Stefanie Rietzler: Stofftiere werden zum Problemlöser
Elternbildung

Nasenbär Giancarlo muss bei Fehlern immer niesen

Oft hilft es Kindern, wenn man ein Problem von ihrer Person trennt und ihm die Form eines Stofftieres oder Fantasiewesens gibt.
Text: Stefanie Rietzler
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Kennen Sie den Nasenbären Giancarlo? Falls nicht, müssen Sie ihn unbedingt kennenlernen. Giancarlo hilft ungeduldigen Eltern – und Kindern, die sich nur ungern korrigieren lassen. Erfunden hat ihn die Mutter eines Erstklässlers, die den Nasenbären bei einem Ausflug in den Zoo im Stofftier-Regal gefunden hatte. Sie schrieb unserem Team einmal:

«Giancarlo hat sich im Schulrucksack meines Sohnes versteckt und kommt zu allen Kindern im Schulalter. Er erschnüffelt Fehler und muss schrecklich niesen, wenn er einen entdeckt. Manchmal fällt er dabei auch um. Hat also mein Sohn seine Hausaufgaben selbständig gemacht und für sich kontrolliert, springt Giancarlo auf das Pult. Mein Sohn erklärt ihm, was er gemacht hat, und lässt ihn dann schnüffeln. Niest der Nasenbär, sucht mein Sohn selber den Fehler und korrigiert ihn. Das Vieh ist für uns eine Erlösung, es entstehen keine Fronten. Wir haben richtig Spass beim Korrigieren. Giancarlo ist hingegen etwas grummelig, er findet fast keine Fehler mehr. Aber damit können wir leben. Er bekommt dafür selbst gesammelte Haselnüsse.»
«Das Vieh ist für uns eine Erlösung. Es entstehen keine Fronten. Wir haben richtig Spass beim Korrigieren.» 
Intuitiv hat die Mutter eine Methode angewandt, die viele Kinderpsychologinnen und Sozialpädagogen nutzen, um mit Kindern über schwierige oder schambesetzte Themen zu sprechen. 

«Das Problem ist das Problem, die Person ist nicht das Problem»

Dabei verlagert man ein Problem für den Moment nach aussen und trennt es bewusst von der Person: Nicht das Kind beherrscht die Rechtschreibung nicht, sondern ein Fehlerteufel war am Werk. Nicht das Kind ist launisch, sondern eine Motzkuh hat sich in den Raum geschlichen. Nicht die Mutter weist den Sohn zurecht, sondern Giancarlo bekommt Niesanfälle. Der australische Psychotherapeut und Sozial­arbeiter Mi­chael White und sein Kollege David Epston schreiben zu diesem Vorgehen: «Das Problem ist das Problem, die Person ist nicht das Problem.» 

Jüngere Kinder können sich oft mühelos auf eine solche Vorstellung einlassen und gestalten sie begeistert mit: Sie beschreiben ihr Angstmonster als dickes, zottelig-schwarzes Wesen, das bei der Prüfung aus der Tasche kriecht, oder sprechen darüber, was ihr Muttier ihnen einflüstert.
 
Vielen Kindern macht es Freude, dieses neu entdeckte Wesen näher kennenzulernen. Plötzlich können sie eine Schwierigkeit angehen, vor der sie sonst vielleicht zurückschrecken oder sich verschliessen würden. Dabei helfen Fragen der folgenden Art:

  • Wie schaut das Wesen aus? Kannst du es mir beschreiben? Willst du es vielleicht malen?
  • Wie heisst es?
  • Wann kommt es hervor? 
  • Was macht es, wenn es nicht bei dir ist? Wo steckt es dann?
  • Was sagt es zu dir?
  • Hat es denn immer Recht?
  • Hat es auch etwas Gutes? Wobei hilft es dir?
  • Wann wäre es gut, wenn du es ein wenig zähmen könntest? Wie könnte das gehen?
  • Konntest du es schon mal besiegen? Wie war das genau?
  • Aha, manchmal stört es dich? Wo könnte es dann hingehen? Wie kannst du ihm zeigen, wo sein Platz ist?

Lösung in Form eines Helfertiers

Oft sind Kinder auch für einen Lösungsvorschlag offener, wenn er in Form eines Helfertiers, einer guten Fee oder eines unsichtbaren Superhelden daherkommt. Wir können das Kind fragen, welches Tier denn besonders gut mit der Situation umgehen könnte und was dieses wohl tut und zu sich sagt, um sich mutiger zu fühlen, auf andere zuzugehen oder gut zuzuhören. 

Eine helfende Figur muss nicht unbedingt vom Kind selbst entwickelt werden. So brachte eine Lehrerin ihrer ersten Klasse einen Plüschhund mit Leine und einem Körbchen mit. Sie stimmte mit den Kindern über dessen Namen ab und erzählte ihnen, dass dieser Hund unbedingt regelmässig Auslauf brauche. Wurde eine Schülerin oder ein Schüler im Unterricht hibbelig und unruhig, sagte sie: «Gehst du kurz mit unserem Hund Gassi? Ich glaube, der braucht ein wenig Bewegung.» Das Kind lief die zuvor vereinbarte ­Strecke ab und setzte den Hund danach wieder ins Körbchen. Ist das nicht eine wunderbare Möglichkeit, die Situation zu entspannen, ohne einzelne Schülerinnen und Schüler zurechtzuweisen oder zu beschämen?
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Es muss nicht immer ein Tier oder Monster sein, das Kindern dabei hilft, sich mit ihren Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. 

Eine Lehrerin erzählte mir von einem ADHS-betroffenen Jungen, der auf Ermahnungen und Kritik sehr explosiv reagierte. Ein Problem, das sie unbedingt mit ihm angehen wollte, war sein andauerndes Plappern und Singen während der Still­arbeit, das zunehmend auch die anderen Kinder störte. 

«Wo ist der Ausknopf für dein Radio?»

Als der Junge etwas abseits sass und wieder einmal vor sich hinredete und trällerte, setzte die Lehrerin sich neben ihn und flüsterte ihm zu, dass sich wohl «sein Radio» eingeschaltet habe. Der Junge sah sie verwundert an. Dann erklärte die Lehrerin kurz, warum es wichtig sei, dass bei der Stillarbeit die Radios ausgeschaltet sind, und fragte, ob er denn einen «Ausknopf» für seines wüsste. Der Bub überlegte eine Weile und zeigte auf sein Kinn. «Super! Magst du es ausschalten oder soll ich?», wollte sie wissen. Der Junge grinste, drückte mit dem Zeigefinger auf sein Kinn und war still. Seine Lehrerin lächelte und bedankte sich. Wenn der ­Junge später wieder zu plappern und singen begann, gab die Lehrerin unauffällig das «Radio-Ausschalt-Zeichen» in seine Richtung. Immer häufiger gelang es ihm, sich selbst im richtigen Moment daran zu erinnern, dass das Radio Sendepause hat und die Lippen sich schliessen. Die Lehrerin war erstaunt, als sie plötzlich andere Kinder sah, die sich gegenseitig das Radio-Aus-Signal gaben, wenn es ihnen zu laut wurde.
Kindern macht es Freude, das neue Wesen kennenzulernen. Plötzlich können sie eine Schwierigkeit angehen, vor der sie sich sonst verschliessen.
Wir können nicht nur Probleme ins Aussen verlagern, um uns bewusst um sie zu kümmern, sondern auch schöne und wichtige Aspekte unseres Lebens. So schreibt Daniela Kunkel in ihrem Kinderbuch «Das kleine WIR»: «Ein WIR entsteht überall dort, wo sich ­Menschen mögen.» Das WIR, ein sympathisches, grasgrünes Wesen, will von den Freunden Ben und Emma gepflegt werden, damit es gross, gesund und glücklich bleibt. Wenn Kinder fies zueinander sind, sich beschimpfen oder streiten, schrumpft das WIR und fühlt sich schlecht. Dies bietet einen tollen Einstieg, um in der Familie oder im Kindergarten zu überlegen, was dem WIR guttun würde und wie man es pflegen kann.

Stefanie Rietzler

ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com
Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 

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Stefanie Rietzler schreibt diese Kolumne im Wechsel mit ihrem Kollegen Fabian Grolimund.
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