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Schule

Mathe mit Mücken: Unterricht im Freien

Wer die Natur schützen will, muss sie kennen – davon ist die Naturschutzorganisation WWF überzeugt. In Projektwochen unterstützen die Naturschützer Schulen dabei, draussen zu unterrichten. Wir waren dabei und wollten wissen: Wie funktioniert Mathe zwischen Laub und Tannenzweigen? 
Text und Interview: Bianca Fritz
Fotos: Sophie Stieger / 13 Photo
Es ist ein traumhafter Spätsommertag, als für die Schülerinnen und Schüler des Steinacker-Schulhauses in Winterthur-Seen Unterricht im Wald auf der Agenda steht. Die Sonne wärmt ohne auf der Haut zu brennen und in den Schrebergärten hängen schwere Früchte an den Bäumen. Die Schule liegt perfekt für einen Waldausflug: Nach zehn Minuten Fussmarsch ist man so tief drin, dass kein Haus mehr zu sehen ist. 

«Ein Frosch!», quietscht ein Mädchen und schon ist eine Mutprobe gefunden: Wer traut sich, das Tier in die Hand zu nehmen? Die Klasse spaltet sich in zwei Lager: Die, die entsetzt quietschen und zur Seite springen und in die, die unbedingt auch noch drankommen wollen.

«Der Unterricht im Wald ist nicht für jeden etwas», erklärt Klassenlehrerin Selina Dänzer. Sie begleitet die Kinder heute im Rahmen der Projektwoche «Ab in die Natur – draussen unterrichten» vom WWF (World Wide Fund For Nature) im Wald. Ziel der schweizweiten Schulaktion der Naturschutzorganisation ist es, bei den Kindern ein Bewusstsein für die Natur zu fördern (siehe Interview). Nebenbei soll das Naturerlebnis die Beziehung der Kinder untereinander und zur Lehrperson stärken.
Für die 5a ist es bei weitem nicht das erste Mal, dass sie mit ihrer Lehrerin in den Wald gehen. Und doch ist es diesmal anders: «Bisher habe ich im Wald hauptsächlich über das Ökosystem gesprochen, haptische Erlebnisse geschaffen oder Teambildungsspiele ausprobiert. Jetzt habe ich neue Anregungen bekommen, um auch andere Fächer im Freien zu unterrichten», sagt die Lehrerin. Die Anregungen kamen aus den Unterlagen, die der WWF zur Verfügung stellt. 

Heute sollen drei Fächer draussen gelehrt werden: Mathematik, Natur-Mensch-Gesellschaft und Musik. Wie geht das? Als die Kinder hören, dass jetzt erst einmal Mathematik dran ist, verdrehen einige genervt die Augen. Sie hatten gehofft, dass sie im Wald um die schwierigen Dezimalzahlen herumkommen würden. «Ihr messt den Umfang eines Baumes und tragt ihn ein, wiegt einen Gegenstand aus dem Wald und messt die Länge eines Astes – danach sortiert ihr die Zettel von gross nach klein.» So weit so gut – auch wie man den Baumstamm mit Schnur und Metermass messen kann, ist schnell klar. Aber wie war das nochmal mit Metern und Zentimetern? Und mit den Zahlen vor und hinter dem Komma? Die Lehrerin und der Zivildienstleistende, der heute mitgekommen ist, werden mit Fragen bombardiert, versuchen ihre Augen überall zu haben – aber die Kinder sind viel weiter verstreut als im Klassenzimmer. «Jedes Ergebnis kann ich nicht kontrollieren – aber ich bekomme ein Gefühl dafür, an welchen Stellen es noch bei vielen hakt», sagt Selina Dänzer. Diese Probleme werde sie dann im Klassenzimmer noch einmal in Ruhe ansprechen. 
«Was, das war eine ganze Schuleinheit?»
Ein Schüler wundert sich, wie schnell die Zeit im Wald vergeht
Einen grossen Vorteil hat der Unterricht in der Natur: Hier können verschiedene Längen und Gewichte wirklich erfahren werden. Diese haptische Komponente stärkt erwiesenermassen den Lernerfolg. Als eine Gruppe später die Stocklängen sortiert, sagt ein Junge: «1,2 Zentimeter? Das kann nicht sein.» Er hebt einen kleinen Holzsplitter vom Boden: «Das wäre ja dann nur so lang. Äste sind aber länger.»

Aber die Dezimalzahlen sind heute nicht das anstrengendste: Während der Matheeinheit attackieren Stechmücken die Kindergruppe. Viele Kinder schlagen um sich, die Konzentration fällt schwer. Lehrerin Selina Dänzer bleibt gelassen: «Die Stunden im Wald sind toll – es bilden sich andere Gruppendynamiken als drinnen. Und es können draussen auch mal andere Kinder zu den Starken gehören. Aber es braucht definitiv beides, weil sich draussen nicht alle Kinder gut konzentrieren können.» 

Auch Dina Walser, Projektleiterin vom WWF, die sich die Naturaufenthalte als feste Methode an den Schulen wünscht, sagt: «Manche Kinder lassen sich draussen im offeneren Raum leichter ablenken. Sie brauchen einen klaren Ablauf und feste Strukturen. Auch Rechtschreibung üben ist draussen eher schwieriger – es hat eben beides seine Berechtigung.»

Als es nach der Matheeinheit weiter zur Grillstelle geht, bessert sich die Stimmung. «Ich mag den Wald total gerne, weil man hier so viele Sachen finden und rumrennen kann», sagt Sascha (siehe auch Zitate der Schülerinnen und Schüler in der folgenden Bildergalerie). Und «brötle» am Feuer ist für alle ein Highlight – egal ob Cervelat, Schlangenbrot oder Marshmallows über die Glut gehalten werden. 
Ein Schüler blickt nachdenklich ins Feuer und fragt: «War das Feuer nicht auch eine Erfindung?» Lehrerin Selina Dänzer freut sich: «Genau – und wann war das?» Die Schüler hatten sich  im Schulzimmer mit Erfindungen beschäftigt – und hier draussen sollte es nun weiter gehen – mit eigenem Erfindergeist. «Jedes Team hat jetzt 15 Minuten Zeit einen Turm zu bauen – nur mit Materialien, die ihr im Wald findet.» Die Kinder rennen sofort los und arbeiten so konzentriert, dass aus 15 Minuten 45 werden. Die Zeit rast während sie matschen, Äste suchen, diese aufeinanderstapeln, mit Grashalmen zusammenbinden und mit Tannenzweigen beschweren. «Was, das war eine ganze Schuleinheit?», fragt ein Schüler ungläubig.  Dann darf jede Gruppe ihren Turm benennen und ihn den anderen Kindern präsentieren. 
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