Das Residenzmodell
Bis vor Kurzem war das Residenzmodell oder die alleinige Obhut der Standard: Die Kinder leben bei einem Elternteil und besuchen den anderen regelmässig. In den meisten Fällen wohnen sie bei der Mutter und besuchen den Vater. Laut der FamyCH-Studie leben noch immer 71 Prozent der getrennten Familien in der Schweiz so.
Was die Forschung auch zeigt: Eltern mit alleiniger Obhut schätzen die Gesundheit ihrer Kinder als etwas weniger gut ein als diejenigen, welche sich die Obhut teilen.
Expertinnen und Experten geben jedoch zu bedenken, dass das Residenzmodell nicht die Ursache für das schlechtere Wohlbefinden ist. Vielmehr hätten Eltern, die das Wechselmodell leben, oftmals mehr finanzielle Ressourcen und höhere Bildungsabschlüsse. Dies beeinflusse das Wohlbefinden ebenfalls. Zudem herrschten in Familien mit alleiniger Obhut häufig mehr Konflikte, weil sich die Eltern weniger einig sind.
Das Wechselmodell
Beim Wechselmodell oder der alternierenden Obhut leben die Kinder sowohl bei der Mutter als auch beim Vater. Das muss nicht genau 50:50 sein. Wohnt das Kind zu 70 Prozent beim einen und zu 30 Prozent beim anderen Elternteil, spricht man auch vom Wechselmodell. Seit einem Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahr 2017 sind die Gerichte verpflichtet, die alternierende Obhut zu prüfen. 29 Prozent aller getrennt wohnenden Familien in der Schweiz leben so.
Damit das Wechselmodell funktionieren kann, muss die Familie zwei genügend grosse Wohnungen in der Nähe der Schule finden. Zudem muss eine gewisse Kooperationsbereitschaft zwischen den Erwachsenen gegeben sein, da Absprachen über den kindlichen Alltag zwingend sind.
Häufige Ortswechsel wirken sich negativ auf das kindliche Wohlbefinden aus.
Das Wechselmodell eignet sich zudem eher für ältere Kinder, weil Kleinkinder mit dem Pendeln und langen Abwesenheiten von Bindungspersonen schneller überfordert sein können. Der belgische Psychologe Jan Piet de Man hat eine Faustregel herausgegeben: Ein Kind kann nur so viele Tage von einer Bezugsperson getrennt sein, wie es an Lebensjahren zählt. Ein Zweijähriges müsste also alle zwei Tage zwischen den beiden Zuhause hin- und herwechseln.
Das ist eine Krux. Die FamyCH-Studie hat nämlich gezeigt, dass sich häufige Ortswechsel negativ auf das kindliche Wohlbefinden auswirken. Auch eine grosse Distanz zwischen den Wohnorten ist den Kindern nicht zuträglich.
Liegen die beiden Zuhause nicht unmittelbar nebeneinander, ist dies auch für Jugendliche oftmals ein Grund, das Wechselmodell abzulehnen. Ihre Freunde nehmen für sie eine zentrale Rolle ein, weshalb der Wunsch nach einem fixen Lebensmittelpunkt aufkommen kann.
Das Nestmodell
Beim Nestmodell bleiben die Kinder in ihrem Zuhause wohnen und die Eltern wechseln sich bei der Betreuung ab. Dieses Modell fristet noch immer ein Nischendasein oder gilt teilweise als reines Übergangsmodell. Bei der FamyCH-Studie lebten nur 50 von über 4500 der befragten Familien so. Daher kann die Studie keine Aussage darüber machen, ob es Heranwachsenden im Nestmodell besser geht als anderen Trennungskindern.
Verfechterinnen dieses Modells sind davon jedoch überzeugt. «Der Fokus liegt in erster Linie auf den Bedürfnissen der Kinder, und das ursprüngliche Zuhause bleibt als kindergerechtes und heimeliges Nest erhalten», schreibt Corinne Lauber in ihrem Buch «Unser Nestmodell». Sie lebt mit ihrem Ex-Mann und ihren drei mittlerweile erwachsenen Kindern seit elf Jahren das Nestmodell.
Mag es für den Nachwuchs viele Vorteile haben, müssen für die Eltern einige Voraussetzungen stimmen. Zum Beispiel benötigen sie je eine weitere Unterkunft und im Nest idealerweise getrennte Schlafzimmer, was finanziell gewisse Ressourcen bedingt.
Die Erzählungen von verschiedenen Familien in Corinne Laubers Buch zeigen allerdings, dass die zweiten Wohnsitze der Eltern ganz unterschiedlich aussehen können. Manche Väter und Mütter leben in einer WG, andere teilen sich sogar die Zweitwohnung und im Nest das Bett. Aber: «Das Nomadenleben, das man sonst den Kindern zumutet, wird hier den Eltern abverlangt», weiss Lauber.
Jede Familie muss nach einer Trennung das für sie passende Modell finden – mit allen Vor- und Nachteilen.
Damit das gelingen kann, müssen sich die Eltern weiterhin verstehen, gemeinsam funktionieren und gut kommunizieren können. «Man teilt sich nicht nur die Obhut, man teilt sich auch das Zuhause, den Haushalt, eventuell das Auto oder den Hund, wahrscheinlich führt man weiterhin ein gemeinsames Konto. Das alles birgt Konfliktpotenzial», so Lauber.
Es gibt kein Modell, das für alle das beste ist. Jede Familie muss nach einer Trennung das für sie passende finden – mit allen Vor- und Nachteilen. Zudem betonen Fachpersonen, dass Eltern flexibel bleiben und die Arrangements immer wieder überprüfen und gegebenenfalls anpassen sollten.
Mit zunehmendem Alter verändern sich die Bedürfnisse der Kinder. «Das heisst nicht, dass sie entscheiden, bei wem sie leben möchten», erklärt Psychiater Thomas Hess. «Bis sie etwa 12 Jahre alt sind, treffen die Eltern die grossen Entscheidungen.» Aber es sei wichtig, dass die Kinder sich gehört und ernst genommen fühlen.
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Alle Infos: kinderimblick.ch







