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Elternblog

Warum Jungs sich prügeln

Schlägereien scheinen bei vielen Jungs in den Alltag zu gehören. Unser Kolumnist hat sich vor Prügeleien gefürchtet. Und ist trotzdem zum Mann geworden.
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Als Kind war meine grösste Angst, verprügelt zu werden. Ich bin in den 80er-Jahren gross geworden. Das war eine Zeit, in der Schlägereien zum Alltag eines Jungen gehörten. Sich zu prügeln, ähnlich wie auf den Fingern pfeifen können oder Alkohol trinken, schien für uns ein wichtiger Schritt in die Richtung, in die wir alle wollten: erwachsen werden. Wer eines Tages zu den Erwachsenen gehören, wer eine Art von Mann werden wollte, der würde sich prügeln müssen. Mein Problem: Ich hatte Angst davor.

Wir waren an dieses Männlichkeitsnarrativ gekettet wie Hunde an ihre Zwinger und kein Lehrer, kein Elternteil, kein älteres Geschwister sagte uns, dass es ein Zeichen von Unreife und, ja, Blödheit ist, sich zu schlagen. Solche Botschaften hörten wir nirgends, und hätten sie wohl auch nicht geglaubt. Und so verbrachten wir Grossteile unserer Kindheit damit, uns auf das Unausweichliche vorzubereiten. Wir tauschten Geschichten aus, die ihren Schrecken daraus zogen, dass wir nicht wussten, ob sie über- oder untertrieben waren. Irgendwann ahnten wir auch, wer es sein würde, mit dem wir uns würden prügeln müssen.

In meinem Fall zwei Jungs aus der Nachbarschaft; keine schlimmen Typen, Kinder, würde ich heute sagen, aber sie hatten es auf mich abgesehen. Zweimal schon war ich ihnen entkommen. Das eine Mal auf dem Velo, das andere Mal zu Fuss, in einer Geschwindigkeit, die mich unter die Jahrgangsbesten über 400 Meter gebracht hätte.

Als sie mir schliesslich in einem Wäldchen in der Nähe der Schule auflauerten, war ich fast erleichtert, dass es nun endlich geschehen würde. Der Grössere der beiden sagte etwas, ich verstand ihn nicht recht und fragte idiotisch: «Wie bitte?», woraufhin er mich vor die Brust stiess. Ich taumelte zurück und wollte davonrennen. Mein Oberkörper drehte sich, aber meine Beine blieben stehen. Sie waren gelähmt. Dann schlug mir der andere ohne Vorwarnung ins Gesicht.
 Es tat nicht besonders weh, aber die Kälte hatte eine tiefliegende Wut in mir angezapft.
Ins Gesicht geschlagen zu werden, ist ein sehr spezielles Erlebnis: Du siehst den Schlag kommen, kannst aber nichts machen. Der Einschlag ist ein lauter, schmerzloser Knall, gefolgt von einem merkwürdig kalten Schauer, der dir vom Nacken den Rücken entlang bis in die Beine strömt. Es tat nicht besonders weh, und ich verlor auch nicht das Bewusstsein, aber die Kälte hatte eine tiefliegende Wut in mir angezapft. Ich hob meine kleinen Fäuste und ging wie ein Irrer auf den Angreifer los.

Für einen kurzen Moment meinte ich in seinen Augen immerhin so etwas wie Verwirrung zu erkennen, dann aber wich er mir aus, mein Schlag rutschte an seiner Schulter ab, und er riss mich zu Boden und trat mir zweimal in den Magen.

Ich blieb noch eine Weile liegen, nachdem sie davongelaufen waren. Ich weinte, aber ich war okay. Am nächsten Tag prahlte ich mit dem Vorfall. Aber heute, 32 Jahre später, spüre ich noch immer den kalten Schauer, der mir den Rücken hinunterlief, und die Angst, die hinterher nicht kleiner, sondern grösser wurde.

Du wirst nicht erwachsen, wenn du dich schlägst, du bleibst ein Kind.

Zum Autor:

Mikael Krogerus ist Autor und Redaktor des «Magazins». Er schreibt diese
Kolumne im Wechsel mit Michèle Binswanger. Mikael Krogerus ist Vater einer Tochter und eines Sohnes und lebt mit seiner Familie in Basel.

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