Elternbildung

«Du gehst jetzt raus, bis du dich wieder beruhigt hast»

Oft sind Kinder so gefangen in ihrer Wut, dass sie andere mit ihren Ausrastern ängstigen. Viele Eltern und Lehrpersonen verordnen dem tobenden Kind dann eine «Auszeit». Dabei wäre es förderlicher, sich in das Kind hineinzufühlen und ihm zu helfen, seine Wut in Worte zu fassen.
Text: Stefanie Rietzler
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Die Augen des Mädchens verengen sich zu Schlitzen. «Wenn du mir noch einmal so eine schwierige Aufgabe gibst … dann … dann!» Mit einem Knall schmettert sie ihr Wasserglas auf die Tischplatte.

Die Drittklässlerin ist zu einer Diagnostiksitzung bei mir. Noch vor einer Viertelstunde haben wir vergnügt Uno gespielt, nun scheint die Luft zu knistern. «Dir wird gerade alles zu viel», sage ich. Tränen steigen ihr in die Augen. «ICH. HASSE. AUFGABEN. LÖSEN», schreit sie. Mit einem Satz springt das Mädchen auf, wischt das Material vom Tisch und stürzt sich in die Puppenecke.

Immer wieder erzählen mir Eltern und Lehrpersonen von ähnlichen Situationen, von Kindern und Jugendlichen, die bei vermeintlichen «Kleinigkeiten in die Luft gehen und ausrasten» und «überhaupt nicht mit Frust umgehen können». Und immer wieder wird in solchen Situationen ein einfaches Erziehungsmittel propagiert: die Auszeit (Time-out).

Das Kind soll lernen, sich selbst zu beruhigen

Die Methode stammt aus der Verhaltenstherapie: Indem man sich dem Kind nicht mehr zuwendet, es systematisch ignoriert beziehungsweise in einen anderen Raum schickt, soll es unter anderem einsehen, dass ihm sein Wutausbruch «nichts bringt». Mit der Zeit sollen Kinder so lernen, sich selbst zu beruhigen und sich «angemessener» zu benehmen.

Lernen Kinder, mit ihren Gefühlen umzugehen, wenn wir sie damit alleine lassen oder diese bewusst ignorieren? Wendy Middlemiss, Psychologin an der Universität Nordtexas, wollte es genau wissen. In einer Studie liess sie Mütter ihre Säuglinge abends zu Bett bringen. Das Schreien wurde ignoriert. Die Babys sollten lernen, sich selbst zu beruhigen und alleine einzuschlafen. Bereits am dritten Tag hörten die Säuglinge auf zu schreien und fanden selbst in den Schlaf.

Die Forscherinnen massen aber auch das Stresshormon Cortisol im Speichel der Kinder. Dabei zeigte sich, dass die Säuglinge lediglich äusserlich ruhig wirkten, innerlich jedoch sehr gestresst waren. Der Cortisolspiegel war nicht nur vor dem Einschlafen erhöht, sondern auch noch während des Schlafens.

Dieses Ergebnis unterstreicht die These vieler Bindungsforscherinnen und -forscher: Die Säuglinge lernen nicht, sich selbst zu beruhigen. Sie lernen, dass ihnen in der Not sowieso niemand zu Hilfe kommt und sie sich nicht voll auf ihre Bezugsperson verlassen können.

Auszeiten folgen einer ähnlichen Logik: «Unerwünschte Verhaltensweisen» des Kindes sollen «gelöscht werden». Solche Programme bergen immer die Gefahr, dass wir Erwachsenen es verpassen, nach dem guten Grund für die Gefühle und das Verhalten der Kinder zu suchen. Und dass sie zwar äusserlich zu funktionieren scheinen, das Kind aber lediglich lernt, seine Gefühle nicht mehr zu zeigen.
Wut zeigt uns und unserer Umgebung an, dass jemand unsere persönlichen Grenzen übertritt oder uns an einem 
Ziel hindert, das uns wichtig ist. 
Wenn wir in der Kindheit dazu gebracht werden, bestimmte Gefühle zu unterdrücken, wird es schwierig. Wut zeigt uns und unserer Umgebung beispielsweise an, dass jemand unsere persönlichen Grenzen übertritt oder uns an einem Ziel hindert, das uns wichtig ist. Wenn wir verlernen, darauf zu hören, was unsere Gefühle uns mitteilen möchten, dann:

  • verharren wir eher in Situationen, die uns langfristig nicht guttun,

  • verlieren wir die Energie, eigene Grenzen zu setzen und für diese einzustehen,

  • entwickeln wir keine Wege, um konstruktiv mit diesen Empfindungen umzugehen.

Oft sucht sich die Wut in der Folge ihren eigenen Weg, schlägt auf den Körper (Herzleiden, Kreislaufprobleme, Verspannungen) oder entlädt sich bei Menschen, die nichts dafür können.

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3 Kommentare

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Von Ralf am 17.10.2019 11:10

Als Vater von mittlerweile 2 erwachsenen Töchtern (26+30J), kann ich nur sagen: Hätte ich den Artikel von Frau Rietzler nur mal schon vor 30 Jahren gelesen... Vielen Dank für Ihre klare Sprache und dass Sie komplizierte und umfassende Themen so gut auf den Punkt bringen. Ihre Kolumne ein Ratgeber für die Praxis. Sehr gut!

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Von Nadja am 08.10.2019 15:28

Wie von vielen anderen bisher gelesenen Artikeln der Autorin, bin ich ein weiteres mal beeindruckt wie fundiert und gleichzeitig lebenspraktisch komplexe psychische Themen dargeboten werden. So regt mich auch dieser Text sowohl zur Reflexion über unseren Umgang mit unseren Kindern und allg. nahestehenden Personen, als auch eigener früherer Lernerfahrungen und Konsequenzen an. Durch die lebensnahe Darstellung und Untermalung mit Beispielen aus dem Alltag/der Praxis, gelingt es genau dem näherzukommen, was postuliert wird: der Entwicklung von Empathie. Vielen Dank für die weitere Bereicherung!

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Von Kathrin am 05.10.2019 12:02

Ich habe ein Kind, das haut, beist, zerstört und die Schwester maltretiert. Kein Durchkommen, kein Begleiten, kein Rankommen möglich. Nach ihren Wutausbrüchen weiss sie von nichts. Sie schreit alles zusammen und ist extrem gewaltätig. Sie hat keine Auszeiten, sir wissen aber keine Lösung mehr.

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