hochstehende Youtube-Tutorials. Lehrpersonen und Coaches helfen den Schülerinnen und Schülern, sich im Meer der im Internet verfügbaren Informationen zurechtzufinden. Was sie lernen möchten und in welchem Umfang, das bestimmen die Schülerinnen und Schüler. 

Weg von starren Lebensläufen – hin zu individuellem Lebensweg

Dadurch verändert sich auch die Rolle der Lehrperson, so Müller: «Früher machte es mehr Sinn, nach einem strikten Lehrplan zu unterrichten». In Zeiten der Industrialisierung war Dienst nach Vorschrift gefragt. «Die Wirtschaft erwartete Arbeitnehmer, die Befehle ausführen». Heute hingegen sind andere Fähigkeiten wichtig», sagt Müller. Die Kinder und Erwachsenen von morgen, müssten kreativer denken. «In der neuen digitalisierten Gesellschaft werden viele Jobs wegfallen, man wird eigene Rezepte und seinen ganz individuellen Weg finden müssen», ist Christian Müller überzeugt. 
Christian Müller ist Ökonom und Gründer des Intrinsic Campus. Zusammen mit seiner Familie (Kinder im Alter von 2, 4 und 6 Jahren) lebt er in Schaffhausen. 
Christian Müller ist Ökonom und Gründer des Intrinsic Campus. Zusammen mit seiner Familie (Kinder im Alter von 2, 4 und 6 Jahren) lebt er in Schaffhausen. 
«In dieser Generation steht nicht mehr Wohlstandsvermehrung im Zentrum – sondern die Lösung von ganz grossen Fragen im digitalen Zeitalter», so der Ökonom. Darauf müssten Kinder vorbereitet werden – wie auch die Lehrpersonen der Zukunft. In der Lehrpersonen-Ausbildung des Intrinsic Campus lernen darum die angehenden Lehrerinnen und Lehrer ähnlich wie ihre Schüler: engmaschig begleitet durch Experten und Coaches, individuell angepasst an ihre Bedürfnisse und Kapazitäten. 

Geht ein gesellschaftliches Basiswissen verloren? 

Doch was ist, wenn das Kind mal einen Durchhänger hat, wenn die innere Motivation etwas Neues zu lernen und zu entdecken auf einmal weg ist? «Eltern müssen solche Phasen aushalten», meint Müller. Das gehöre zum Prozess. Auch wichtig aus seiner Sicht: «Wegkommen vom Denken 'ich muss', Erwartungen loslassen, was zum Beispiel ein 7-Jähriger schon alles beherrschen muss». In der Regel käme die Neugierde wieder zurück, man müsse ihr nur Zeit und Raum lassen. 
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Kritiker des Lernens nach Lustprinzip befürchten hingegen, dass damit ein gesellschaftliches Basiswissen verloren geht. Ein gemeinsames Wissen, das auch den Kit einer Gesellschaft darstellt. Wie kann ein Jugendlicher zum Beispiel die internationale Bewegung «Black lives matter» und die Anliegen der afroamerikanischen Bevölkerung begreifen, ohne etwas über den Sklavenhandel zu wissen? Oder wie wird sichergestellt, dass Kinder und Jugendliche Englisch lernen oder sich die wichtigsten Mathematikregeln aneignen? Ein Fach, das für viele nicht zu den Lieblingsfächern gehört. 
 «Lernstoff, der nichts mit echtem Interesse der Schüler zu tun hat, ist innert Wochen wieder vergessen.»
Das sei durchaus ein Argument, antwortet Christian Müller darauf. Aber: «Es entspricht schon der heutigen Realität in der Schweiz, dass rund 20 Prozent Schulabgänger nicht über ein umfassendes Basiswissen verfügen», sagt Müller. «In der heutigen rasanten digitalen Entwicklung braucht es andere Fähigkeiten, da müssen nicht alle alles gleich können». Fachwissen sei jederzeit im Internet verfügbar. Das heisst im Umkehrschluss: Wer sich mit einem Thema aus Interesse beschäftigen möchte, wird das tun, sich darauf spezialisieren und sein Wissen weitergeben. «Lernstoff, der nichts mit echtem Interesse der Schüler zu tun hat, ist ohnehin innert Wochen wieder vergessen», so Müller.
 
Was bleibt als Fazit? «Die Erfahrungen mit Homeschooling während des Lockdowns haben gezeigt, dass Bildung auch unabhängig von Ort und Zeit mit der richtigen Methodik sehr gut funktioniert», sagt Christian Müller. Hinzu komme: «Die Eigenverantwortung und Selbstorganisation beim Lernen, die so trainiert werden, sind wichtige Fähigkeiten im Lehrplan 21». Eigenschaften, so Müller weiter, die jungen Menschen nachhaltige Werkzeuge mitgeben, im Zeitalter der Digitalisierung ihren Weg selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu gehen. 

4 Tipps von Christian Müller, wie Eltern das intrinsische Lernen bei ihrem Kind fördern können:

  • Beobachten Sie, wo das Kind hintreibt, und setzen Sie dort an
  • Lassen Sie das Spielerische zu
  • Kommen Sie weg vom Denken «ich muss»
  • Lassen Sie Erwartungen los, was Ihr Kind seinem Alter entsprechend «schon wissen oder lernen müsste» 

Intrinsic Campus

Der Intrinsic Campus wurde 2019 gegründet und erforscht mit seinem Prototyp einer neuartigen Lehrpersonen-Ausbildung die Schulkultur im digitalen Zeitalter. Die These lautet: Digitalisierung in der Bildung ist individuelles Arbeiten an realitätsnahen Herausforderungen. Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen nutzen technische Hilfsmittel, um Themen unabhängig von Ort und Zeit in eigenem Tempo und adäquater Methodik zu bearbeiten. Die Philosophie dahinter: Spielraum für Inspiration und gegenseitige Unterstützung im Klassenverband bieten ermöglicht nachhaltiges Lernen mit Freude. 
 

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