Corona-Lockerungsübungen von Mikael Krogerus
Familienleben

Corona-Lockerungsübungen

Ist die erste Ruhe nach dem Corona-Sturm der erste Vorgeschmack auf die Pensionierung? Mikael Krogerus macht sich Gedanken über die neue Stille zuhause. 
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Jetzt sind die Kinder nicht mehr im Haus. Wir aber sind noch da, denn nur das Homeschooling ist vorbei, das Homeoffice hat weiterhin geöffnet. 

Sobald die beiden morgens raus sind, wird es ruhig in der Wohnung. Aus dem Zimmer des Sohnes dringt kein dumpfer Rap-Bass, aus dem Zimmer der Tochter hört man kein plapperndes WhatsApp-Gespräch. Niemand knallt mehr mit den Türen, niemand ruft mehr durch die Wohnung, ob die Wäsche schon fertig sei. 

Seltsam ruhig ist es. Nicht wie die Ruhe vor dem Sturm, eher wie die Stille nach dem Schuss.

Die Katzen schleichen interessiert durch die verlassenen Zimmer der Kinder, beschnuppern die Kleider der Tochter, die achtlos auf den Boden geworfen wurden, kriechen durch den Müll unter dem Schreibtisch des Sohnes. Von Katzen ist bekannt, dass sie Orte mehr lieben als Menschen, dass sie also, verlassen ihre Besitzer ein Haus, um ein anderes zu beziehen, am liebsten im alten Gebäude blieben. Suchen sie vielleicht unsere alte Wohnung unter dem Schreibtisch unseres Sohnes? Jetzt legen sie sich ins Bett der Tochter und schlafen friedlich ein. Ob sie es geniessen, dass niemand da ist? Oder ist es umgekehrt so, dass sie den Trubel vermissen? Oder geht es ihnen vielleicht wie mir: Ich geniesse die Ruhe und vermisse den Trubel. Es muss doch mehr als alles geben, sinnierte einmal der grosse Philosoph und Menschenkenner Charlie Brown. 
Ich geniesse die Ruhe und vermisse den Trubel. 
Vor der Corona-Zeit sind wir morgens aus dem Haus gegangen und abends zurückgekehrt, wie Soldaten von der Front. Erschöpft, voller Eindrücke und Geschichten. 

Während der Corona-Zeit erlebten wir: nichts, aber das gemeinsam. 

Jetzt in der Post-Corona-Zeit gehen die Kinder und wir bleiben. Sie entgleiten mir. Es ist eine Art Vorgeschmack auf die Zeit, wenn sie nicht mehr bei uns wohnen, und wir nicht mehr arbeiten. 

Laute Schritte im Treppenhaus reissen mich aus meinen frühherbstlichen Überlegungen. Die Haustür wird mit einem Knallen aufgerissen, ein Laut, den nur Jugendliche und Kinder im Stande sind einer Türfalle zu entlocken, noch aus dem Flur ruft meine Tochter: «Darf ich heute bei meiner Freundin übernachten», zeitgleich meine Frau von oben: «Die Flaschen müssen noch weggebracht werden», wieder meine Tochter: «Die Katze kotzt in den Flur» – und mir fällt ein, dass ich noch nicht einkaufen war. 

Auf die Stille werden wir noch etwas warten müssen.

Mikael Krogerus ist Autor und Redaktor des «Magazin». Der Vater einer Tochter und eines Sohnes lebt mit seiner Familie in Basel.

Neu schreibt er einmal pro Woche eine Kolumne zum Thema Corona. 

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  • Das Ende vom Anfang
    Unser Kolumnist Mikael Krogerus sinniert über seine Grabinschrift und wer eigentlich die Gallionsfigur der aktuellen Krise sein könnte. 
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