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Familienleben

Geschwister: Kriegsbeil und Friedenspfeife

Kinder können selten mit ihren Geschwistern, aber noch seltener ohne sie. Sie rivalisieren ein Leben lang um die Liebe ihrer Eltern. Sie sind einander Halteseil, aber auch lästige Fessel. Trotzdem ist es die längste Beziehung des Lebens.
Text Claudia Landolt
Bilder: Gabi Vogt / 13 Photo
Weisst du noch, als wir von unserem kleinen Bruder fünfzig Rappen verlangten, damit er unser Zimmer betreten durfte?

Weisst du noch, als wir einander durchs Haus gejagt haben, jeder bewaffnet mit einem Deospray unseres grossen Bruders?

Weisst du noch, wie oft du mich gehauen hast, weil ich dir angeblich einen Legostein geklaut habe?

Jeder, der Geschwister hat, kennt solche Geschichten. Man sucht sie sich nicht aus, die Geschwister. Man wird vor ihnen, nach ihnen oder zwischendrin in die Familie geboren und muss seinen Platz finden. Mit ihnen, gegen sie. Man bleibt ihnen lebenslang verbunden, meist länger als den Eltern oder dem Partner oder den eigenen Kindern. «For better or worse», wie die Engländer sagen.

«Auf Gedeih und Verderb»: Diese Ambivalenz ist typisch für viele Geschwisterbeziehungen. Innige Vertrautheit, Rivalität, Eifersucht, gegenseitige Unterstützung, Gleichgültigkeit, Liebe und Hass – alles kommt vor zwischen Geschwistern. Nichts wird ausgelassen.

Zum Beispiel bei Benjamin. Der Elfjährige sagt über seine beiden Geschwister: «Moritz wollte immer mit meinen Lego spielen und befand, das wären seine. Nie gab er sie zurück. Und meine Schwester erlaubt mir nicht, ihr Bad zu benutzen, bloss weil es näher an ihrem Zimmer liegt.»

Oder der elfjährige Matthias. Kaum kreuzen die Freundinnen seiner siebenjährigen Schwester auf, wird der ansonsten recht angepasste Junge zum grässlichen Störenfried. Er ärgert die Mädchen so lange, bis der Besuch weinend abzischt und er mitsamt Eltern zur Aussprache geladen wird. Fragt man ihn, weshalb ihn die Mädchen stören, sagt er: «Weil sie sich wie die Chefs aufführen!»
«Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife – nur Geschwister können beides.»
Kurt Tucholsky
Und da gibt es noch Lara. Die 13-Jährige ist das jüngste von vier Geschwistern und das einzige Mädchen in der Familie. Sie ist eine langsame Esserin. Aber eine organisierte: Sie hebt alles fein säuberlich angeschrieben im Kühlschrank auf, um es zu einem späteren Zeitpunkt zu essen. Doch dazu kommt es nie: Irgendein Bruder ist immer schneller.

Ja: So gemein!

Ein sonderbares Band

Mögen sich – und raufen gerne: Michelle, 14, mit ihren Brüdern Beni, 11, und Moritz, 9.
Mögen sich – und raufen gerne: Michelle, 14, mit ihren Brüdern Beni, 11, und Moritz, 9.
Jeder, der Geschwister hat, kennt das eigenartige Band, das Schwestern und Brüder verknüpft – allen Verschiedenheiten zum Trotz. Die Geschwisterforschung in der Psychologie hat sich lange nur auf die problematischen Aspekte dieser Beziehung konzentriert. Vorherrschendes Thema: die geschwisterliche Rivalität und Eifersucht.

Das beginnt beim ersten Brudermord in der Geschichte der Menschheit. Kain erschlägt seinen Bruder Abel, weil er sich benachteiligt fühlt. Ebenso sind die biblischen Geschichten von Jakob und Esau, Josef und seinen Brüdern oder dem verlorenen Sohn Eifersuchtsdramen. Auch in Mythen und Märchen wird das Thema der Bevorzugung des einen und der Zurücksetzung des anderen Kindes aufgegriffen. Rivalität unter Geschwistern, das scheint über alle Zeit- und Kulturgrenzen hinwegreichende grundsätzliche, ja urmenschliche Erfahrung zu sein: das Gefühl, bedroht zu werden durch die anderen, ungleiche Chancen zu haben, nicht verstanden zu werden. Gleichzeitig – gerade so, als ob das eine untrennbar mit dem anderen verbunden sei – berichten all die Geschwister-Geschichten aber auch vom Gegenteil: von einer tiefen Verbundenheit zueinander, von gegenseitiger Unterstützung und Versöhnung.

Die US-amerikanische Autorin Francine Klagsbrun hat für ihr Buch «Der Geschwisterkomplex» zahlreiche erwachsene Brüder und Schwestern interviewt. Sie war überrascht von der grossen Emotionalität der befragten Geschwister. In den Interviews für das Buch hätten sich plötzlich reife Frauen angegiftelt, als befänden sie sich wieder mitten auf dem Pausenplatz. 
«Zum Gedeihen braucht ein Kind keine Geschwister.»
Jürg Frick, Psychologe
Gestandene Männer hätten sich in kleine, unsichere Jungs verwandelt, sobald man auf den grossen, allmächtigen Bruder zu sprechen kam.

Es ist eben aus besonders haltbarem Material, das unsichtbare Band, das die Geschwister verbindet. Selbst wenn man es manchmal gern durchtrennen würde, gelingt das nur schwer. Man kann selten mit Geschwistern, aber noch seltener ohne sie.
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«Geschwister sind unsere ersten Spielpartner. Wir empfinden mit ihnen Gefühlspremieren wie Liebe, Wut und Eifersucht.»
Susann Sitzler, Buchautorin «Geschwister»

Geheimnis Gleichberechtigung

Anders als die Beziehung zu den Eltern ist die geschwisterliche Beziehung nicht von Abhängigkeit und Hierarchie geprägt, sondern beruht auf Gleichberechtigung. Bruder und Schwester sind einander die herrlichsten und direktesten Kritiker. Die eigenen Geschwister zu kritisieren, fällt ja leicht: Die Kritik ist nicht, wie die der Eltern, mit Strafe verbunden, und sie zieht nicht, wie in Freundschaften, einen Rückzug oder Kontaktabbruch mit sich.

Der deutsche Psychoanalytiker Horst Petri («Geschwister – Liebe und Rivalität») sagt, diejenige Liebe, die zu Selbsteinsicht und Veränderung anregt, sei am ehesten in Geschwisterbeziehungen möglich. Psychologen machen denn auch geltend, dass die Beziehungen unter Geschwistern in der Regel als positiv und glückstiftend empfunden werden – jedenfalls wenn es gelingt, anders und doch gleichberechtigt zu sein.
«Geschwisterliebe ist nicht naturgegeben. Auch wenn wir uns das vielleicht wünschen.»
Susann Sitzler, Buchautorin «Geschwister»
Kindern sind all diese komplizierten Zusammenhänge natürlich nicht bewusst. Sie sind clevere Anarchisten und torpedieren, zumindest in jungen Jahren, den Sozialkodex der Erwachsenen. Dass es dabei zu- und her geht wie im Wilden Westen, ist völlig normal. Schon Kurt Tucholsky wusste: «Indianer sind entweder auf Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife – nur Geschwister können beides.» Ohne Streitereien geht das nicht ab. Sehr zum Leidwesen der Eltern, die bereits vom allmorgendlichen Zank darum, wer zuerst Nutella bekommt, total genervt sind.

Dossier: Geschwister

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Lesen Sie in unserem Dossier, ob Geschwister wichtig für die Entwicklung eines Kindes sind, fünf Mythen über Geschwister und wie man mit dauerndem Streit zwischen Bruder und Schwester umgehen kann.

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