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Familienleben

Herr Wendl, wie gelingt Familie trotz Fernbeziehung?

Der Familien- und Paartherapeut Peter Wendl über das Phänomen «mobile Familie» und warum es so wichtig ist, schon während der Woche immer wieder zu Hause anzurufen.
Text: Evelin Hartmann
Foto: Raphael Waldner / 13 Photo
Herr Wendl, wir leben und arbeiten in einer zunehmend globalisierten Welt. Nimmt die Zahl an Familien, die eine Fernbeziehung leben, zu?
Konkrete Zahlen gibt es nicht, was aber definitiv zugenommen hat, ist die Bereitschaft zu pendeln, da die digitalen Kommunikationsmedien, wie Skype oder FaceTime, es ermöglichen, auch über eine grosse Distanz hinweg am Alltag des anderen teilzunehmen, ihn in Echtzeit zu sehen. Es ist heute also eine Selbstverständlichkeit, bilokal leben zu können und trotzdem eine Familie zu haben.

Was würden Sie Eltern, die diese Lebensform wählen, raten?
Es gibt drei Grundregeln zu beachten. Zum einen sollte das Paar klären, ob es für beide Sinn macht, während der Woche an zwei verschiedenen Orten zu leben. Wenn sich dem Vater beispielsweise zurzeit nur in Zürich ein Jobangebot mit einer solch interessanten Stellenbeschreibung bietet und die Mutter der Kinder wegen die Nähe zu ihren Eltern in Stuttgart nicht missen will, macht dieses Modell für beide Sinn, und sie können die Belastungen einer Fernbeziehung leichter aushalten. Ausserdem sollte der Zeithorizont spätestens nach zwei Jahren geklärt werden: Wie geht es uns? Wie lange wollen wir so leben und arbeiten? Und nicht zuletzt müssen es beide Partner schaffen, während der Woche auch alleine einen erfüllenden Alltag zu leben. Wenn sich einer dauerhaft als Verlierer fühlt, ist dieses Lebensmodell sehr wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.

Das leuchtet ein, betrifft aber auch kinderlose Paare in einer Fernbeziehung. Was ist bei Familien so speziell?
Das Konstrukt wird um ein Vielfaches komplexer. Bei kinderlosen Paaren ist das Ziel, trotz Distanz und wenig Zeit zu zweit das Bestmögliche aus dieser Situation zu machen. Kommen Kinder hinzu, geht es hauptsächlich um Schadensbegrenzung.

Das hört sich dramatisch an.
Wie dramatisch das ist, ist von Fall zu Fall verschieden. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass die Beziehung zwischen Vater und Kindern zwangsläufig leidet. Sicher ist aber, dass Väter gut daran tun, sich auch während der Woche via Telefon oder Skype aktiv am Familienalltag zu beteiligen. Wer sich schon Dienstagabend die Zeit und Ruhe nimmt, sich bei seinem Sohn nach dem Ausgang der Klassenarbeit zu erkundigen, hat am Samstag Zeit für andere Themen. Je älter die Kinder sind, desto leichter ist dieser Austausch natürlich. Die Qualität des Wochenendes entscheidet sich demnach nicht am Wochenende selbst, sondern während der Woche – ebenso wie die Qualität der Beziehung zwischen Vater und Kindern.

Trotzdem stellt man sich in diesen Familien die Erwartung an das Wochenende extrem hoch vor.
Sicher. Da sind die Erwartungen an die Zeit als Paar, die Bedürfnisse der Kinder, und nicht zuletzt braucht es auch Zeit, die man nur für sich gestaltet. Kein leichter Spagat. Darüber sollte man reden: Wer braucht was, und wie viel davon kann ich geben? Auch Kinder haben Verständnis dafür, dass die Eltern auch mal Zeit zu zweit verbringen möchten, wenn sie dann wieder an der Reihe sind. Alle brauchen das Wochenende als Kernzeit der Familie, als Qualitime, in der Papa wirklich da ist.
Dr. Peter Wendl Bild: zVg
Dr. Peter Wendl Bild: zVg

Dr. Peter Wendl
ist wissenschaftlicher Projektleiter an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und erforscht, wie sich Mobilitätsanforderungen auf die Familie auswirken.

Weiterlesen:
Familie auf Distanz - wie funktioniert das? Zwei Familien erzählen, wie das ist, wenn Papa nur am Wochenende da ist.

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