Desktop l gesellschaft familienleben alleinerziehend 3
Familienleben

Wie Alleinerziehende den Alltag bewältigen

Kinder bedeuten viel Verantwortung, viel Organisation, viel Arbeit, aber auch viel Liebe. Wie ist es, wenn plötzlich eine Person allein all das leisten muss. Ein Vater und drei Mütter erzählen.
Text: Martina Bortolani
Fotos: 
Anne Gabriel-Jürgens / 13 Photo

Andre Lehner: «Ich habe einfach funktioniert»

Seine Frau war plötzlich weg, Andre Lehner auf sich gestellt. Seit zwölf Jahren lebt der Informatiker allein mit seinem Sohn. Aus dem Alltag eines alleinerziehenden Vaters, der immer noch gegen Vorurteile kämpfen muss.

Robin Lehner stürmt in die Küche und wirft seinen Rucksack in die Ecke. «Häsch vill Ufzgi?», fragt sein Vater. Der 12-Jährige nickt. «Die mache ich nachher mit dir.» Andre Lehner bereitet das Abendessen vor. Später wird er die Aufgaben seines Sohnes kontrollieren, den Abwasch erledigen, Wäsche waschen, zum Trocknen aufhängen. Haushaltsdinge eben. Er macht das immer, und er macht es immer allein.

Andre Lehner, 52, ist Informatiker und seit zwölf Jahren alleinerziehender Vater. Er zählt damit zu einer statistischen Minderheit in der Schweiz. Alleinerziehende Väter machen hierzulande nur rund zwölf Prozent aller Einelternhaushalte aus.

Schon kurz nach Robins Geburt zeichnen sich die ersten Schwierigkeiten bei der Familie ab. Die Mutter verspürt bereits im Wochenbett Mühe, Muttergefühle zu entwickeln, erzählt der Vater. Das ist der «Babyblues», denken alle, das legt sich irgendwann. Doch es legt sich nicht. Wenn Andre Lehner abends von der Arbeit kommt, drückt ihm seine Frau das Kind in den Arm und verlässt das Haus. Der junge Vater wickelt, schöppelt und schmust mit dem Sohn, bis er einschläft. So zieht sich das erste Lebensjahr hin. «Ich funktionierte, weil ich meine Verantwortung als Vater wahrnehmen musste», erinnert er sich. Er sei es dem Kind schuldig, dachte er. Wenn es schon die Mutter nicht konnte.
Alleinerziehende Väter machen hierzulande nur rund zwölf Prozent aller Einelternhaushalte aus.
Immer häufiger verbringt er die Abende und die Wochenenden allein mit dem Kind. «Ich fühlte mich, als würde ich mit 180 Stundenkilometern gegen eine Wand fahren», erinnert er sich. Dann kommt die Scheidung. Obwohl Lehner und sein Anwalt auf die gemeinsame elterliche Sorge pochen, entscheidet sich die Richterin während des Prozesses überraschend anders: «Ich fände es besser, sie würden sich alleine um das Kind kümmern.» Lehner bekommt das alleinige Sorgerecht zugesprochen.

Andre Lehner ist von einem Tag auf den anderen auf sich allein gestellt. Alimente bekommt er von der Mutter nicht. Auch der Staat springt nicht ein, dafür ist das ersparte Vermögen des Mannes zu gross – und doch zu klein, um mit der neuen Situation feudal umzugehen. Er geht weiterhin Vollzeit arbeiten. Lehner hat lange gebraucht, um sich mit der neuen Rolle des alleinerziehenden Vaters zurechtzufinden. «Ich war ein Exot», sagt er. Mehrmals sucht er den Anschluss an Gruppen Alleinerziehender, doch dort trifft er mehrheitlich auf Mütter, die ihn als Mann nicht akzeptieren wollen.

Und so zieht er sich zurück und kämpft sich durch den Alltag mit einem kleinen Sohn und dem hehren Anspruch, dem Kind eine solide Basis zu bieten: einkaufen, kochen, waschen, putzen, beruhigend über das Haar des Sohnes streichen, wenn sich nachts Monster in seine Träume schleichen, Kindergeburtstage, der erste Schultag. Die Doppelbelastung zwischen Beruf und Fürsorge geht mehr und mehr an seine Substanz.

Doch dann klingelt eines abends eine engagierte Sozialarbeiterin aus der Gemeinde an Andre Lehners Tür: Eine Bauernfamilie hat für seinen Kleinen einen Platz bei einer Tagesfamilie anzubieten. Da ist Robin drei Jahre. Für den berufstätigen Vater ein Geschenk des Himmels. Die Bauernfamilie, die selbst vier eigene Kinder hat, nimmt den Buben mit herzlicher Wärme auf, und bis heute verbringt der Vorpubertierende die Tage unter der Woche bei der Familie, die in Velodistanz der Lehners lebt.

Fürs Nachtessen kommt Robin nach Hause zum Vater. Zusammen machen sie Ufzgi, essen, reden, und jeden Abend bringt der Vater den Sohn zu Bett. «Das ist unsere heilige Zeit, und sie schweisst uns zusammen», ist sich Andre Lehner sicher. Und nicht nur das: Manchmal bereichere ihn seine Rolle als alleinerziehender Vater sogar, sagt er: «Ich darf so viel erleben, was andere Väter nicht mitkriegen.» So fahren Vater und Sohn am Wochenende Velo oder gehen campieren. In den Ferien wird der eigens umgebaute VW-Pickup gepackt und auf gehts Richtung Korsika. Ein Männerabenteuer.
«Die Tagesmutter ist eine wichtige Bezugsperson für Robin, aber kein Mutterersatz. Er spürt jeden Tag, dass er die Intensität einer Mutterliebe nicht erfährt.»
Und wie geht es Robin ohne seine Mutter? «Ich ignoriere die Fragen meiner Freunde immer», sagt er entschieden. Und der Vater ergänzt: «Die Tagesmutter ist eine wichtige Bezugsperson für Robin, aber kein Mutterersatz. Er spürt jeden Tag, dass er die Intensität einer Mutterliebe nicht erfährt.»

Mittlerweile treffen sich Mutter und Sohn ab und zu. Aber Robin entscheide immer öfter, wen er an seinem Leben teilhaben lassen will. Seine Mutter stehe dabei nicht an erster Stelle, sagt Lehner. Und: «Meine Aufgabe als Vater ist es auch, ihm zu erklären, dass er nicht das Urvertrauen in Frauen verlieren darf.» Vater und Sohn haben es gut miteinander, auch wenn momentan eine andere Herausforderung ansteht: Der IT-Experte ist auf Stellensuche. Aber auch das kommt schon gut, ist er sich sicher.

Regula, 36, seit zwei Jahren alleinerziehend:

«Ich habe drei Kinder im Alter zwischen 6 und 10 Jahren, und ich drehe jeden Rappen um, um uns über Wasser zu halten. Der Vater der Kinder und ich haben uns vor zwei Jahren getrennt. Glücklicherweise leben wir in einer von der Stadt subventionierten Wohnung mit überschaubaren Mietkosten. Trotzdem sind wir jeden Monat am Limit unserer finanziellen Möglichkeiten. 

Ich kalkuliere rund 500 Franken für Essen und Haushalt ein, damit kaufe ich Lebensmittel und alles, was es sonst noch so braucht im Haushalt. Manchmal gönnen wir uns ein Stück Fleisch, aber in der Regel liegt das nicht drin. Deshalb ernähren wir uns praktisch ausschliesslich vegetarisch. Wir besitzen kein Auto, und wir machen nur Ferien in der Schweiz. Wir können zum Glück ein Ferienhaus von Freunden nutzen und müssen nicht viel Miete bezahlen. Ich weiss genau, dass wir «arm» sind im herkömmlichen, schweizerischen Sinne, trotzdem schäme ich mich nicht für unseren «Lifestyle». 
Anzeige
Trotzdem sind wir jeden Monat am Limit unserer finanziellen Möglichkeiten.
Denn er entspricht in seiner Einfachheit und Bescheidenheit meiner Lebensphilosophie. Ich bin sicher, dass man den Kindern schon sehr früh beibringen kann, was wichtige Werte sind. Und das sind nicht teure Ferien in fernen Ländern und auch nicht, dass jedes Kind ein eigenes Zimmer haben muss. Uns fehlt es an nichts. Wir führen ein schönes und ausgewogenes Leben – und ja, wir müssen auf unser Budget achten. Meine Kinder tragen Kleider aus der Secondhand-Börse, aber ich finde, sie sind nie schlecht oder schäbig angezogen. In meinem Freundeskreis ist es durchaus normal, dass wir Kleider und Spielsachen austauschen und weitergeben, anstatt immer Neues anzuschaffen. Meine Kinder bekommen von mir viele Werte vermittelt, die jenseits davon sind, wie viel Geld man als Familie hat. Sie finden es sogar komisch, wenn sie bei Freunden sind, die in einem grossen Haus wohnen. Sie leben bescheiden und ehren diesen Umstand gebührend. Das kann für ihre Zukunft nicht verkehrt sein. Ich arbeite Teilzeit in einer sozialen Institution. 

Mein Ex-Mann bezahlt nicht viele Alimente. Dafür gleicht er das mit seiner Präsenz als Vater aus. Die Kinder sind regelmässig bei ihm, und wir diskutieren gemeinsam darüber, wie unsere Kinder gross werden sollen. Sowohl er als auch ich leben mit neuen Partnern zusammen. Mein Partner hat auch eigene Kinder. Das ist nicht immer einfach, aber es ist auch bereichernd. Wir wursteln uns durch, aber ich glaube nicht, dass die Kinder darunter leiden. Denn wir sind immer ehrlich zu ihnen, und das kann in der Konsequenz nicht so schädlich sein für sie.

Simone, 47, seit sechs Jahren alleinerziehend:

«Ich habe immer etwas Hemmungen, wenn ich meine Situation in Relation zu anderen alleinerziehenden Müttern setze. Ich habe nämlich keinerlei Geldsorgen, das macht nicht alles, aber sehr vieles leichter. Ich selber stamme aus vermögenden Verhältnissen und mein Ex-Mann bezahlt jeden Monat mehr Unterhaltsbeiträge an uns, als manche in einem Monat verdienen. Ich habe diplomatische Beziehungen studiert und arbeitete oft im Ausland, seit ich Mutter bin aber in der Schweiz, in führender Position bei einer skandinavischen Firma. Zusammen mit dem Geld, das ich verdiene, leben wir überdurchschnittlich gut.
Auch wenn das für andere Eltern vielleicht kühl tönt, aber: besser ein engagiertes, liebevolles Kindermädchen als eine frustrierte Mutter. 
Aber eben, was heisst das schon? Ich habe dafür andere Sorgen. Obwohl mein Sohn und ich viel reisen und ein komfortables Leben führen, frage ich mich, wie er das Aufwachsen ohne seinen Vater in dreissig Jahren einmal beschreiben wird. Hat er vielleicht eigene Kinder? Lebt er mit einer Frau zusammen oder ist er auch getrennt?

Ich verkehre oft mit Müttern, die ähnlich leben wie ich. Die meisten sind ganz selbstverständlich berufstätig. Damit habe ich nie gehadert – im Gegenteil. Ich könnte mir das Leben als Hausfrau nicht vorstellen. Ich habe ein Au-pair zu Hause, seit mein Sohn klein ist. Auch wenn das für andere Eltern vielleicht kühl tönt, aber: besser ein engagiertes, liebevolles Kindermädchen als eine frustrierte Mutter. 

Ich hatte da immer Glück, mein Sohn kam mit all den Frauen, die bei uns arbeiteten, gut aus. Der Vater und ich haben uns scheiden lassen, kaum war der Bub ein Jahr alt. Mein Mann hat mir damals klar gesagt, dass er mich immer finanziell unterstützen werde, er aber die Welt sehen wolle und kein guter Vater sein würde. Das klang damals hart, aber ich weiss jetzt, was er gemeint hat. Und nun ist es so: Ich bin alleinerziehende Mutter, der Vater sieht das Kind zweimal im Jahr. Mein Sohn nimmt ihn mehr als Götti oder Bekannten seiner Mutter wahr denn als seinen Vater. Der Vorteil meiner Lebenssituation ist, dass ich selber entscheiden kann. Alles. Das ist für mich sehr entlastend. Als ich mich aber vor einem Jahr bei der Einschulung meines Sohnes in die internationale Schule mit Tagesstruktur den anderen Eltern vorstellen musste, war mir schon etwas mulmig. Bis ich realisiert habe, dass neben mir auch noch andere Mütter alleine da waren.»

Martina Bortolani: «Ich bin den Weg des Glücks gegangen»

Neulich haben wir zwei Katzenbabys bekommen. Nicht sonderlich unverhofft, denn unsere Katzendame verbrachte die Tage und Nächte im Freien, und so lag es auf der Hand, dass wir uns irgendwann freuen konnten. Als die Babykatzen eines Morgens friedlich in ihrem Korb bei der Mutter lagen, sagte ich zu meinen Kindern: «Sie ist eigentlich wie ich: alleinerziehend.» Meine Tochter, 11, reagierte sehr vehement: «Überhaupt nicht! Du bist doch gar nicht alleinerziehend. Papi ist ja auch da.» Mein Sohn, 9, nickte energisch.

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen. Meine Kinder empfinden mich ganz offenbar nicht als alleinerziehend. Ich hingegen verwendete einen Begriff, über den ich nie richtig nachgedacht hatte. Denn ich empfinde den Begriff «alleinerziehend» ebenfalls meiner Situation als nicht würdig.

Mein Ex-Mann und ich haben nicht nur die gemeinsame elterliche Sorge vereinbart, sondern ich fühle mich auch nicht «allein» in meinen Verpflichtungen. Der Vater der Kinder nimmt seine Verantwortung nämlich durchaus wahr und entlastet mich in vielen Punkten. Die Kinder übernachten während der Woche mindestens ein Mal bei ihm und verbringen regelmässig auch Wochenenden bei ihm. Wir sprechen uns ab, wenn es um erzieherische Fragen geht, und zanken uns weiterhin, wenn diese ins Detail gehen. Wir denken und funktionieren als Familie, doch wir leben getrennt. Ist das so verkehrt?
Wenn Eltern in der Lage sind, ihre persönlichen und emotionalen Trennungsfehden auf rücksichtsvolle Art auszutragen, leiden Kinder sicher nicht mehr darunter, als wenn sie bei Eltern aufwachsen, sie zwar zusammenbleiben, sich aber ständig streiten. 
Ich möchte nichts beschönigen. Es ist der grosse Wunsch jedes Kindes, dass Mami und Papi zusammenbleiben. Diesen zarten Wunsch würde ich meinen Kindern nie absprechen wollen. Und ja, natürlich plagt mich deshalb immer wieder ein schlechtes Gewissen – genau darum, weil ich meinen Kindern diese romantische Familiensituation nicht bieten kann, nicht bieten konnte.

In meinem Alltag erlebe ich es so, dass meine Kinder gut mit einem Elternteil umgehen können, das seinen Weg geht. Ich bin – ohne die vielen guten Seiten des Kindsvaters ausser Acht zu lassen – in dem Moment, als wir uns getrennt haben, den Weg der Autonomie und schliesslich des subjektiven Glücksempfindens gegangen.
Bin ich deswegen aber eine Egoistin, die ihre Kinder traumatisiert hat mit dieser Entscheidung? Ist es für Kinder nicht viel wichtiger, zu erfahren, dass ihr Mami oder ihr Papi in der Lage ist, den Weg des Glücks zu gehen? Anstatt jahrelang in einer unglücklichen Beziehung zu leben und nichts dagegen zu unternehmen. Und dies nur, weil doch Eltern – den Kindern zuliebe! – zusammenbleiben sollten. Wenn Eltern in der Lage sind, ihre persönlichen und emotionalen Trennungsfehden auf rücksichtsvolle Art auszutragen, leiden Kinder sicher nicht mehr darunter, als wenn sie bei Eltern aufwachsen, sie zwar zusammenbleiben, sich aber ständig streiten. Man darf als getrennt lebende Elternteile auch mal ein neues Selbstbewusstsein entwickeln. Man macht nämlich vieles auch: sehr richtig.

Ein Sprichwort sagt: Perfekte Eltern machen rund hundert Fehler am Tag, nicht perfekte etwa die Hälfte davon und ganz normale ein paar pro Tag. Ja, ich bin keine perfekte Mutter. Aber ich bin authentisch. Und ich versuche meinen Kindern vorzuleben, dass Glücklichsein im Leben manchmal mehr Wert hat, als sich der Norm anzupassen.

Wenn ich jeweils die Paare an den Elternabenden in der Schule erlebe, die Innigkeit vorspielen, sich aber längst nichts mehr zu sagen haben, empfinde ich meinen Weg als der geradlinigere. Und das ist nicht verbittert oder neidisch gemeint.
Ich kenne gottlob auch eine Handvoll Paare mit Kindern, von deren Liebe und Ehrlichkeit ich sehr überzeugt bin. Das sind und bleiben meine Vorbilder!

Thumbnail bortolani7
Martina Bortolani
hat die Gespräche mit den Erzählenden geführt und aufgezeichnet, die letzte Geschichte ist ihre eigene.

Weiterlesen:



0 Kommentare

Diesen Artikel kommentieren