Schule

«Frau Rösler, was macht die Corona-Krise mit der Chancengleichheit in der Schule?»

Corona-Krise und Fernunterricht stellen die Chancengleichheit im Unterricht auf eine harte Probe. Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), sagt im Interview, was das für Kinder, Eltern und Schule bedeutet, und zieht ein erstes Fazit zur Schule auf Distanz. 
Interview: Sandra Casalini

Frau Rösler, wie sieht momentan Ihr Alltag aus?

Er besteht vorwiegend aus Medienanfragen, Interviews und Videokonferenzen. Ich verbringe viel Zeit am Computer und am Telefon.

Und wieviel Zeit verbringen Sie damit, Ihren Töchtern schulisch unter die Arme zu greifen?

Relativ wenig. Sie sind 15 und 13 Jahre alt und ziemlich selbstständig, das läuft recht gut. Mein Mann und ich helfen ab und zu, aber nicht mehr als vorher. Allerdings ist die Situation eine ganz andere als zuvor. Alle sind zu Hause, man muss den beruflichen, schulischen und familiären Alltag völlig anders strukturieren.

Damit sind viele Eltern überfordert. Es geistert bereits das Wort «Corona Burnout» herum. 

Man will selbst produktiv im Homeoffice sein, die Kinder müssen ihre Aufgaben erledigen. Dazu kommt, dass weder Eltern noch Kinder regelmässig aus dem Haus kommen. Da stellt sich irgendwann verständlicherweise ein gewisser Lagerkoller ein. 
Dagmar Röslers Fazit nach drei Wochen Fernunterricht: Die Lehrpersonen legen ein sehr hohes Engagement an den Tag. Die erste Woche war geprägt von organisatorischen Fragen, nun ist der Unterricht gut angelaufen. (Bild: Paolo Dutto / 13 Photo)
Dagmar Röslers Fazit nach drei Wochen Fernunterricht: Die Lehrpersonen legen ein sehr hohes Engagement an den Tag. Die erste Woche war geprägt von organisatorischen Fragen, nun ist der Unterricht gut angelaufen. (Bild: Paolo Dutto / 13 Photo)

Wieviel Zeit sollen denn Eltern nun konkret ins Homeschooling ihrer Kinder investieren?

Zuerst einmal spreche ich lieber von Fernunterricht, nicht von «Homeschooling». Letzteres ist der Fall, wenn Eltern ihre Kinder bewusst zu Hause unterrichten und auf den Unterricht durch Lehrpersonen verzichten. Darum geht es in der aktuellen Krise aber nicht. Die Aufgabe der Lehrpersonen ist es, den Kindern so gut wie möglich eine Struktur zu geben und sie mit sinnvollen Aufgaben zu beschäftigen, und nicht, um jeden Preis den regulären Schulstoff durchzuboxen. Es wird nicht möglich sein, alle anstehenden Themen genau gleich wie im Normalunterricht zu behandeln. Deshalb sollte man sich als Mutter und Vater zu Hause auch nicht verrückt machen. Es sind besondere Umstände, dessen sind sich alle bewusst. Wenn die Kinder mal einen «Durchhänger» haben, und nicht so motiviert sind, würde ich, wenn möglich, Abmachungen treffen, dass die Aufgaben zu einem späteren Zeitpunkt gelöst werden. Oder man kann mit der Lehrerin oder dem Lehrer Kontakt aufnehmen und gemeinsam besprechen, welche Aufgaben man auch weglassen kann. Das Arbeiten daheim fordert auch von Schülerinnen und Schülern sehr viel Selbstdisziplin, Eigenverantwortung und Konzentration – dessen muss man sich einfach bewusst sein und entsprechend angemessen reagieren.
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Laut Studien hängt in kaum einem Land schulischer Erfolg so stark mit Herkunft und Elternhaus zusammen wie in der Schweiz. Wird die Zeit des Fernunterrichtes die Kluft zwischen stärkeren und schwächeren Schülerinnen und Schülern noch vergrössern?

Das kommt sehr darauf an, wie lange sie andauert. Nach mehreren Monaten wird sich die Schere tatsächlich immer weiter auftun.

Kann man dem irgendwie entgegenwirken?

Das ist in der aktuellen Situation sehr schwierig. Gerade leistungsschwächere Kinder sind oft nicht so selbstständig und arbeiten besser, wenn sie einen direkten Kontakt haben. Was soll man zum Beispiel als Lehrperson machen, wenn ein Kind einfach nicht erreichbar ist, und die Eltern auch nicht? Es sind einem die Hände gebunden. Aber Lehrerinnen und Lehrer müssen natürlich versuchen, möglichst den Kontakt zu den Kindern aufrechtzuerhalten und wenn nötig einzufordern. Sie haben auch den Auftrag zu kontrollieren, ob die Kinder ihre Arbeiten abliefern, Rückmeldungen zu geben und auf Abmachungen zu beharren. Das ist teilweise sehr schwierig, vor allem, wenn die Infrastruktur daheim nicht vorhanden ist, oder eben nicht geschaut wird, dass der Fernunterricht läuft. Wichtig ist sicher, dass die Kinder merken, dass sich Lehrerinnen und Lehrer um sie kümmern, so gut es halt geht.

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass einzelne Kinder total abgehängt werden?

Auch hier gilt: je länger desto grösser. Dabei gibt es zu sagen, dass es auch leistungsschwächere Kinder gibt, bei denen das nicht unbedingt etwas mit der fehlenden Unterstützung zu Hause zu tun hat. Aber auch sie können je länger je mehr ins Hintertreffen geraten. 

Kann man solche Kinder auffangen, wenn man wieder zum Präsenzunterricht zurückkehrt? Wie? 

Wenn die Schule wieder im Normalunterricht anläuft, braucht es zuerst etwas Zeit, bis sich die Klassen wieder gesammelt haben, sich die erste Aufregung gelegt hat. Danach wird sich wohl auch herauskristallisieren, wer daheim wie gearbeitet hat und wer an Boden verloren hat. Ich denke, es wird zusätzliche Unterstützungsmassnahmen von Seiten der Schule brauchen, damit letztere eine Chance haben, ihre Defizite wieder aufzuarbeiten. In dieser Phase wird es sehr wichtig sein, dass man Lehrerinnen und Lehrer nicht alleine lässt, denn es wird nach der Corona-Krise eine neue Dimension in den Klassen aufgehen. Neu entstandene Defizite wird man nicht im regulären Unterricht auffangen können. Auch nicht im bereits bestehenden Heilpädagogik-Pool. Da müssen tatsächlich neue, zusätzliche Ressourcen gesprochen werden.

Welche Bedeutung ist dem Zeugnis von nächstem Sommer beizumessen?

Die Eidgenössische Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat beschlossen, das Schuljahr vollwertig zu zählen und die Zeugnisse mit einem Vermerk zu versehen, dass es sich um eine aussergewöhnliche Situation handelte. Schlussendlich geht es ja allen gleich – alle Schülerinnen und Schüler sind betroffen, egal, welcher Hintergrund, welches Alter und welches Schuljahr.

Einige trifft es aber besonders hart: Schulabgängerinnen und Schulabgänger vom Sommer, welche noch keine Anschlusslösung an die 9. Klasse haben.

Laut der Lehrstellenplattform Yousty sind für den Sommer 2020 noch über 15'000 Lehrstellen offen. Man ist dran, nach möglichst geeigneten Lösungen zu suchen, wie diese besetzt werden können, und wie Lehrstellensuchende noch an eine Stelle kommen. Es ist allen bewusst, dass diese Jugendlichen jetzt noch mehr Unterstützung und Eigeninitiative brauchen als im Normalfall. 

Sehen Sie in dieser schwierigen Zeit auch die eine oder andere Chance?

Ich sehe eine Chance, das Familienleben mal etwas zu entschleunigen und nicht durchgetaktete Zeit miteinander zu verbringen. Die sollte man nutzen, wenn einem das möglich ist. Ausserdem kann man als Eltern nun tiefere Einblicke ins Arbeits- und Lernverhalten der eigenen Kinder erhalten, vielleicht gehen da auch ein paar Lichter auf, wie die Arbeit und der Alltag von Lehrerinnen und Lehrern aussieht.

<div><strong>Sandra Casalini</strong> ist Journalistin und Mutter von zwei Teenagern (15 und 13), mit denen sie nun ihr Homeoffice teilt. Das funktioniert genau wie der Fernunterricht: mal besser, mal schlechter, mal gar nicht. Aber alle nehmens mit Humor.</div>
Sandra Casalini ist Journalistin und Mutter von zwei Teenagern (15 und 13), mit denen sie nun ihr Homeoffice teilt. Das funktioniert genau wie der Fernunterricht: mal besser, mal schlechter, mal gar nicht. Aber alle nehmens mit Humor.

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  • Das alte Lied von den Noten
    Die Leistungsbewertung von Schülerinnen und Schülern mittels Noten ist verzerrend und schon lange umstritten. Höchste Zeit, dass sich die Schule hin zu einem zeitgemässen, fairen und am Kind orientierten System der Beurteilung weiterentwickelt. Hierzu braucht es auch das Vertrauen der Eltern.


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