Paula-Irene Villa Braslavsky: «Viele haben erkannt, was zum wahren Gesicht der Familie gehört»
Familienleben

«Liebe Frau Villa Braslavsky, was macht die Krise mit Familien?»

Die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky sagt, dass wir in den letzten Wochen und Monaten etwas zutiefst Unnatürliches erlebt haben: die absolute Reduktion auf die Kernfamilie. Ein Gespräch über fehlende Kontakte, tiefe Verunsicherung und die Frage, ob wir aus dieser Krise etwas lernen werden.
Interview: Claudia Füssler
Bilder: zvg / privat
Dass sie nicht wie gewohnt unterwegs sein kann, Konferenzen besuchen, Freundinnen und Freunde treffen, mit Kolleginnen und Kollegen diskutieren – das ist für die deutsch-argentinische Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky eine der schwersten persönlichen Herausforderungen in der Corona-Krise. Aufgrund der in Deutschland geltenden Kontaktsperre musste auch das Interview mit Fritz+Fränzi digital stattfinden. Was macht diese Krise mit uns als Familie? Mit dieser und vielen anderen Fragen sowie einem Chai hat sich Claudia Füssler in Freiburg für das Gespräch ausgestattet, während es sich Paula-Irene Villa Braslavsky in ihrer Wohnung in München mit einem Kaffee – schwarz – in ihrem Arbeitszimmer gemütlich gemacht hat.

Frau Villa, wie erleben Sie als Wissenschaftlerin gerade diese Phase einer in unserer Zeit nie dagewesenen Krise?

Mit der ganz normalen Schizophrenie, die gerade viele Menschen in unterschiedlichen Disziplinen erleben. Als Privatmensch finde ich das alles schwierig und komme nicht gut mit all den Veränderungen zurecht, obwohl wir sehr privilegiert sind: Wir wohnen mit viel Platz und unsere Kinder sind Teenager. Ich bin allerdings ein sehr kommunikativer, kontaktfreudiger und aktiver Mensch, das fehlt mir.
«Wir stellen fest, wie schwierig es ist, die Zeit so zu füllen, dass man sich selbst aushalten kann.»

Und als Soziologin?

Mit professionellem Blick finde ich spannend und sehr interessant, was in den vergangenen Wochen alles passiert ist und noch passiert. Keiner von uns hat jemals ein so andauerndes Krisenmanagement erlebt. Wir haben keine Erfahrung damit, es gibt also keine Sicherheiten und keine verlässlichen Antworten auf all die Fragen, die uns umtreiben im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus. Wir Soziologen und Soziologinnen können aber gute Hinweise und Überlegungen geben sowie vielleicht auch aufklärerische und plausible Lesarten zur sozialen Wirklichkeit dieser Krise anbieten.

Dann versuchen wir es mal. Wie gross ist denn aus Ihrer Sicht das Erschütterungspotential dieser Krise für Familien?

Einerseits sehr stark, aber andererseits auch weniger stark als bei anderen Gefügen oder Institutionen, mit denen wir zu tun haben. Fangen wir mit der starken Erschütterung an: Viele von uns übersehen, wie sehr Familie, wie wir sie verstehen – also als privaten, abgegrenzten Raum – von Verbindungen abhängt. Diese ausschliessliche Privatheit ist nicht der Normalfall von Familie. Um sie so erleben zu können, wie wir sie üblicherweise empfinden, sind grosse Verflechtungen nötig: einkaufen, Kindergarten, Medien, Freundschaften zu anderen Familien, Schule, Berufe, Spielplätze. Das sind viele öffentliche oder andere Elemente, die zu unserer Privatheit gehören.
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Viele sind plötzlich weggefallen, zum Beispiel Schule oder Freunde und Freundinnen.

Richtig, dadurch wurden Familien auf eine Art auf sich zurückgeworfen, die ihnen klar gemacht hat: So funktionieren wir gar nicht. Sondern Privatheit funktioniert über Komplexität und Verflechtung. Entsprechend erleben viele daheim jetzt einen Lagerkoller, sie stellen fest, wie schwierig es ist, die Zeit so zu füllen, dass es nie langweilig wird, man sich hinreichend frei fühlt und man sich selbst aushalten muss. Das alles ist jedoch die schöne schlimme Seite.

Es gibt noch eine nicht so schöne?

Ja, leider. In vielen Familien sind Themen wie Gewalt, Sucht oder finanzielle Not durch die verordnete Enge schlimmer geworden.

Sie sagten, andererseits würden Familien durch die Krise auch weniger stark erschüttert als andere Gefüge.

Genau. Weil das Gefüge, das wir als privat begreifen, noch aktiviert werden kann und anspringt, wir nehmen es als Ressource war. In unsere Familie können wir uns vielfach zurückziehen, sie hat Bestand, während ringsum andere Bereiche wie Schule, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen für uns wahrnehmbar deutlich wackeln. Mir ist da aber noch ein anderer Punkt wichtig.

Nämlich?

Das wir bei all den Fragen nicht die Familien aus dem Blick verlieren, die in anderen Konstellationen leben als den althergebrachten: Patchworkfamilien, Partner mit Kind, die nicht an einem Ort leben, queere Familien, getrennte, also multilokale Familien, die miteinander funktionieren, gerade auch in der Krise. Für all diese sind solche Veränderungen noch einmal eine ganz besondere Herausforderung, denn ihnen wird oft die Legitimität und Normalität abgesprochen, die unter den gegebenen Massnahmen Familie ermöglicht.

1 Kommentar

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Von Daniela am 30.04.2020 12:08

Danke für dieses spannende Interview. Ich finde den Satz "Privatheit funktioniert über Komplexität und Verflechtung" besonders wichtig - er entlastet!

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