Familienleben

Ausgehungert nach Freunden

Langweilig ist ihr selten, zu erzählen aber hat Michèle Binswanger viel! In ihrem neuen Lockdown-Mamagblog berichtet sie von einer surrealen Reise von Basel nach Zürich. Und einer verrückten Party. 
Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Man sollte sich ja nicht verrückt machen lassen – nur ein kleines bisschen, so weit nämlich, dass die Vorsichtsmassnahmen auch eingehalten werden. Ich bin eine pragmatische Person. Ich glaube, man kann Risiken vermindern, aber man wird es nicht gänzlich ausschalten können. Deshalb erlaube ich meinen Kindern auch nach wie vor, ihre Freunde zu treffen. Und ich selber habe mir nach drei Wochen Lockdown ein Herz gefasst und stieg in einen Zug nach Zürich. Ich wollte meinen Partner und ein paar Freunde sehen, denn alleine geht der Mensch zu Grunde. Also stieg ich eines Samstagmittags in einen Zug nach Zürich. Es war eine höchst surreale Erfahrung.
Ich wollte meinen Partner und ein paar Freunde sehen, denn alleine geht der Mensch zu Grunde. 
Man sollte sich nicht verrückt machen lassen, aber ein bisschen verrückt ist es schon. Zunächst kostete es mich ziemlich viel Überwindung, meine beiden Teenies zu Hause zu lassen und etwas für mich zu tun. Ist das überhaupt noch legal, fragte ich mich, ist es vertretbar, während ich durch die menschenleeren Strassen lief. Ich kam mir vor wie in einem Katastrophenfilm: Trams leer, Bahnhof leer und der Zug zum Glück auch leer. Entsprechend legte sich auch bald meine nervöse Spannung, bis im Tram in Zürich plötzlich eine Frau auf mich zutrat. Ich dachte, sie würde mich nach dem Weg fragen, stattdessen wollte sie Geld. ich gab ihr ein paar Münzen – nur um kurz darauf in Panik auszubrechen. Sie war näher als einen halben Meter an mich herangekommen. Sie hatte mich angesprochen. War ihre Aussprache nicht ein bisschen feucht gewesen? Was, wenn sie mir ihre Corona-Viren ins Gesicht geblasen hatte? Ich machte mir Vorwürfe: Sollte sie mich angesteckt haben, wären bald auch mein Partner, meine Kinder und deren Freunde und Familien angesteckt. Zum Glück stellten sich meine Sorgen als unbegründet heraus. Ich bin nach wie vor kerngesund.
Ist das überhaupt noch legal, fragte ich mich, ist es vertretbar, während ich durch die menschenleeren Strassen lief. 
Und der Ausflug hat sich gelohnt. Es kamen Freunde zu einem Corona-Dinner, wir waren fünf Leute und alle waren so ausgehungert nach menschlicher Gesellschaft, dass wir assen und tranken und am Schluss um die Tische tanzten wie Verrückte. Ein bisschen verrückt ist das alles ja schon. Eine so ausgelassene Stimmung in so kleiner Runde habe ich kaum je erlebt.  Ich kam mir vor, wie eine historische Figur aus den 1920er-Jahren, die goldenen Zwanziger, als der Aufbruch in eine neue Zeit zum Greifen nahe schien und damit die Bereitschaft, ausgelassen zu feiern. 

Ja, liebe Leute, es sind die Zwanzigerjahre, es sind unsere Zwanzigerjahre und wir werden das beste daraus machen – mit oder ohne Corona-Virus. Und wir werden alle ein bisschen verrückt werden, aber es lohnt sich. Bleiben Sie einfach gesund.
Dies ist der zweite Text von Michèle Binswangers neuen Lockdown-Mamagblogs, in dem sie über ihre Erlebnisse im Homeoffice berichtet. Ab sofort bloggt die zweifache Mutter zweimal pro Woche – jeweils Sonntag und Donnerstag. Ihr Blog erscheint auf www.tagesanzeiger.ch und www.fritzundfraenzi.ch.
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Michéle Binswanger ist studierte Philosophin, Journalistin, Buchautorin und langjährige Kolumnistin bei Fritz+Fränzi. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Basel. 

Anmerkung der Redaktion

Liebe Leserschaft,

gerne möchten wir auf die Leserreaktionen zu diesem Beitrag eingehen. Wir können diese auch verstehen. Uns, und auch Michèle Binswanger, geht es in keiner Weise darum, die allgemeinen Weisungen zu umgehen. Das kommt auch in Michèle Binswangers Text klar zum Ausdruck. Versammlungen von bis zu fünf Leuten sind in Ordnung und auch ÖV-Reisen sind erlaubt, wenn sie für die betroffene Person unabdingbar sind. Wir kennen Michèle Binswanger als sehr besonnene, rücksichtsvolle Person, die weder gegen Randständige pöbelt noch sich gegen aktuelle BAG-Weisungen auflehnt.

Lesen Sie  bitte auch die Stellungnahme von Frau Binswanger im Anschluss unserer Mitteilung.

Herzliche Grüsse
Ihr Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi (Zürich, 9. April 2020)

Stellungnahme von Michéle Binswanger:

Liebe Leserschaft, vielleicht war das Wort Party missverständlich. Wir hatten einen sehr anregenden Abend mit Musik zu fünft. Wir haben zusammen gegessen und am Schluss haben wir getanzt, beides mit angemessenem Abstand. Es stand überall Desinfektionsmittel herum. Es wurde niemand gefährdet.

Michèle Binswanger

Michèle Binswangers Tagebuch in der Übersicht: 


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