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Ernährung

Kinder und Zähne: Brot ist besser als Banane

Wussten Sie, dass Milchzähne schneller kariös werden, zu früher Zahnwechsel zu Lispeln führen kann und elterliche Zahnputzkontrolle bis ins Teenageralter wichtig ist? Antworten auf Fragen, die Eltern zu den Zähnen ihrer Kinder haben. 
Text: Claudia Füssler
Die Milchzähne gründlich pflegen? Wozu denn? Die fallen doch sowie­ so wieder heraus.

Diese Einstellung ist bei Eltern auch heute noch weit verbreitet. Und sehr falsch. Denn die ersten Zähne im Leben sind wertvoll: Sie bilden das Fundament für ein lebenslang gesundes und solides Gebiss.

«Deshalb ist einmal täglich Zähneputzen ab dem ersten Zahn Pflicht», sagt Priska Fischer von der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie am Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau. Spätestens wenn sich die ersten Backenzähne im zweiten Lebensjahr zeigen, sollte morgens und abends geputzt werden: mit einer Bürste, deren Kopf klein und mit weichen Borsten ausgestattet ist. Ihr Griff sollte dicker sein als bei Bürsten für Erwachsene; sie ist dadurch für Kinder leichter zu handhaben.

Wie hoch ist die richtige Dosis Fluorid?

Für die Jüngsten empfiehlt sich eine gering fluoridierte Zahn­creme. Zahnpasta für Erwachsene enthält meist zwischen 1000 und 1500 ppm (parts per million) des Karies vorbeugenden Fluorids. Das entspricht 1 bis 1,5 Milli­gramm pro Gramm Zahnpasta. Da Kinder bis zum Schulalter noch eher viel Zahnpasta verschlucken, statt sie auszuspucken, dürfen Kinderzahncremes maximal 500 ppm Fluorid enthalten, also 0,5 Milli­gramm pro Gramm Zahnpasta.
«Sobald die ersten bleibenden Zähne kommen, ist eine stärkere Fluoridierung nötig.»
Priska Fischer
Die Zwischenstufe sind soge­nannte Juniorzahnpasten, die zwar wie eine Zahncreme fluoridiert, aber vom Geschmack her sanfter und vielleicht sogar mit Fruchtaromen versehen sind. Empfohlen werden diese Zahncremes meist ab dem sechsten oder siebten Lebensjahr. «Mitun­ter ist es allerdings sinnvoll, früher damit zu beginnen», sagt Priska Fischer. «Ausschlaggebend sollte sein, wann die ersten bleibenden Zähne kommen. Bei manchen Kindern ist das bereits mit vier, fünf Jahren der Fall. Dann ist eine stärkere Fluoridierung wichtig.»

Wir brauchen ein gut funktio­nierendes Milchzahngebiss für die Nahrungsaufnahme. Um von einem Brot oder einer Karotte abbeissen zu können, müssen die Zähne richtig zueinander stehen. Zudem haben die ersten Zähne eine sogenannte Platzhalterfunk­tion. Die ersten bleibenden Backenzähne nutzen die hinters­ten Milchbackenzähne als eine Art Gerüst, an dem sie sich hochhan­geln. Fehlt diese Orientierung, stossen die bleibenden Backen­zähne oft zu weit vorne durch den Kiefer – nicht selten muss hier später der Kieferorthopäde für die richtige Zahnstellung sorgen.
Fallen die Schneidezähne im Oberkiefer zu früh aus, hat das negative Folgen für die Sprachentwicklung
Milchzähne sind auch essenzi­ell für den Prozess des Sprechen­lernens: Fallen die Schneidezähne im Oberkiefer zu früh aus, hat das negative Folgen für die Sprachent­wicklung. Die Zunge hat plötzlich vorne mehr Platz, als sie braucht, dadurch klingen S­ und Z-­Laute merkwürdig, das Kind beginnt zu lispeln. Schlimmstenfalls führen die ständigen Zungenbewegungen nach dem Zahnwechsel zu einem offenen Biss.
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Ein Putzsystem fürs ganze Leben

Deshalb versucht die moderne Zahnmedizin alles, um auch schwer geschädigte Milchzähne so lange wie möglich zu erhalten. Es gibt Kronen für Milchzähne und Zahnprothesen für Kinder, auch Wurzelbehandlungen an den ers­ten Zähnen werden durchgeführt. So weit sollte es allerdings nur in Ausnahmefällen kommen. Die Prophylaxe heisst also: Pflege, Pflege, Pflege.

 Die Milchzähne sollten unbedingt genauso gut gepflegt werden wie die bleibenden. Sie sind nämlich schwächer mineralisiert als das dauerhafte Gebiss und werden dadurch schneller kariös. Dem Keim Streptococcusmutans und den Laktobazillen – den beiden grössten Kariesverursachern – ist völlig egal, ob es sich um einen Milch- oder einen bleibenden Zahn handelt. Eine einmal auftretende Karies an Kinderzähnen kann schlimme Folgen haben, denn die Nervhöhle des Zahns ist im Verhältnis zur Hartsubstanz grösser als bei einem bleibenden Zahn. Das heisst, die Karies kann den Nerv schneller erreichen. «Ist der Nerv einmal entzündet, können die Bakterien auch den geschützt darunterliegenden bleibenden Zahn angreifen», erklärt Priska Fischer.
Mit Färbetabletten können Eltern das Bewusstsein für die Zahnpflege schärfen.
Bis in das Grundschulalter hinein sollten die Eltern nachputzen, rät Fischer. Erst in diesem Alter sehe man, ob es den Kindern gelungen sei, sich ihr eigenes Putzsystem zu erarbeiten. Das ist wichtig, denn solche Muster bleiben meist ein Leben lang erhalten. Ab dem Kindergartenalter – die Kleinen müssen ausspucken können – können Eltern mit Färbetabletten aus der Apotheke das Bewusstsein für die Sauberkeit der Zähne schärfen: Rote Verfärbungen zeigen an, wo noch Belag haften geblieben ist und gründlicher geputzt werden muss. Während eine Mundspülung für die Zahnpflege bei Kindern eher lässlich ist, ist die Zahnseide ein wichtiges Hilfsmittel. Sie sollte konsequent ab dem Moment angewandt werden, ab dem man zwischen zwei Zähnen keinen Zwischenraum mehr sieht. «Das sollten die Eltern übernehmen, motorisch ist Zahnseide für Kinder noch schwierig zu handhaben», sagt Priska Fischer.

Die fehlende Feinmotorik sollte jedoch kein Grund dafür sein, dass Eltern sich dazu verführen lassen, eine elektrische Zahnbürste für die Kinder zu kaufen – zumindest nicht am Anfang. Denn jedes Kind sollte zunächst die grundlegende Putztechnik mit einer Handzahnbürste aus dem Effeff beherrschen, um darauf zurückgreifen zu können, wenn die elektrische Zahnbürste nicht dabei ist. «Ich vergleiche das immer mit Tennis und Tischtennis», sagt Priska Fischer, «das eine spielt man aus dem Handgelenk, das andere aus dem Arm heraus – so verhält es sich auch mit der Handzahnbürste und der elektrischen.»

Sind die Kinder sicher im Umgang mit der Handzahnbürste, kann eine elektrische eine sinnvolle Anschaffung sein, denn sie entfernt mehr Beläge als eine Handzahnbürste – allerdings nur bei richtiger Handhabung. «Man kann auch mit einer elektrischen Zahnbürste schlecht putzen», sagt Priska Fischer. Die ideale Kombination, so die Zahnärztin, sei, morgens von Hand und abends elektrisch zu putzen.

Zahnfreundliches Essen und Trinken

Neben dem Putzen trägt auch die Ernährung zu einem gesunden Gebiss bei. Es gilt die Faustregel: generell so wenig industriell hergestellte Lebensmittel und Fertigprodukte wie möglich. Die enthalten meist viele versteckte Zucker, die die schädlichen Säureangriffe der Bakterien auf die Zähne auslösen. Hierunter fallen auch viele Früchtetees für Kinder sowie Eistees und Softdrinks für Jugendliche. Karotte und Apfel sorgen durch ihre Konsistenz ebenso wie Vollkornbrot für eine leichte, natürliche Reinigung der Zähne, während eine Banane lange an den Zähnen kleben bleibt. Bei Süssigkeiten kommt es auf die richtige Dosierung an: «Lieber zehn Gummibärchen auf einmal als unkontrolliert den ganzen Nachmittag über welche essen und den Bakterien damit immer wieder Substrat zuführen», sagt Priska Fischer.
Der Zuckerersatzstoff Xylith kann Karies verhindern.
Die Zahnärztin empfiehlt für Kinder, die ein erhöhtes Kariesrisiko haben, den natürlichen Zuckerersatzstoff Xylith. Der schmeckt süss und eignet sich sowohl als Mundspülung als auch zum Backen. Da Xylith in zu hohen Dosen abführend wirken kann, sollten sich Anwender lang­sam an grössere Mengen herantas­ten. «Als Spüllösung verwendet, blockiert Xylith den Bakterien­stoffwechsel und kann so Karies verhindern», sagt Fischer. Auch eine Versiegelung kann sinnvoll sein, so haben Bakterien weniger Angriffsmöglichkeiten auf der Kaufläche eines Backenzahns.

Die Strategie mit dem Nach­putzen und den Färbetabletten sollten Eltern auch bei älteren Kindern beibehalten – wenn auch nicht täglich. So können die Kin­der lernen, worauf es beim Zäh­neputzen wirklich ankommt. Vor allem, wenn mit sechs, sieben Jah­ren die ersten bleibenden Backen­zähne kommen, stellen Zahnärzte häufig fest, dass die schnell Karies bekommen – weil dies in einem Alter geschieht, in dem die elter­liche Zahnputzkontrolle meist schon an Strenge verloren hat. Dabei ist die weit bis ins Teen­ageralter hinein gefragt: Jugendliche sind eine Klientel, die Zahn­ärzte mit ihren Appellen kaum erreichen.

«Wir befinden uns auf gutem Weg»

Der Präventivzahnmediziner Giorgio Menghini über die Mundgesundheit in der Schweiz. 
Interview: Claudia Füssler

Herr Menghini, wie steht es um die Gesundheit von Kinderzähnen in der Schweiz?

Insgesamt sehr gut. Das liegt auch daran, dass wir in der Schweiz ein System haben, bei dem bereits im Vorschulalter, vor allem durch Mütterberaterinnen, und ab dem Kindergartenalter durch Schulzahnpflege-Instruktorinnen regelmässig auf die Zahnpflege der Kinder geachtet wird. Diese umfassende Aufklärung von Eltern und Kindern und die Zahnbürstübungen in der Schule haben einen wichtigen Beitrag an die Kariesreduktion von 90 Prozent geleistet, die in den letzten 40 Jahren bei den Volksschülern beobachtet wurde.

Gibt es gar nichts mehr, was Ihnen Sorgen macht?

Es gibt immer noch Risikogruppen, bei welchen auch die einfachen Botschaften der Kariesvorbeugung schwer ankommen. Wir achten also darauf, dass die bewährten Vorbeugemassnahmen möglichst alle Bevölkerungsschichten erreichen. Doch wir befinden uns auf einem guten Weg. Dank der verbesserten Mundhygiene sind auch schwere Fälle von Gingivitis – also der Zahnfleischentzündung – aus der Schule praktisch verschwunden.

Was sind die wichtigsten Faktoren für die Mundgesundheit?

Als erster das Zähnebürsten, ab dem Durchbruch des ersten Milchzahns einmal täglich, spätestens mit zwei Jahren zweimal täglich. Wir empfehlen dazu eine fluoridhaltige Kinderzahnpaste, mit der die Frontzähne zuerst aussen, dann innen gebürstet werden. Wichtig sind die Bewegungen: Sie sollten vertikal sein, also auf und ab. Horizontale, schrubbende Bewegungen schaden Zähnen und Zahnfleisch auf Dauer. Sobald die ersten Milchmolaren da sind, müssen auch deren Kauflächen gründlich gebürstet werden.

Ausführliche Zahnpflege-Informationen auf: www.generation-kariesfrei.ch.
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Giorgio Menghini ist Zahnarzt an der Klinik für Präventivzahnmedizin, Parodontologie und Kariologie der Universität Zürich.

8 zentrale Fakten zu Milchzähnen:

  1. Milchzähne haben wichtige Aufgaben. 
  2. Angelegt werden sie in der sechsten Schwangerschaftswoche, und bei der Geburt liegen sie voll entwickelt im Kiefer des Kindes – man sieht jedoch noch nichts von ihnen. 
  3. Ab dem vierten Lebensmonat brechen die Zähne durch, und zum ersten Geburtstag sind meist alle oberen und unteren Schneidezähne sichtbar.
  4. Bis zum 16. Monat folgen die ersten Backenzähne, die Eckzähne zeigen sich bis zum 20. Monat.
  5. Ein dreijähriges Kind hat mit 20 Zähnen ein vollständiges Milchzahngebiss. 
  6. Die neuen, bleibenden Zähne entwickeln sich unter dem Milchgebiss.
  7. Zwischen dem 6. und dem 12. Lebensjahr werden die Milchzähne durch die bleibenden Zähne ersetzt – wann genau, das ist von Kind zu Kind verschieden. 
  8. In der Regel ist der Zahnwechsel abgeschlossen, bis die Kinder 12 Jahre alt sind.

Wie Sie die Milchzähne Ihres Kindes vor Karies schützen:

  • Regelmässige und sorgfältige Zahn- und Mundhygiene: zweimal täglich mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta. 
  • Regelmässige Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt zweimal im Jahr. 
  • Zahnfreundliches Essen und Trinken: Produkte, die wenig Zucker und wenig Säure enthalten. Schlecht für die Zähne sind Nahrungsmittel, die an den Zähnen kleben – zum Beispiel Chips, Honig, Bananen oder Trockenfrüchte. 
  • Zahnfreundliche Süssigkeiten: Ein weisses Zahnmännchen mit Schirm auf rotem Grund – mit diesem Logo sind Süsswaren gekennzeichnet, die während und bis 30 Minuten nach dem Verzehr keinen Säure auslösenden Kariesschub verursachen. 
  • Fluoridierung: Fluoride wirken doppelt. Sie hemmen den Stoffwechsel der Karies auslösenden Bakterien und sie härten den Zahnschmelz und machen ihn so widerstandsfähiger. Achten Sie auf eine fluoridhaltige Zahncreme. Vorbeugend kann zudem fluoridiertes Speisesalz zum Kochen verwendet werden.



3 Kommentare

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Von Susanne am 14.07.2017 10:02

Wie ist das denn dann? Ist es denn dann auch sinnvoll ein Kind zur Kieferorthopädiezu schicken? Macht es Sinn, Zahnfehlstellungen zu korrigieren? Und ab welchem Alter`? Schon dann, wenn die bleibenden Zähne da sind? Oder erst später?

lg Susi

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Von Susanne am 10.05.2017 16:09

Hallo Giorgio,

oder Grüezi wie ihr in der Schweiz wahrscheinlich sagen würdet.
Vielen Dank für die ganzen tollen Tipps.
Ich habe noch eine Frage, nämlich, ab welchem Alter macht es denn Sinn, die Kinder zum Kieferorthopäden zu schicken? Und woran erkennt man einen guten Kieferorthopäden? Ist der hier zum Beispiel gut oder geeignet? http://grinsekatz-kfo.de/garbsen Wäre dankbar für deine und eure Meinungen.

Grüße, Susi

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 10.05.2017 19:34

Hallo nach Deutschland. Für uns ist das leider ganz schwer einen Arzt auf die Ferne zu beurteilen - ich hoffe, das verstehen Sie...

Herzliche Grüsse, die Redaktion

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