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Psychologie

«Männer und Frauen verarbeiten eine Fehlgeburt unterschiedlich»

Eine Fehlgeburt ist oft ein sehr schmerzhaftes Thema in der Partnerschaft und in der Familie. Paar- und Familientherapeut Raimondo Lettieri erklärt im Interview, wie Paare eine Fehlgeburt verarbeiten und wie Eltern ihren Kindern den Verlust des ungeborenen Geschwisterchens vermitteln können. 
Interview: Irena Ristic
Bild: Fotolia / zVg

Herr Lettieri, was löst eine Fehlgeburt in einer Partnerschaft aus? 

Je nach psychischer Stabilität und aktueller familiärer Situation kann es von einer leichteren Erschütterung bis hin zu einer schweren Krise alles auslösen. Da spielen verschiedene Faktoren mit. Es ist zum Beispiel nicht dasselbe, ob ein Paar mit zwei Kindern eine Fehlgeburt erlebt oder ob ein kinderloses Paar bereits einen dritten Abort verarbeiten muss. Auch muss man wissen, dass Gefühle wie Trauer, Verzweiflung, Schuld, manchmal auch Angst und Wut ganz normal sind und Wochen oder Monate andauern können. 

Sie sagen, dass Mütter und Väter unterschiedlich mit einer Fehlgeburt umgehen. 

In der Praxis erlebe ich tatsächlich einen Unterschied. Das ungeborene Kind ist für den Vater naturgemäss weiter weg. Er hat eine «distanziertere» Beziehung, allein schon durch die Tatsache, dass das Kind im Körper der Mutter heranwächst. Etwas zugespitzt gesagt: Wenn ein Paar ein ungeborenes Kind verliert, dann ist der Vater selten schon «Vater». Die Frau hingegen ist vom ersten Moment an eine Mutter. Neben der Trauer, die eine Mutter nach einer Fehlgeburt durchlebt, kämpfen viele Frauen wie erwähnt oft auch mit Schuld- und Versagensgefühlen: «Mit mir stimmt etwas nicht». Oder: «Wieso klappt es bei mir nicht?». Der Vater hingegen ist viel schneller wieder im «Courant normal» des Alltags und richtet den Blick nach vorne. 
«Gefühle wie Trauer, Verzweiflung, Schuld, manchmal auch Angst und Wut sind ganz normal.»

Das ist für eine Mutter, die gerade ihr Kind verloren hat, nicht einfach ...

 Ja, das ist so. Gerade wenn es sich um das erste Kind handelt oder das Paar sich schon lange mit einem Kinderwunsch auseinandersetzt, kann dies zu einer grossen Belastung führen. Nicht selten kann dieser emotionale Strudel bei der Mutter eine depressive Episode zur Folge haben, die psychotherapeutische Hilfe notwendig macht. Auch der paardynamische Teil der Krise sollte nicht unterschätzt werden. Im Extremfall kann das Paar an den Folgen einer solchen Situation zerbrechen. Falls sich ein Krisenzustand nach ein paar Monaten nicht langsam zu beruhigen beginnt, ist es daher sinnvoll, sich als Paar Hilfe zu holen. 

Was raten Sie Paaren in so einer Situation? 

Sind Gefühle wie Wut, Trauer oder Scham da, dürfen sie nicht bagatellisiert oder ignoriert werden. Sie brauchen Raum und Zeit und zeigen sich manchmal schub- oder phasenweise. Hinzu kommt, dass Männer den Verlust wie erwähnt meist abstrakter erleben: Sie empfinden eher den Zustand ihrer Frauen als Problem, weniger direkt den Verlust des Kindes. Sie haben dann oft die Haltung, nicht zu lange in den Problemen verweilen zu wollen, um sie aus ihrer Sicht nicht noch schlimmer zu machen. Das ist einfach eine männliche Art und Weise, mit dem Thema umzugehen, und ist im Grunde völlig in Ordnung. 
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Der Psychologe Raimondo Lettieri gibt Männern in seiner Praxis gerne folgenden Tipp mit: «Der Mann muss weder Wunder bewirken noch 'muss' er gross etwas 'tun'. Oft geht es darum, einfach da zu sein, zuzuhören, ein Gegenüber zu sein.» 
Der Psychologe Raimondo Lettieri gibt Männern in seiner Praxis gerne folgenden Tipp mit: «Der Mann muss weder Wunder bewirken noch 'muss' er gross etwas 'tun'. Oft geht es darum, einfach da zu sein, zuzuhören, ein Gegenüber zu sein.» 

Doch diese Haltung führt oft zu einem Konflikt, ... 

 ... da beide jeweils erwarten, dass der andere so umgehen müsste, wie man es selber braucht. «Sie» erlebt ihn in so einer Situation oftmals kalt und distanziert und fühlt sich alleine gelassen. «Er» hingegen findet, dass sie übertreibe und mit ihren «unkontrollierten Gefühlen» alles nur noch schlimmer mache. 

Wie kommen Paare aus dieser emotionalen Zwickmühle wieder raus? 

Wichtig ist, dass beide lernen, wahrzunehmen, was jeder für sich in dieser Situation braucht, und dass sie dies dem Partner mitteilen. Damit übernimmt jeder zunächst einmal Verantwortung für sich selbst. In einem zweiten Schritt geht es darum, zu schauen, was jeder für den anderen tun kann. Für den Mann bedeutet dies, auf die Weise da zu sein, wie es seiner Partnerin gerade guttut. Auch wenn er das Problem aus seiner Sicht anders angehen würde. Und für die Frau: Dass sie konkret ausdrückt, was sie braucht, seine Nähe und Zuwendung zulässt, ohne die Erwartung zu haben, dass er das Gleiche fühlen muss wie sie. Was ich Männern gerne mitgebe in meiner Praxis: Der Mann muss weder Wunder bewirken noch «muss» er gross etwas «tun». Oft geht es darum, einfach da zu sein, zuzuhören, ein Gegenüber zu sein. Das ist für die Frau, und letztendlich für beide, sehr heilsam. 

3 Kommentare
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Von Marco am 08.01.2018 11:53

Es ist schwer damit Klar zu kommen es zu verstehen. Meine Freundin und ich haben uns auf ein Kind gefreut und Sie hat es in der 6 Woche verloren ich durfte einmal ins Krankenhaus kommen und Sie besuchen. Das letzte mal haben wir uns Weihnachten gesehen Sylvester Wuste Sie nicht ob Sie mich sehen wollte Sie hat sich Total vergraben sich nicht gemeldet sie wolle dass alleine durch stehen ohne mich. Ich habe mich an alles gehalten mich nicht gemeldet nicht vorbei gefahren nicht mit Ihr geredet sie wollte alleine sein. Jetzt stehen wir davor entzweit zu sein und jetzt möchte ein Gespräch ich habe ihr gesagt das ich erst mal mit meinen Gefühlen klar kommen ich weiß nicht ob es momentan Hilft. Ich weiß nicht was ich machen soll ich habe das Gespräch erst mal in die Kurzfristige Zukunft verlagert. Als Mann hat man da schon Angst Sie meinte ich bräuchte keine haben Sie hat noch nichts entschieden das jeder seinen Weg geht. Es ist nicht einfach als Mann daneben zu stehen wenn der Partner das für sich alleine Ausmacht es ist Gefühlte Ohnmacht nichts Machen zu können wenn der Partner sich nicht mehr Meldet. Es ist die Hölle für einen und die Ungewissheit Höhlt einen aus.

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Von Petra am 11.01.2017 20:25

Nicht nur Frauen und Männer erleben es unterschiedlich, sondern jeder Mensch! Ich hatte drei Fehlgeburten und für mich war es rückblickend so schwierig, weil das Thema noch immer nicht groß thematisiert wird. Meine Freunde konnten schlecht mit meiner offenen Art über meine Verluste und meine Trauer sprechen. Man fühlt sich sehr allein gelassen.

Für mich war ein Abschiedsritual sehr wichtig. Wir haben den Kindern Kosenamen gegeben, Bäume und Rosen gepflanzt. Ich denke heute noch an meine Kinder, aber ohne Trauer.

Ich wünsche allen Paaren, die so einen Verlust erleben, viel Kraft.

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Von Ingrid am 11.01.2017 15:50

Sehr hilfreich und informativ... auch im nach hinein für mich, denn ich hatte 2 Fehlgeburten zwischen dem 1. und 2. Kind und eine im Tschernobyljahr vor meinem 3. Kind. Heute ist alles verheilt und hat nur kleine Narben hinterlassen im Rückblick, aber das Gefühl des Verlustes macht sich immer noch spürbar, wenn ich solche Artikel lese. Das ist aber kein Problem mehr.
Für mich ist weniger die Kommunikation mit den Kindern oder den Männern das GROSSE Problem, sondern, das Frauen unter sich dieses Thema nie von sich aus ansprechen. Erst wenn eine Frau darüber spricht, weil es Teil ihrer persönlichen Therapie ist, sprechen auch andere darüber und .... es sind viele. Alleine in meinem Bekannten-/Freundes-/Familienkreis war es fast jede 2. Frau, die in ihrem Leben eine Fehlgeburt hatte. Dieses Wissen wäre hilfreich für jede von uns gewesen, aber wir sprachen nicht drüber bis zum Tag X, als ich von mir erzählte.
Nochmals, ein sehr guter Artikel.

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