Bestattung von Kindern und Jugendlichen
Familienleben

Kinderbestattungen: Wenn jedes Detail zählt

Wenn Eltern ein Kind verlieren, gibt es nichts, was ihnen den Schmerz nehmen kann. Umso wichtiger ist es, dass man sie gerade jetzt liebevoll begleitet. Eva Finkam erlebt dies täglich. Sie ist die einzige Bestatterin in der Deutschschweiz, die auf Kinder- und Jugendbestattungen spezialisiert ist. 
Text: Bianca Fritz
Bilder: Bianca Fritz und Familie Dreier
Ihr Leichenwagen ist nicht schwarz, sondern silbern – innen stets in der Lieblingsfarbe des verstorbenen Kindes ausgekleidet. Den Körper eines Babies trägt sie nicht aus dem Keller-Ausgang der Pathologie, sondern legt den kleinen Sarg in eine Stofftasche, damit sie das Spital durch den Haupteingang verlassen kann. «Das ist würdevoller», sagt die Bestatterin aus Attiswil BE.

Diese letzten Tage in denen der Körper des Kindes noch da ist, brennen sich tief in das Gedächtnis der Eltern ein. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Bilder schöne Bilder werden. «Erinnerungskultur anlegen», nennt Eva Finkam das. Und genau aus diesem Grund sei es eben nicht egal, ob die Kerzen am Kindersarg gelb oder hellblau sind. Alles muss so sein, dass es der Tochter gefallen hätte.
 
Was Eltern in diesen letzten Tagen brauchen, sei sehr unterschiedlich, aber eines hätten alle Eltern gemeinsam: «Sie bereuen hinterher immer nur das, was sie nicht gemacht haben.» Deshalb bietet Eva Finkam den Eltern immer wieder an, dabei zu sein, Aufgaben zu übernehmen – auch wenn sie im ersten Moment alles von sich weisen. «Viele Eltern trauen sich zuerst nicht zu, den Körper ihres Kindes selbst zu salben, anzukleiden, oder den Sarg selbst hinabzulassen – aber wenn es dann so weit ist, ändern sie oft ihre Meinung und wollen diese letzten Liebesdienste übernehmen», sagt die Bestatterin. 

Diese Reaktion ist verständlich: Zum einen weil der Umgang mit Gestorbenen in unserer Gesellschaft ein Tabu ist. Zum anderen ist die Situation eine emotionale Überforderung: Es sind unheimlich viele Entscheidungen zu treffen und über all dem steht der lähmende Schmerz. 

Sie wollte ihre tote Tochter berühren, festhalten.

Heute ist Dominique Dreier bei Eva Finkam zu Besuch. Wenn die Mutter an die Tage nach dem Tod ihrer Tochter denkt und davon erzählen möchte, muss sie sich stark konzentrieren. Manche Momente hat sie ganz klar vor sich, aber zeitlich verwischt vieles in ihrer Erinnerung. Der Tag, an dem ihre neunjährige Jade auf der Pferdewiese umgefallen ist, ist jetzt neun Monate her. Sofort war jemand bei ihr, hielt sie fest und rief die Ambulanz – was passiert war, hatte niemand gesehen.

Später stellte sich heraus, dass ein Pferd in Jades Bauch getreten und ihre Leber getroffen hatte. Ein tragischer Unfall – denn Jade liebte nichts mehr als das Zusammensein mit diesen Tieren und wusste, wie sie mit ihnen umgehen muss. Jade starb noch am selben Abend im Spital. Der Moment, als die Ärzte der Mutter die Nachricht überbrachten? «Ich habe keine Worte dafür», sagt Dominique Dreier – und findet sie dann doch. «Wenn dein Kind geboren wird, ist das der grösstmögliche körperliche Schmerz, wenn du von seinem Tod erfährst, der grösste seelische.» Mit dem Schrei der Mutter schliesst sich ein Kreis. Viel zu früh.
Der Instinkt von Dominique Dreier sprach in diesem Moment eine klare Sprache: Sie wollte einfach nur bei ihrer Tochter sein. Sie berühren, sie halten. Doch dann hiess es plötzlich, dass sie sie freigeben müsse, für die Gerichtsmedizin. Feiertage standen bevor. «Ich hatte keine Ahnung, wann ich Jade wiedersehe», erzählt die Mutter. Sie spricht nicht von einem Leichnam. Sie spricht von ihrer Tochter, die ihr weggenommen wurde. 

Einige Tage später konnte sie wieder zu Jade. «Mir waren wichtige Tage mit Jade genommen worden. Ich hatte das Bedürfnis jede Minute bei ihr zu sein, ihre Nähe zu spüren und sie zu berühren. Ich wollte sie nicht zurücklassen.» 

Andere Bedürfnisse als beim Grosi

«Familien, in denen ein Jugendlicher oder ein Kind stirbt, haben andere Bedürfnisse, als wenn ein Grosi mit 90 Jahren friedlich aus einem erfüllten Leben scheidet», sagt Eva Finkam. Deshalb hat sie sich nach ihrer Ausbildung als Bestatterin zur Familientrauerbegleiterin weiterbilden lassen und sich mit Sternlicht Bestattungen selbständig gemacht. Heute bietet sie auch Weiterbildungen zum Thema Kinderbestattungen an. «Eine authentische, persönliche und zum Kind in seinem einzigartigen Wesen passende Bestattung ist oft der grösste Wunsch der Familie», sagt sie. 

Wenn Eva Finkam die Bestattung organisiert, werden die Kindersärge oft von Familienmitgliedern angemalt. Manchmal sind sie bei der Abdankung über und über mit buntem kindlich-fröhlichem Spielzeug und Selbstgemachtem übersät – ganz so, wie es die Familie für richtig hält. «Es gibt keine feste Regel, wie ein Abschied sein muss – es muss einfach zur Familie passen.»
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«Die Tage vor der Bestattung sind kostbar und nicht wiederholbar. Hier wird Erinnerungskultur angelegt.»
Eva Finkam, Bestatterin
Viele Familien wüssten gar nicht, wie viel möglich ist und hielten sich deshalb an den üblichen Ablauf, sagt Finkam. Dabei würden genau in diesem Zeitraum die Weichen für eine gelingende Trauerarbeit gestellt. «Es sind kostbare, nicht wiederholbare Tage.»
 
Auch für die Eltern und die Geschwister von Jade Dreier standen in den Tagen nach ihrem Tod unheimlich viele Entscheidungen an. Sollte Jade noch einmal nach Hause kommen? Wo könnten Familie, Schule, Freunde Abschied nehmen? Wie sollte das letzte Fest für die Neunjährige gestaltet werden? Wer bleibt bei den Eltern, damit sie in diesen Tagen nicht alleine sind? Dominique Dreier war froh, dass ihr viele Entscheidungen abgenommen wurden – dass ihnen als Eltern von allen Seiten Beistand zuteil wurde. Denn natürlich hatte sie sich über eine mögliche Bestattung ihrer Kinder nie Gedanken gemacht. 
Zu manchen Themen hatten die Eltern von Jade eine ganz klare Meinung: «Wir haben alle klassischen Begriffe abgelehnt», sagt die Mutter. So hiess die Feier für Jade nicht Beisetzungsfeier oder Abschied, sondern Lebensfeier. Sie fand nicht auf einem Friedhof, sondern draussen statt, an dem Ort, wo Jade auch getauft wurde. Die Menschen sammelten Steine, Blumen, Holz auf dem Weg dorthin und legten Mandalas. Jades Schulfreunde liessen Luftballons steigen. Die Feier sollte sein wie Jade: voller Strahlen und verbunden mit der Natur. Bei dieser Feier platzierte das Ehepaar Dreier auch seine eindringliche Bitte der Eltern an alle Freunde und Bekannte und die Dorfgemeinschaft: »Sprecht mit uns über das, was passiert ist. Unsere Türen sind offen und wir sind dazu bereit.»
 
Eva Finkam nickt. Sie kennt die Scheu und die Unbeholfenheit, die viele im Umgang mit trauernden Eltern empfinden. «Sie haben Angst etwas Falsches zu sagen und tun gerade deshalb so, als sei alles in Ordnung.» «Ja!», bekräftigt Dominique Dreier. Ein legeres «geht's gut?» sei verletzend. «Natürlich geht es mir nicht gut! Wir müssen uns komplett neu finden. Worte wie Lebensfreude oder Glücksmomente müssen neu definiert werden. Was bedeutet gut jetzt für uns?»
«Viele Menschen haben Angst, Wunden aufzureissen, wenn sie uns auf Jade ansprechen. Aber das geht gar nicht. Denn für uns ist sie immer präsent.»
Dominique Dreier
Dominique Dreier sagt, dass viele Menschen Angst davor hätten, Wunden aufzureissen, wenn sie über Jade sprechen würden. «Aber das ist gar nicht möglich. Denn für uns ist Jade immer präsent. Wir werden immer bereit sein, über unsere geliebte Tochter zu sprechen.»

Hingegen berühre es sie sehr, zu hören, dass Jade in vielen Herzen einen Platz hat. Dass die Kinder ein Pult für Jade im Klassenzimmer gestaltet haben und zu ihrem Gedenkplatz pilgern. «Nichts kann den Schmerz wirklich lindern, aber die Anteilnahme gibt uns das Gefühl getragen zu werden.» Für Familie Dreier war von Anfang an klar, dass sie auch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen würden – zu Beispiel von der Seelsorgerin und einer Trauerbegleitung.

Ausserdem suchten sie den Austausch mit anderen Eltern, die ein Kind verloren haben über die Jasmina Soraya Stiftung. «Wir werden von vielen Menschen begleitet, die uns immer wieder Sicherheit und Vertrauen geben. Sie sprechen uns Mut zu, unterstützen uns, positive Momente wahrzunehmen und uns als Familie neu zu finden. Denn nichts fühlt sich mehr so an wie früher», sagt Dominique Dreier.

Wie man trauernden Eltern spricht – Ideen von Domique Dreier

Auch eigene Rituale tragen zur Heilung bei. So entzündet die Familie jeden Morgen Kerzen auf der Truhe mit Jades Urne und spricht jeden Abend Gutenacht-Worte in Jades Zimmer. 
 
Wenn der Tod eines Kindes nicht plötzlich kommt, sondern eine Krankheit vorausging, haben Eltern und Kinder eine Chance, sich auf die letzten Tage vorzubereiten – auch solche Fälle begleitet Eva Finkam. Sie nimmt in ihrem Bestattungsinstitut eine besonders schön gestaltete Urne zur Hand, eine Sonderanfertigung für ein krebskrankes Mädchen. Diese habe sich eine Urne gewünscht mit einem Schmetterling, der gleichzeitig aussieht, als ob er abfliegt und als ob er landen würde. «Es ist diese ganz besondere Weisheit von Kindern, die bald sterben werden, die mich in meinem Beruf oft tief berührt», sagt die Bestatterin.
 
Für das Gespräch mit dem ElternMagazin und der Bestatterin hat Mutter Dominique Dreier die Hauptperson, um die es geht, mitgebracht: ihre verstorbene Tochter Jade Pearl – in einer perlenförmigen Urne mit einer Kette an der ein Herz aus Jade-Stein hängt. Die Bestatterin improvisiert sofort, als sie die Urne sieht und baut ihr auf einem Stuhl einen kleinen Altar auf mit einem Sternentuch geschmückt und Kerzen. Die kleinen Details eben. 
Eva Finkam und Dominique Dreier mit Jades Urne
Eva Finkam und Dominique Dreier mit Jades Urne

Wie spricht man mit Eltern, die ein Kind verloren haben?

Die folgenden Vorschläge stammen von Dominique Dreier, die ihre neunjährige Tochter Jade bei einem Unfall verloren hat. Sie spricht vor allem aus ihrer eigenen Erfahrung und möchte damit anderen Eltern in einer ähnlichen Situation helfen.

Folgende Reaktionen tun uns gut:

  • «Wir fühlen mit euch, es tut uns so leid.»
  • «Jade wird immer einen Platz in unserem Herzen haben.»
  • «Wie geht es dir/euch heute?»
  • «Wie können wir euch beistehen / euch unterstützen?»
  • Konkrete Vorschläge zur Unterstützung (z.B. kochen, Fahrdienste ...) sind hilfreich.
  • Proaktive Kontaktaufnahme – nicht warten, bis wir uns melden.
  • Sprecht mit uns über unser Kind – denn sie wird für immer ein Teil von uns sein.
  • «Wir denken an euch.»

Solche «Ratschläge» und Worte sind unangebracht und schmerzhaft für uns:

  • «Das Leben geht weiter.» (Für uns steht die Zeit still.)
  • «Die Zeit heilt alle Wunden.» (Diese Wunde heilt nicht. Wir müssen lernen mit der Wunde zu leben.)
  • «Geht es euch gut?» / «Alles klar?»
  • «Ihr müsst stark sein für eure Kinder.»
  • «Ihr habt ja noch zwei Kinder.»

Buchtipps für trauernde Eltern und Interessierte von Eva Finkam

  • Mechtild Schroeter-Rupieper: Für immer anders. Das Hausbuch für Familien in Zeiten dr Trauer und des Abschieds. Patmos, 2018. Ca. 25 Franken

  • Flor Schmidt: Weiter als das Ende. Wie mit dem Tod meines Sohnes etwas Neues begann. Patmos, 2018. Ca. 28 Franken

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