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Familienleben

Familie auf Distanz

Am Wochenende Familienleben, während der Woche in der Single-Wohnung. Immer mehr Väter arbeiten weit weg von Frau und Kindern und führen ein Leben zwischen Abschied, Sehnsucht und der Vorfreude auf das nächste Wiedersehen. Kann so Familie gelingen? Zwei Väter ziehen Bilanz.
Text: Evelin Hartmann
Fotos: Raffael Waldner / 13 Photo
Marc Wittwer fährt seinen Computer runter und schaltet das Licht seiner Schreibtischlampe aus. Die Welt vor den grossen Fensterscheiben des Büro-Hochhauses in Rotkreuz ZG liegt im Dunklen. Es ist 19 Uhr, der Produktmanager macht sich auf den Weg nach Hause. 350 Kilometer weiter nordöstlich deckt seine Frau gerade den Tisch, seine Zwillinge Lara (9) und Mario (9) waschen sich die Hände, setzen sich an den Esszimmertisch. Von Montag bis Freitagmittag bleibt der Stuhl ihres Vaters leer. Marc Wittwers Familie wohnt in München, er in Sattel, Schwyz.

Am Wochenende Familienleben, während der Woche leben und arbeiten in einer anderen Stadt oder einem anderen Land: Immer mehr Familien führen ein Leben auf Distanz, meistens sind es die Väter, die pendeln, weil sie von ihrer Firma versetzt werden, in ihrer Umgebung keinen vergleichbaren Job finden. Umarmungen, herumtollen, gemeinsam einschlafen, aufwachen, Sex, all das, was Partnerschaft und Familie ausmacht, wird dann in 48 Stunden gepackt.
Auf die Plätze, fertig, Schnee! Bettina Wittwer und die Zwillinge Lara und Mario zu Besuch in Sattel SZ. Beim Vater gibt es coole Wintersportgebiete, finden die beiden.
Auf die Plätze, fertig, Schnee! Bettina Wittwer und die Zwillinge Lara und Mario zu Besuch in Sattel SZ. Beim Vater gibt es coole Wintersportgebiete, finden die beiden.
Bei Marc Wittwer (42) war es anders geplant. «Im Januar 2014 habe ich in Rotkreuz angefangen, weil mich das Jobangebot gereizt hat», erinnert er sich. In den Sommerferien sollte die Familie nachkommen. Aber einige seiner Projekte liefen nicht optimal, es gab viele Wechsel im Team. «Die Kinder aus der Schule nehmen, der grosse Umzug – und mich dann nach einem halben Jahr möglicherweise wieder umorientieren zu müssen, das wollte ich auf keinen Fall», erinnert er sich.

Dafür sind Wittwers in München zu verwurzelt, seine Eltern wohnen ganz in der Nähe, die Schwiegereltern nur 40 Kilometer entfernt, betreuen an zwei Nachmittagen die Kinder, wenn seine Frau als Augenoptikerin arbeitet. «Also haben wir die Entscheidung um ein weiteres halbes Jahr vertagt.»
Die Kinder aus der Schule nehmen, den grossen Umzug, das wollte Marc Wittwer nicht.
Alexander Volz (43) schaut aus dem Zugfenster. Um 5.30 Uhr ist er in Burgdorf BE losgefahren, sein Ziel: der Bahnhof in Kassel-Wilhelmshöhe, Deutschland. Dort holt er seine drei Kinder ab. Anders als Marc Wittwer ist der Kommunikationsexperte mit der Mutter seiner Kinder nicht mehr zusammen. Die Buben aus erster Ehe sind 12 und 14, die Tochter 16. Alle drei Monate sind Dennis, Matti und Caro* bei ihm, wenn möglich eine Woche und jedes zweite Weihnachtsfest.

Zurück in Burgdorf gibt es ein grosses Wiedersehen mit den beiden kleinen Halbgeschwistern – und überbackene Nachos. «Die sind obligatorisch», sagt der gebürtige Norddeutsche und lacht. Dass das Leben manchmal anders spielt, als man es von seinen Eltern kennt, weiss er spätestens seit 2007. Damals trennte er sich von seiner Frau. Nach der Scheidung lernte er eine Schweizerin kennen. Der Schritt in die Schweiz sei ihm nicht schwergefallen. «Meine Ex-Frau ist mit den Kindern oft umgezogen, so dass ich immer pendeln musste», erinnert er sich. Zwischen den Besuchen skypen sie.
Marc Wittwer telefoniert lieber mit seiner Familie. «Hallo Lara, wie geht’s, habt ihr schon gegessen?». Am anderen Ende berichtet eine Mädchenstimme von der Schule, darüber, dass ihre beste Freundin übermorgen neun wird. Marc Wittwer lächelt. Dass abends keiner auf einen wartet, verleitet schon dazu, mehr zu arbeiten, sagt er. Zumindest die ersten Monate. Mittlerweile bemüht er sich um eine gute Balance, sitzt an Sommerabenden auf seinem Balkon, geht biken. Manchmal lädt er Kollegen zum Kochen ein. «Ansonsten führe ich hier das Leben eines Einsiedlers», sagt der Familienvater und lacht. Wirklich witzig findet er das aber nicht.

Natürlich freuen sich die Kinder, wenn er freitagnachmittags die Wohnungstür in München aufsperrt – wenn sie da sind. «Fussballtraining, Tanzen, sie haben mittlerweile auch ihr eigenes Programm.» Und dass die Mutter jetzt in vielen Dingen die erste Ansprechperson ist, sei für ihn nur verständlich. Daher fragt er auch beim Abendessen oft gar nicht ab, wie es in der Schule war. Marc Wittwer: «Wir machen lieber Pläne für die gemeinsame Zeit am Wochenende – alles andere ergibt sich in den nächsten Tagen.» Er weiss, dass es wichtiger ist, am Samstag kein Fussballmatch seines Sohnes zu verpassen und dass danach seine Tochter dran ist, denn die Kinder führen gedanklich genau Buch. Manchmal bleibt auch Zeit für ein Abendessen zu zweit. Die Gespräche mit seiner Frau Bettina (44) fehlen ihm. Nähe geht verloren.
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Wenn Dennis an seinen Vater denkt, schaut er sich zum Trost Fotos an.
Alexander Volz lädt mit seinen Söhnen die Einkaufstaschen ins Auto. Alltag leben, das ist ihm wichtig mit seinen Kindern, neben Ausflügen in den Zoo oder in die Berge. Für die Buben muss es nicht das grosse Unterhaltungsprogramm sein, sie sind einfach gern beim Vater und umso trauriger, wenn sie sich wieder trennen müssen. «Zu Hause denke ich jeden Tag an Papa», sagt Dennis. Dann schaut er sich Fotos an und wird trotzdem traurig, wenn er beim Blick in den Kalender sieht, wie viele Tage noch vergehen müssen bis zum nächsten Wiedersehen.

Deshalb hat sich Alexander Volz etwas überlegt, eine Geschichte erfunden, in der drei Jugendliche in der Schweiz Abenteuer bestehen. «Es ist unschwer zu erkennen, wer diese drei sind», sagt er und schmunzelt. Bisher ist eine dieser Geschichten als Buch erschienen (Alexander Volz, «Rustico Vecchio – das Erbe Andrins», Band I, Spick Verlag, 2014, 29 Franken). Fünf Bände sollen es insgesamt werden, für jedes seiner Kinder einer. Das hilft auch ihm, mit der Distanz umzugehen und über sie hinweg seinen Kindern nah zu sein.

Wie Marc Wittwers Zwillinge mit der räumlichen Trennung umgehen, bewertet er unterschiedlich. «Lara macht das gut, sie erzählt gerne, ihr macht es Spass zu telefonieren. Bei Mario ist das anders, er braucht die gemeinsame Aktion, um sich seinem Vater nah zu fühlen», sagt er. Er sei leichter reizbar geworden, gerät schneller in Streit. «Dem Buben fehlt der Vater», sagt seine Lehrerin. Im März soll daher endgültig eine Entscheidung fallen: Wer zieht zu wem?

«Ich habe das Pendeln unterschätzt», gesteht auch Bettina Wittwer sich selbst und ihrer Familie ein. «Mir fehlt die Nähe meines Mannes vor Ort.» Hausaufgaben abfragen, die Kinder zum Sport oder zu den Freunden fahren, Elternsprechtage, Arztbesuche, Einkaufen, Putzen, ihre Tage sind randvoll. Unterstützung holt sie sich bei den Eltern und Schwiegereltern. «Aber es gibt Dinge, die kann ich nicht allein entscheiden», sagt sie. Diese Dinge schreibt sie auf einen Zettel. Ihre To-do-Liste fürs Wochenende. «Mario, gegen wen spielt ihr am Samstag? ... Oh toll, ich freu mich schon!», sagt Marc Wittwer und nimmt sich vor, seine Tasche fürs Wochenende schon heute Abend zu packen. Dann ist er am Freitag schneller daheim.


* Namen von der Redaktion geändert

Zur Autorin:

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Evelin Hartmann 
ist der Liebe wegen in die Schweiz gezogen. Sie wollte keine Familie auf Distanz - aber wissen, wie es anderen in diesem Modell ergeht.

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