Michèle Binswanger: Was ich in Sachen Corona von meiner Mutter gelernt habe
Familienleben

Was ich in Sachen Corona von meiner Mutter gelernt habe

In ihrem neuen Lockdown-Mamablog verrät Michèle Binswanger, mit wem sie am liebsten telefoniert und welche Frage sie bei jedem Gespräch zuerst stellt. 
Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Seltsame Dinge geschehen dank Corona. Da meldete sich ein Freund per Telefon, von dem ich schon länger nichts mehr gehört hatte. Er eröffnete das Gespräch mit: «Ich frage jetzt nicht, wie es dir geht.» Ich sagte: «Aber warum denn nicht? Mir geht es ziemlich gut. Und dir?» Er erklärte mir dann, dass das ewige Gejammer seiner Freunde ihm auf die Nerven gehe und er deshalb lieber gar nicht mehr frage. 

So kann man es natürlich auch machen. Wenn man sich selber gerade nicht besonders stabil fühlt, macht es vermutlich Sinn, sich nicht auch noch mit den Sorgen anderer zu belasten. Was mich betrifft, ist das Telefon zu meinem Fenster zur Welt und meinem besten Freund geworden. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel telefoniert. Da ich das Glück habe, mit einer robusten Psyche ausgestattet zu sein und dem Corona-Lockdown auch durchaus positive Seiten abgewinnen kann, nutze ich die Gelegenheit, anderen Mut zuzusprechen. Oder auch nur zuzuhören. Oder ganz normale Gespräche über Gott, die Welt und Corona zu führen. Was doch eine menschliche Stimme und ein bisschen Optimismus alles bewirken können. 
Was mich betrifft, ist das Telefon zu meinem Fenster zur Welt und meinem besten Freund geworden. 
Am meisten telefoniere ich mit meiner Mutter, sie ist mir mit ihrer Energie, ihrem Engagement für andere Menschen und ihrer Unerschütterlichkeit das beste Vorbild. Zudem hatte der Lockdown für sie die härtesten Konsequenzen von uns allen. Sie, die wöchentlich ihre in der ganzen Schweiz verteilten Enkel hütete, Museen und Konzerte oder kranke Freunde besuchte, die immer irgendetwas los hatte, sitzt seit Wochen zu Hause und darf sich kaum mehr aus dem Haus bewegen. Sie hätte also allen Grund, deprimiert zu sein, aber sie ist es nicht. Sie bestellt ihren Garten, kümmert sich um den Haushalt, geht täglich auf einen langen Spaziergang und hört sich dazu den Podcast von Christian Drosten an, sie liest und kümmert sich um Freunde, denen die Decke auf den Kopf fällt. «Wenn mir die Leute erzählen, es sei ihnen langweilig, frage ich mich manchmal, wie die das machen. Ich habe immer etwas zu tun», vertraute sie mir neulich an. Was wohl damit zu tun hat, dass sie nie sich selber, sondern immer das Wohlergehen der anderen ins Zentrum stellt. 

So weit bin ich noch nicht, aber auch mit ihr telefoniere ich mehr denn je. Beinahe täglich tauschen wir uns kurz aus. Auch das verbuche ich auf der Corona-Plus-Seite. Und wenn ich abschliessend noch einen Tipp geben darf: Wenn Sie jemanden anrufen, fragen Sie ihn als erstes, wie es ihm geht – gerade wenn es ihm oder ihr schlecht geht. Und dann versuchen Sie es aufzufangen. Dazu hat man schliesslich Freunde. Das ist es auch, was wir alle von Müttern wie der meinen lernen können: Wer es sich zur Aufgabe macht, sich um andere zu kümmern, wird niemals allein sein. Das ist ein schöner Trost.
Michéle Binswanger ist studierte Philosophin, Journalistin, Buchautorin und langjährige Kolumnistin bei Fritz+Fränzi. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Basel.

Michèle Binswangers Tagebuch in der Übersicht:

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Michèle Binswangers berichtet in ihrem neuen Lockdown-Mamagblog über ihre Erlebnisse im Home Office. Ab sofort bloggt die zweifache Mutter zweimal pro Woche – jeweils Sonntag und Mittwoch. Ihr Blog erscheint auf www.tagesanzeiger.ch und www.fritzundfraenzi.ch.

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