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Elternblog

Was wirklich wichtig ist, habe ich im Kindergarten gelernt

Unser Kolumnist Mikael Krogerus blickt auf seine Kindergartenzeit zurück.
Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Ich stehe an einem Punkt im Leben, an dem ich Fehler noch immer dreimal mache, an dem ich aber auch sagen kann, dass ich manches gelernt habe. Zum Beispiel, dass es klüger ist, zu fragen, als zu antworten. Oder dass die meisten Dinge vorübergehen – vor allem jene, von denen man es nicht denkt. Es sind Einsichten, die ich im Laufe der Jahre, oft schmerzhaft, gewonnen habe. Die wichtigste Einsicht aber habe ich im Kindergarten erlangt: Es ist gut, anderen zu helfen.
Fürs Leben gelernt
Die Person, die mir das beibrachte, hiess Frau Wolff. Sie pflegte in unserem Rudolf-Steiner-Kindergarten ein strenges, aber gütiges Regime. Die meiste Zeit mussten wir Tücher falten, die Puppenecke aufräumen, den Tisch decken oder Schnüre entknoten. Sobald man mit einer Tätigkeit fertig war, musste man zu Frau Wolff gehen und fragen: «Wie kann ich helfen?» Nicht «Was soll ich jetzt machen?» – als wären wir Teilnehmer einer Beschäftigungstherapie, und auch nicht «Soll ich Ihnen helfen?» – als wäre sie eine Bedürftige, zu durcheinander, sich selber die Schuhe zu binden. Nein, die Frage sollte lauten: «Wie kann ich helfen?».

Anderen zu helfen, ist vermutlich ein tiefer menschlicher Instinkt. Aber wie man hilft, ist mindestens so wichtig wie, dass man hilft. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Frau Wolff die feinen semantischen Unter­schiede von «Soll ich dir helfen?» und «Wie kann ich dir helfen?» vollends bewusst waren, aber mir scheint ihre Ansage heute fast prophetisch. «Soll ich dir helfen?» hat etwas Ungeduldig-Paternales, oft Helfersyndromhaftes und handelt meist mehr von dir als von der Person, der geholfen wird. «Wie kann ich helfen?» hingegen zeigt, dass du an­erkennst: Nicht du, sondern das Gegenüber kennt sich in seinem Leben am besten aus.

Der Satz war für uns damals nicht so wichtig, die Handlung, die er auslöste, aber veränderte uns. Wir halfen einander und sahen darin keinen selbstlosen, sondern einen stinknormalen Vorgang, so alltäglich und unhinterfragbar wie Zähneputzen oder Tellerabtragen. Die wenigsten Kinder putzen gern die Zähne, aber die wenigsten (es gibt Ausnahmen) machen daraus eine Riesensache, einfach weil sie früh gelernt haben, dass es zum Leben gehört. Und das kleine sozialpsychologische Experiment, das Frau Wolff da betrieb, lautete: Was wäre, wenn Solidarität auch einfach zum Leben dazugehören würde? Kaum eingeschult, tauschte ich die Hilfsbereitschaft gegen ein sozial­darwinistisches Gebaren, das mich perfekt auf die neoliberale Wirklichkeit vorbereitete, aber aus mir auch ein ziemliches Arschloch machte. Und doch wusste ich die ganze Zeit, dass es auch anders geht, dass dieser kleine Satz noch immer gilt. 
«Wie kann ich helfen?»
Ich weiss nicht, was Frau Wolff heute macht. Ob sie noch lebt, ob ihr jemand hilft, ob sie sich überhaupt an das kleine Experiment erinnert. Ich weiss nur, dass ich eine der wichtigsten Lektionen im Kindergarten gelernt habe. Und ihr dafür gerne danken würde.

Zum Autor:

Mikael Krogerus ist Autor und Journalist. Heute lebt der Finne, Vater einer Tochter und eines Sohnes, in Basel und schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi und andere Schweizer Medien.
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