Familienleben

Herr Willi, was braucht man für ein glückliches Leben?

Glück hängt sehr viel weniger von den äusseren Umständen ab, als wir glauben. Prof. Sigmar Willi, Dozent für Persönlichkeitsbildung und Experte für positive Psychologie spricht im Interview darüber, warum Eltern vor allem ihr eigenes Glück vorleben sollten.
Interview: Cornelia Hotz
Bild: Josh Willink von Pexels 

Herr Willi, was ist eigentlich Glück?

Zu dieser Frage gibt es ein wunderbares Zitat von Margaret Lee Runbeck, nämlich dass Glück kein Zustand ist, sondern eine Art zu reisen. Ein Mensch ist dann glücklich unterwegs, wenn seine Art durchs Leben zu gehen positiven Gefühlen förderlich ist. Die Wissenschaft der positiven Psychologie versteht unter Glück das langfristige persönliche Wohlbefinden eines Menschen, was bedeutet, dass er mit seinen Lebensumständen zufrieden ist, sich persönlich wohl fühlt und im Alltag möglichst viele gute Gefühle erlebt. 

Was braucht es für ein glückliches Leben?

Nach der Glücksformel der Wissenschaftlerin Sonja Lyubomirsky sind 50 Prozent der Faktoren für Unterschiede im Glücksniveau der Menschen genetisch bedingt, während 40 Prozent von unserem Denken und Handeln gesteuert werden und nur 10 Prozent von äusseren Umständen abhängen. Wir können unser persönliches Wohlbefinden somit durch unsere Einstellung, Denkhaltung und unsere Verhaltensweisen wesentlich beeinflussen. Den wenigsten Menschen ist bekannt, dass die Lebensumstände nur einen geringen Einfluss auf unser Glücksempfinden haben. Viele Menschen messen Faktoren wie Karriere oder materieller Wohlstand zu viel Bedeutung zu und wundern sich, wenn sie alles erreicht haben und sich trotzdem leer fühlen. Wirklich wichtig für persönliches Wohlbefinden sind nicht die äusseren Umstände, sondern vielmehr die innere Einstellung zum Leben. Ausser der Grundbedarf ist nicht gedeckt. 
Prof. Sigmar Willi, Dozent für Persönlichkeitsbildung an der FHS St. Gallen, selbständiger Berater und Coach.
Prof. Sigmar Willi, Dozent für Persönlichkeitsbildung an der FHS St. Gallen, selbständiger Berater und Coach.

Wo soll ich den Fokus ansetzen, wenn ich mehr Glück in mein Leben bringen will?

Will man sein Wohlbefinden verbessern, soll man den Fokus auf seine Denkhaltung, seine Lebenseinstellung und seine Verhaltensweisen setzen. Was die Zukunft betrifft, ist es wichtig, eine optimistische Einstellung dem Leben gegenüber zu kultivieren und sich erreichbare Ziele zu setzen. Auch ist es wichtig, im Leben eine gewisse Sinnhaftigkeit zu erkennen, vielen Menschen hilft dabei ihr Glaube an eine höhere Macht. In der Gegenwart macht Engagement im Berufs- oder Privatleben glücklich. Je öfter sich ein Mensch für eine Sache engagiert und darin aufgeht, desto wirksamer erlebt er sich. Gute Gefühle werden zudem verstärkt, wenn Vergnügungs- und Genusshandlungen mit voller Aufmerksamkeit, also achtsam, erlebt werden. Auch im Hinblick auf die Vergangenheit spielt die Denkhaltung eines Menschen eine grosse Rolle, denn die Bewertung von früheren Erlebnissen wird vom Menschen über seine Gedanken gesteuert. Durch Veränderung des Denkens kann man auf belastende Ereignisse aus der Vergangenheit Einfluss nehmen und negative Erfahrungen loslassen. 
«Resilienz ist nicht der Grund für ein gutes Leben, sondern vielmehr die Folge des guten Lebens.» 

Kann ich auch glücklich sein, wenn mich das Schicksal trifft?

Natürlich sinkt die Lebenszufriedenheit des Menschen unmittelbar nach einem Schicksalsschlag für eine Weile, es ist aber möglich, selbst nach schwerwiegenden Ereignissen wieder glücklich zu werden. Ich habe dies selbst erlebt, nachdem meine Frau starb und ich plötzlich mit vier Kindern alleine war. Wichtig ist, sich auch nach einem Schicksalsschlag eine optimistische Lebenseinstellung zu bewahren. Durch die richtige Einstellung zum Leben und günstige Verhaltensmuster kann die Widerstandskraft des Menschen gefördert werden. Resilienz ist nicht der Grund für ein gutes Leben, sondern vielmehr die Folge des guten Lebens. 
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Was kann ich meinem Kind mit auf den Weg geben?

An erster Stelle müssen wir Eltern bei uns selbst ansetzen. Jeder Mensch ist selber dafür verantwortlich, dass es ihm gut geht. Dies dürfen wir auch von unserem Lebenspartner einfordern. Nur wenn wir Eltern ein gutes Leben führen, dann können wir das auch unseren Kindern mit auf den Weg geben. Für ihre Entwicklung ist es wichtig, den Kindern Verantwortung zu übergeben, Vertrauen zu schenken und ihnen Grenzen zu setzen. Erziehung ist ein sich ständig erneuernder Verhandlungsprozess zwischen Eltern und Kindern auf der Basis guter Kommunikation. 

Herr Willi, sind Sie glücklich?

Ja, ich bin meistens glücklich. Auch ich habe unglückliche Momente, mit denen ich aber umzugehen weiss. Es ist eine Illusion, jeden Tag immer glücklich sein zu wollen. Jeder Mensch darf auch eine gewisse Zeit lang unglücklich sein, solange er weiss, wie er wieder Anlauf für neues Glück holt. Ist man zufrieden mit seinen Lebensumständen und erlebt man im Alltag bewusst möglichst viele Wohlfühlmomente, hat man gute Chancen, sein Glück zu finden. 

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