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Familienleben

Warum sollten Paare sich Familien- und Erwerbsarbeit egalitär teilen?

Seit 1993 begleitet Margret Bürgisser im Rahmen einer Studie Paare, die sich sowohl die Erwerbsarbeit als auch die Kinderbetreuung gleichwertig teilen. «Egalitär» nennt sie diese Rollenteilung und spricht von einem Erfolgsmodell. Die Soziologin über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, den Verzicht auf Status und das Gefühl des «Ungenügendseins». 
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Ein Familienquartier am Luzerner Stadtrand. Zwischen den gepflegten neuen Häusern spielen Kinder, fahren Velo und Trottinett. Für die Eltern stehen Bänke bereit. In der obersten Etage eines dieser Häuser wohnt Margret Bürgisser mit ihrem Mann. Von ihrer Dachterrasse aus kann sie die Kinder beobachten. «Schön, dass Familien hier so viel Raum haben», sagt die Soziologin, und: «Wollen wir das Gespräch hier draussen oder im Wohnzimmer führen? Ich richte mich nach Ihnen.»

Margret Bürgisser, Sie haben die Lösung für ein Problem gefunden, dass viele Mütter und Väter umtreibt. Wie lassen sich Beruf und Familie besser vereinbaren?

Als Patentrezept für jeden Mann und jede Frau würde ich meine Studienergebnisse nicht bezeichnen. Aber ja, meinen Erhebungen zufolge erweist sich das «egalitäre» oder partnerschaftliche Rollenmodell als Weg zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zum Erreichen einer hohen Lebensqualität für die ganze Familie.

Sie haben 28 Elternpaare aus der Deutschschweiz in Abständen von etwa zehn Jahren dreimal über ihre Rollenteilung interviewt.

Als ich 1993 mit meinen Recherchen begann, gab es nur sehr wenige Paare, die solch ein Familienmodell lebten. Um eine substanzielle Beteiligung der Väter an Kinderbetreuung und Hausarbeit zu gewährleisten, habe ich bewusst diejenigen Paare gewählt, bei denen die Männer 50, 60 oder maximal 70 Prozent berufstätig waren. Heute würde ich das egalitäre Modell offener definieren. 
Dr. phil. Margret Bürgisser ist Soziologin und Inhaberin des Instituts für Sozialforschung, Analyse und Beratung ISAB (www.isab.ch) sowie Buchautorin. Seit über 20 Jahren forscht sie über sozialen Wandel, Gleichstellung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, partnerschaftliche Rollenteilung sowie andere Themen.  Margret Bürgisser: Partnerschaftliche Rollenteilung – ein Erfolgsmodell. Hep Verlag 2017.
Dr. phil. Margret Bürgisser ist Soziologin und Inhaberin des Instituts für Sozialforschung, Analyse und Beratung ISAB (www.isab.ch) sowie Buchautorin. Seit über 20 Jahren forscht sie über sozialen Wandel, Gleichstellung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, partnerschaftliche Rollenteilung sowie andere Themen.
Margret Bürgisser: Partnerschaftliche Rollenteilung – ein Erfolgsmodell. Hep Verlag 2017.

Und wie?

Unter egalitärer Rollenteilung verstehe ich eine Arbeitsteilung zwischen Mutter und Vater, die in einem ähnlich grossen Teilzeitpensum berufstätig sind und sich die Verantwortung für Berufsarbeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit gleichverantwortlich teilen.
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Im September erscheint Ihr Buch: «Partnerschaftliche Rollenteilung – ein Erfolgsmodell», die Quintessenz Ihrer Erkenntnisse. Damit wollen Sie jungen Eltern Mut machen, dieses Modell zu leben. Worin liegen denn die Vorteile?

Die partnerschaftliche Rollenteilung bietet Eltern die Möglichkeit, sowohl ihrem Beruf nachgehen zu können als auch an der Entwicklung der Kinder teilzuhaben. Und es gewährleistet, dass die Hausarbeit – das ungeliebte Stiefkind – auf beide Partner aufgeteilt wird. Wenn die Verantwortung für die Erwerbsarbeit auf zwei Schultern ruht, verteilt sich ausserdem das Risiko der Existenzsicherung.

Das hört sich traumhaft an. In der Praxis klagen aber vor allem Mütter, dass sie sich zwischen Job und Familie zum Teil bis zur Erschöpfung aufreiben. 

Ich vermute, dass dieses Gefühl des Unvermögens in der ersten Familienphase, wenn die Kinder klein sind, sehr verbreitet ist. Irgendwo kommt immer etwas zu kurz. Man hat als junge Mutter oder junger Vater nun mal nur begrenzte Möglichkeiten – unabhängig vom Familienmodell. Wenn aber die Mutter zu Hause bleibt, um einem Ideal zu entsprechen, obwohl sie eigentlich andere Ambitionen hätte, kann auch das in ihr Gefühle des «Ungenügendseins» auslösen.

Meines Erachtens liegt das Problem auch darin, dass die meisten Paare die Rollen trotz Berufstätigkeit der Frau oftmals nicht wirklich teilen. Der Vater arbeitet weiterhin 100 Prozent und die Mutter trägt neben ihrem 50-Prozent-Erwerbspensum zu Hause weiterhin die Hauptverantwortung.

Paare mit jüngstem Kind unter drei Jahren arbeiten in der Schweiz in etwa gleich viel, nämlich die Frauen 71,7 und die Männer 71,4 Stunden pro Woche. Das ist die Summe aus Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern liegt darin, dass die Arbeit der Männer mehrheitlich bezahlte Erwerbsarbeit ist und die der Frauen unbezahlte Familienarbeit. Verständlicherweise haben Frauen immer noch das Gefühl, dass die Koordination von Kinderbetreuung und Hausarbeit mehrheitlich bei ihnen liegt.

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