Die Schminkerei meiner Tochter: Ein Vater erzählt
Elternblog

Ein Vater zwischen Lippenpumpe und Spinnenbeinen

«Meine Töchter sind wunderschön», findet der alleinerziehende Vater Andreas B.. Und wundert sich über Schminkutensilien, die Namen wie Actionfilme tragen.
Text: Andreas B.
Foto: Matheus Ferrero, Unsplash
Beim Anblick einer Spinne fühle ich mich äusserst unwohl. Auf schwarze Brummer mit behaarten Beinen reagiere ich hysterisch. Kürzlich beim Giessen der Zimmerpflanze sass tatsächlich so ein schwarzer Teufel neben dem Topf. Ich liess vor Schreck fast die Giesskanne fallen und machte einen grossen Satz rückwärts. Dann wieder einen kleinen Schritt vorwärts, und noch einen, bis ich dem Zielobjekt so nah war, dass ich erkannte was mich derart erschreckt hatte: eine Wimpernverlängerung. 

Falsche Wimpern begegnen mir seither an allen unmöglichen Orten im Haus, ebenso wie falsche Fingernägel, schmutzig braune Abschminktücher (die ich anfänglich auch für etwas anderes hielt …), Schminkpinsel, schwarze Stifte in verschiedenen Grössen und vieles mehr. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass das Schminken nicht nur auf dem Gesicht Spuren hinterlässt. 

Und ich lerne ja auch viel dabei: Hätte man mich bis vor kurzem gefragt, was Eyeliner, Concealer oder Mascara sind, hätte ich raten müssen. Vermutlich hätte ich «Eyeliner» als neuen Film von Tom Cruise abgetan, «Concealer» als einen Comic-Helden und «Mascara» als griechisches Gericht. 

Meine Töchter sind von Natur aus mit Attributen gesegnet, für die sie andere bestimmt beneiden: lange Wimpern, schön geschwungene Augenbrauen, volle Lippen, interessante Gesichtszüge, schöner Teint. Mutter Natur hat es wahrlich gut gemeint mit ihnen. Und doch geht es ungeschminkt nicht einmal zum Briefkasten. Es wird gemalt, gezupft, gepudert, gepinselt, gesalbt, geklebt, was das Zeug hält. Je nach Anlass kann diese Prozedur ein Nachmittag füllender Event sein, oft auch im Beisein von Freundinnen. Das Resultat lässt sich sehen: Oft erkenne ich meine Töchter danach fast nicht mehr wieder.
Wussten Sie, dass man Lippen für das perfekte Duck-Face-Selfie auch aufpumpen kann? Ich jetzt schon!
Kürzlich fiel mein Blick auf ein seltsames rosarotes Silikonteil. Ich hätte wetten können, dass es sich um ein Sex-Toy handelt und war entsprechend geschockt, zumal es sich auf der Küchenablage befand ... Anaïs (17) versicherte mir glaubhaft, dass es sich um eine sogenannte Lippenpumpe handelt, ein Hilfsinstrument für grosse Schmolllippen. Das Teil sieht auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig aus, soll aber wahre Wunder bewirken. Ganz ohne Chemie und Schmerzen. Die Lippenpumpe wird einfach auf die Lippen gelegt und zwei Minuten festgedrückt, bis ein Vakuum entsteht. Das Ergebnis sind volle Lippen – für ein paar Minuten nehme ich an. Das reicht immerhin fürs Selfie-Schiessen mit Duck-Face.

Ich habe es aufgegeben, meinen Töchtern weismachen zu wollen, dass sie sich durch das Schminken verunstalten statt sich zu verschönern. Und dass sie auch ungeschminkt schon top aussehen. Solange Mutter Natur die Oberhand über den Beauty-Doc behält und die Schminkerei zum Wohlsein beiträgt ist das alles halb so schlimm.
 
Und irgendwie kommt es mir sogar bekannt vor: Meine gut gemeinten Ratschläge verhallen etwa so ungehört wie der meiner Eltern vor bald 40 Jahren, mir doch meine Mähne zu stutzen. Kurze Haare würden mir ja so viel besser stehen ...

Zum Autor: 

Andreas B. wohnt in der Agglomeration einer deutschschweizer Grosstadt, lebt seit vier Jahren getrennt und ist alleinerziehend. Seine Teenagertöchter und deren Freunde heissen in Wahrheit anders, aber wir wollen verhindern, dass künftige Arbeitgeber auf diese ungeschminkten Pubertätserlebnisse stossen. So hat er zum Beispiel auch schon über deren heimliche Spritztouren berichtet. 
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