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Familienleben

Alleinerziehende – wir schaffen das

Sie machen täglich den Spagat zwischen Kindererziehung und Job: alleinerziehende Mütter und Väter. Im komplizierten Alltag kämpfen viele von ihnen mit finanziellen Schwierigkeiten. Und der Gewissheit, ihren Kindern nicht immer gerecht zu werden.
Text: Martina Bortolani
Mitarbeit: Evelin Hartmann
Fotos: 
Anne Gabriel-Jürgens /13 Photo
In der Schweiz gibt es rund 440 000 Eltern, die getrennt voneinander leben. Die Kinder wohnen in beinahe 90 Prozent der Fälle bei der Mutter, der Rest beim Vater, in sogenannten «Einelternhaushalten» oder «Einelternfamilien».

Noch vor 40 Jahren eine gesellschaftliche Randerscheinung, wird diese Familienkonstellation neben der klassischen Kleinfamilie mehr und mehr zum Normalfall. So hat sich die Zahl der Alleinerziehenden seit 1970 verdoppelt. Bereits jedes achte Kind lebt in einem Einelternhaushalt und in fast jeder Schulklasse sitzen heute zwei oder drei Kinder, die allein mit ihrer Mutter aufwachsen.
Jedes achte Kind in der Schweiz lebt heute in einem Einelternhaushalt.
Unter dem Begriff Einelternfamilie werden so viel verschiedene Konstellationen gefasst, wie das Leben facettenreich ist: die alleinerziehende Mutter, der alleinerziehende Vater, der nach der Trennung mit oder ohne Alimente klarkommen muss, Witwer und Witwen mit unmündigen Kindern sowie Frauen, die trotz geplanter oder ungeplanter Schwangerschaft nicht zusammenleben wollen oder können. Gemeinsam haben all diese Haushalte, dass ein Elternteil – neben der Unterstützung durch den Ex-Partner, Freunde und Verwandte – hauptsächlich alleine für das eine oder mehrere Kinder sorgt.

17 Uhr: Den Computer runterfahren, das Nötigste einkaufen. 18 Uhr: den Jüngsten bei der Nachbarin abholen. 19 Uhr: Abendessen. Dann die 13-jährige Tochter Vokabeln abfragen. Schimpfen. Trösten. 20 Uhr: Wäsche in die Maschine. 20.30 Uhr: Den 6-Jährigen unter Protest ins Bett bringen. 21 Uhr: Küche putzen. 22 Uhr: Wäsche in den Trockner. 23 Uhr: Wäsche falten. Verräumen. 23.30 Uhr: Den Kinderrucksack für den morgigen Klassenausflug packen. Todmüde ins Bett fallen.
Seit acht Jahren verwitwet: Aparecida Hefti-Pinto, Tochter Anna-Sophia, 12.
Seit acht Jahren verwitwet: Aparecida Hefti-Pinto, Tochter Anna-Sophia, 12.
Das Tagespensum Alleinerziehender ist streng, ihre Lebenssituation in nicht wenigen Fällen sogar prekär, wie unlängst eine von der Caritas in Auftrag gegebene Studie zur Lebenswirklichkeit von Alleinerziehenden zeigt. Durchgeführt wurde die Erhebung vom Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bern. Die Ergebnisse: Jede sechste Einelternfamilie ist von Armut betroffen, das sind 16,5 Prozent. Als arm gelten zum Beispiel Einelternfamilien mit zwei Kindern, denen höchstens 3500 Franken pro Monat zur Verfügung stehen. Verglichen mit der Gesamtbevölkerung sind Alleinerziehende mehr als doppelt so häufig von Armut betroffen.

Ein zentraler Grund für die Armut Alleinerziehender ist die unzureichende Existenzsicherung. Viele alleinerziehende Mütter arbeiten Teilzeit, nicht selten im Stundenlohn, in Kleinstpensen oder mit unregelmässigen Arbeitszeiten. Davon sind gerade niedrig qualifizierte Frauen betroffen. «Oft hören sie bereits im Bewerbungsgespräch, dass ihnen die nötige Flexibilität fehle», sagt Bettina Fredrich, sie leitet die Fachstelle Sozialpolitik bei der Caritas.

Für eine Verbesserung der beruflichen Situation wäre oftmals eine Weiter- oder Zusatzqualifizierung nötig. Wer aber seinen Tag bis auf die Minute genau takten muss, um den Spagat zwischen Job, Haushalt und Kindern alleine zu managen, hat für Abend- oder Wochenendkurse erst recht keine Zeit. Und so lautet das Credo vieler Alleinerziehender: Verzicht – in erster Linie bei sich selbst. Beim Nachwuchs wollen die wenigsten Alleinerziehenden sparen. Und doch sind auch die Kinder benachteiligt. Bettina Fredrich: «Die fehlenden Finanzen führen dazu, dass Kinder weniger Zugang zu früher Förderung haben, was ihre Entwicklung beeinträchtigt.» Ferien sind selten möglich, und selbst Geschenke für anstehende Kindergeburtstage zu besorgen, ist für die Mütter finanziell herausfordernd. «Das macht viele dieser Kinder zu Aussenseitern», weiss die Caritas-Mitarbeiterin.
Alleinerziehende Mütter leiden doppelt so oft an Depressionen wie verheiratete.
Stress, Ängste, Überforderung – die tägliche Last hinterlässt Spuren. Fakt ist, dass alleinerziehende Mütter doppelt so oft an Depressionen leiden wie verheiratete Mütter. Zeit zur Erholung fehlt zuweilen völlig. Kein Wunder, denn gemäss einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik von 2012 leisten Alleinerziehende neben ihrer Berufstätigkeit rund 26,8 Stunden pro Woche Arbeit für die Betreuung ihrer Kinder. Dabei werden «Essen geben, Waschen und ins Bett bringen» mit 6 Stunden pro Woche beziffert, «Waschen und Bügeln» mit rund 2 Stunden und «Spielen und Hausaufgaben» mit rund 9,3 Stunden pro Woche. Aufgaben, die auch in einem Paarhaushalt erledigt werden müssen, doch hier können sich die Partner die Arbeit untereinander aufteilen.

Nur: Gleichberechtigt geht die Aufgabenteilung auch in den meisten «Papi-Mami-Kind-Familien» nicht zu und her. Laut dem Bundesamt für Statistik arbeiten über die Hälfte der Frauen Teilzeit, bei den Männern steigt der Anteil hingegen nicht über 16 Prozent. Die Väter, die wegen Erziehung und Hausarbeit ihr Pensum reduzieren, sind in der Schweiz demnach noch immer in der Minderheit. Kein Wunder also, dass es auch nach der Trennung die Frauen sind, die sich um die Kinder kümmern. Der Vater zahlt Alimente fürs Kind oder wäre zumindest dazu verpflichtet; doch es drücken sich viele – oder sie zahlen zu wenig. Laut Caritas bezieht jede fünfte Alleinerziehende Sozialhilfe.
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Jede sechste Einelternfamilie in der Schweiz ist von Armut betroffen.
Natürlich sind nicht alle Alleinerziehenden arm und bedauernswert. Die meisten haben ihr Leben im Griff. Sie erscheinen in keiner Armutsstatistik. In keiner Sozialhilfestudie. In keiner Alimentenbevorschussungsübersicht. «Vielen meiner Klientinnen geht es finanziell gut und sie sind zufrieden mit ihrem Leben», bestätigt eine Zürcher Scheidungsanwältin, die anonym bleiben möchte.

Manche Frauen entscheiden sich sogar ganz bewusst für ein Kind – obwohl der passende Mann dazu fehlt. Letzteres ist für sie kein Grund, auf Kinderglück zu verzichten. Die erfolgreiche Juristin, die mit 38 Jahren beruflich zwar viel erreicht hat, aber gerade in keiner Beziehung lebt, ist so ein Beispiel. Und tatsächlich: Leiter grosser Samenbanken in der Schweiz berichten von einer zunehmenden Nachfrage von alleinstehenden Frauen. Allerdings dürfen sie diese Klientinnengruppe zwar beraten, müssen sie aber dann an eine Klinik im Ausland verweisen. In Spanien beispielsweise ist, anders als hierzulande, die künstliche Befruchtung auch alleinstehenden Frauen gestattet. Ist das Kind auf der Welt, unterstützen Nannys oder Au-pairs die Mutter bei der Kinderbetreuung. An finanziellen Mitteln mangelt es ihr nicht.

Zugegeben: Diese Fälle sind nach wie vor die Ausnahme. Aber auch Edith Schwab, Präsidentin des European Network of Single Parent Families, bestätigt: «Alleinerziehende stehen heute grundsätzlich mitten in der Gesellschaft.» Noch in den 70er und 80er Jahren sei es eine «Schande» gewesen, als Mutter ohne Mann dazustehen.
Das Stigma ist weg: Alleinerziehende stehen heute mitten in der Gesellschaft.
An diese Zeiten kann sich Franziska P., heute 72 Jahre, noch gut erinnern. Die Baslerin zog zwei Töchter und einen Sohn alleine auf. «Man gab mir immer zu verstehen, dass ich entweder lasterhaft lebte oder nicht in der Lage sei, einen Ehemann an mich zu binden», erinnert sie sich. Dass ihr Mann sich Abend für Abend lieber am Stammtisch betrank, als ihr zuhause mit den Kindern zu helfen, blendete ihr kleinbürgerliches Umfeld beflissen aus. «Kein guter Vater zu sein, galt zu dieser Zeit als eine Art Kavaliersdelikt», sagt sie. «Da haben es die Frauen heute leichter.»

Eine dieser Frauen ist Franziskas Tochter, die mit ihren beiden Kindern ebenfalls in Trennung lebt. Sie habe viele Freunde, sei gesellschaftlich integriert und könne sich mit anderen Müttern austauschen. Franziska: «Für mich war das damals unmöglich. Ich hatte keine Freundinnen und versuchte möglichst nicht aufzufallen.»

Einem gewissen Rechtfertigungsdruck sieht sich aber auch die 42-jährige Tochter ausgesetzt: «Wir haben einen Mittagstisch mit ein paar Mädchen aus der Klasse meiner Tochter. Ich achte immer darauf, dass ich sehr gesund und ausgewogen koche», sagt sie. Brokkoli und Bio-Plätzli oder Dinkelteig-Pizza mit einer Schüssel Salat. «Irgendwann sagt mir eine der Mütter, dass ihre Tochter das Essen bei mir etwas ‹anstrengend› fände. Ich solle doch einfach mal ‹Pommes oder so› servieren, riet sie mir. Ich fiel aus allen Wolken, weil mir klar wurde, wie angestrengt ich mich verhalte.»

Alles richtig machen, den Kindern das Beste mit auf den Weg geben, nicht das Bild der überforderten Mutter abgeben – obwohl der Vater fehlt. Das ist das Mantra vieler Alleinerziehenden.
Inniges Verhältnis: Zoe mit ihrem Vater Marcelo. Jedes zweite Wochenende verbringt sie bei ihrer Mutter.
Inniges Verhältnis: Zoe mit ihrem Vater Marcelo. Jedes zweite Wochenende verbringt sie bei ihrer Mutter.
Und wie steht es um die Väter? Die können sich über eine seit Jahren stetig wachsende gesellschaftliche und politische Lobby aus Vereinen und Verbänden freuen, die im vergangenen Sommer einen grossen Sieg errungen hat: Seit dem 1. Juli 2014 teilen sich Eltern das gemeinsame Sorgerecht für ihre Kinder, egal ob sie verheiratet, im Konkubinat oder getrennt leben. Elternvertreter wie der Präsident des Vereins für elterliche Verantwortung VeV, Oliver Hunziker (Interview auf Seite 26), kämpft darüber hinaus für das Modell der alternierenden Obhut, bei dem im Falle einer Trennung die Kinder zu je mindestens 33 Prozent von beiden Elternteilen betreut werden. Nach Oliver Hunziker die Voraussetzung dafür, dass Väter nicht nur die Rolle des Zahl-Papis übernehmen, sondern eine Beziehung mit ihren Kindern leben können. Dies würde auch den Müttern mehr Freiraum verschaffen.
Alleinerziehend zu sein, bedeutet die doppelte Arbeit, doppelt so viele Tränen, aber auch doppelt so viele Umarmungen, doppelt so viel Spass, doppelt so viel Liebe.
Apropos Freiraum. Dass dieser bei ihnen grösser ist als bei verheirateten Müttern, davon berichten einige Alleinerziehende – wenn sie finanziell gut dastehen und die Aufteilung der elterlichen Sorge fair geregelt ist. Jedes zweite Wochenende ist man ohne Verpflichtungen, ohne Partner und ohne Kinder. Und oft auch ein bis zwei Nächte unter der Woche. Auch wenn es selten zugegeben wird, diese Zeit nutzen viele, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Auf Schweizer Kontaktplattformen wie www.singlemitkind.ch wird vom One-Night-Stand über eine Affäre bis hin zur festen Beziehung alles gesucht und alles angeboten.
Würde man diese Single-Eltern fragen, ob sie sich hilflos und verlassen fühlen, würde einem wohl ein mehrheitliches «Sicher nicht!» entgegenschallen. Einelternfamilien haben viele Gesichter.

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Martina Bortolani
38, ist alleinerziehende Mutter einer Tochter, 11, und eines Sohnes, 9. Seit einem Jahr ist sie selbständig (theswimmingpool.ch).

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