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Familienleben

Wie wir entschleunigen...

Auf der Alp, im Ökodorf, mit weniger Arbeitszeit - drei Familien erzählen, wie ihnen Entschleunigung im Alltag gelingt.
Protokolle: Virginia Nolan
Bilder: Raffael Waldner / 13 Photo

Denise de Gois: Aus dem Hamsterrad ins Ökodorf (Hauptbild)

Vor drei Jahren zog ich mit meinen beiden Töchtern Léa und Jael ins Ökodorf Sennrüti in Degersheim SG. Mein Leben als alleinerziehende Mutter war oft stressig gewesen. Von einer gemeinschaftlichen Lebensform erhoffte ich mir mehr Zeit fürs Wesentliche. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. 27 Erwachsene und 20 Kinder und Jugendliche leben derzeit im ehemaligen Kurhaus, das wir Schritt fu?r Schritt nach unseren Bedürfnissen umgestalten. Wir sind eine Mehrgenerationengemeinschaft, wollen voneinander lernen und miteinander wachsen. Wir kommen aus über 30 verschiedenen Berufsgruppen, jeder bringt sich nach Kräften und Interesse ein – beim Umbau, in der Gemeinschaftsküche, im Garten, in Veranstaltungen für Besucher und Themen, welche die Gemeinschaft betreffen. 

Meine Mädchen und ich haben unsere eigenen vier Wände. Trotzdem sind wir Teil einer Gemeinschaft, auf die wir uns verlassen können. Zum Beispiel ist immer jemand für die Kinder da, wenn man als Eltern wegmuss. In der Gemeinschaftsküche wird täglich gekocht, wer Hunger hat, isst mit. In der Bibliothek darf sich jeder bedienen, ebenso in der Boutique, wo wir Kleider hinbringen, die wir tauschen oder einander leihen wollen. Weil wir vieles teilen, sinkt der finanzielle Druck auf den Einzelnen. Ich lebe heute entspannter, weil die Dinge nicht mehr an mir allein hängen.

Viele Kinder aus dem Ökodorf, auch meine, besuchen die private Monterana-Schule gleich im Ort. Dort lernt jedes Kind in seinem eigenen Tempo, es bestimmt selbst, welchen Inhalten es sich widmen will. Seither ist meine ältere Tochter richtig aufgeblüht. Vorher, in der Staatsschule, kam sie oft nicht mit. Ich finde es schön, dass die Eltern in unserer Gemeinschaft sich über die Zukunft ihrer Kinder nicht den Kopf zerbrechen. Wir vertrauen darauf, dass der Nachwuchs es richtig macht, und wir stärken einander in dieser Überzeugung. Wenn ich sehe, was für tolle junge Menschen hier herangewachsen sind, mache ich mir keine Sorgen. Im Ökodorf habe ich nicht nur mehr Ruhe, sondern auch die Liebe gefunden. Florian und ich lernten uns vor zwei Jahren kennen, 2014 kam unsere Tochter Mala auf die Welt. Florian wohnt gleich um die Ecke, ebenfalls in der Gemeinschaft.

Nicht ständig Neues anreissen, einfach zusammen da sein 

Ich freue mich, wie gut es uns gelingt, Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung untereinander aufzuteilen. Ich arbeite einen halben Tag die Woche hier im Sekretariat, dann noch in einer Demeter-Gärtnerei und als Yogalehrerin. Am liebsten würde ich nur noch Yogastunden geben, aber das reicht nicht, um die Privatschule zu bezahlen. Das ist, wie ich finde, ein gewisser Widerspruch zu meiner Philosophie, mich von ökonomischen Zwängen zu befreien. Doch im Moment fällt mir keine bessere Lösung ein. Wünsche erfüllen sich eben nicht immer auf Anhieb – die Erfahrung machen wir auch im Ökodorf. Manchmal sind wir schlicht zu übereifrig. Und so geschieht es bisweilen, dass jene, die dem Hamsterrad entfliehen wollten, sich hier ein neues schaffen: Besprechungen hier, Arbeitsgruppen dort, Projektsitzungen da. Wir haben so viele Ideen! Bei einer Gruppensitzung im letzten Jahr kam deutlich heraus, dass sich viele Entschleunigung wünschen: nicht ständig Neues anreissen, sondern einfach zusammen da sein. Seither setzen wir vermehrt Prioritäten – und gehen es ruhiger an.

... weiter auf Seite 2.

Dieser Artikel stammt aus dem Online-Dossier Achtsamkeit

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