«Es tut Justus gut, wenn er mit jemandem reden kann»
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«Es tut Justus gut, wenn er mit jemandem reden kann»

Als Bettina H.* mit ihrem Mann und ­ihren zwei Söhnen in den Kanton Bern gezügelt war, dachte sie erst, dass es allen gut gehe in der neuen Heimat. Bis sich ihr Sohn Justus*, 15, immer ­weiter von ihr entfernte.
Aufgezeichnet von Claudia Füssler
Bild: Gabi Vogt / 13 Photo**
«Als wir vor drei Jahren hier in die Gegend um Bern gezogen sind, haben wir uns eigentlich alle gefreut. Wir hatten beide einen guten neuen Job, die Kinder haben in der Schule schnell Anschluss gefunden und Justus hat sogar gleich in der ersten Woche ein paar Jungs mit heimgebracht aus seinem neuen Handballteam. Er hat sich wohl auch ziemlich schnell verliebt, wenn man das mit zwölf Jahren schon so nennen kann. Auf jeden Fall war da ein Mädchen, Kaja*, mit der hat er viel unternommen und sie war auch Teil seiner neuen Clique. Das ging vielleicht ein Jahr so, denke ich, dann ist Kaja immer seltener bei uns gewesen und wir haben über unseren anderen Sohn mitbekommen, dass sie jetzt wohl mit einem von Justus’ Freunden zusammen war. Wenn wir Justus darauf angesprochen haben, hat er völlig abwehrend reagiert. Ich habe ihn dann gelassen. Mir schien, er war gut aufgehoben in seinem Sport, er war immer noch enorm viel unterwegs, daran hatte sich nichts geändert.
«Wir haben unseren Sohn gezwungen, zu einer Beratungsstelle zu gehen. Dort wurde eine leichte Depression diagnostiziert.»
Dann rief eines Tages sein Lehrer an. Man hatte Justus und ein paar seiner Freunde auf dem Schulgelände beim Kiffen erwischt. Mit 13! Es stellte sich auch heraus, dass Justus schon lange nicht mehr zum Handball ging, er hatte uns angelogen. Wir waren völlig vor den Kopf gestossen durch diesen Vertrauens­bruch. Ich war sehr sauer, auch, weil er sich einem klärenden Gespräch völlig verweigert hat. Wir versuchten es erst mit Reden, dann mit Strenge. Wir verboten ihm, bestimmte Freunde zu treffen, er musste am Wochenende spätestens um 21 Uhr zu Hause sein. Doch das war ihm alles egal, er hat sich einfach darüber hinweggesetzt. Unser Verhältnis ­verschlechterte sich rapide, wir fanden irgendwie keinen Draht mehr zu unserem Jungen. Ein Freund von uns machte uns darauf aufmerksam, dass er vielleicht depressiv sein könnte. Wir haben mit dem Schulpsycho­logen gesprochen, der das ebenfalls für möglich hielt. Justus liess da jedoch kein bisschen mit sich reden. Wir haben ihm das Taschengeld komplett gestrichen und ihn so gezwungen, mit uns zu einer Beratungsstelle zu gehen. Eine Aktion, auf die ich rückblickend nicht sehr stolz bin, aber wir wussten uns einfach nicht anders zu helfen.

Zu unserem grossen Glück fand er die Psychologin dort ganz okay und er hat eingesehen, dass sein ­Verhalten vielleicht etwas damit zu tun hat, dass es ihm mental nicht so gut geht. Bei ihm wurde eine leichte Depression diagnostiziert. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er jetzt in therapeutischer Behandlung. Er selbst sagt oft, das sei Quatsch, aber wir haben das Gefühl, dass es ihm gut tut, wenn er mal mit jemandem reden kann. Er wirkt auf uns ausgeglichener und selbst wir schaffen es, ab und an wieder ein normales Gespräch mit ihm führen zu können.»  

*Namen der Redaktion bekannt

**Für das Dossier «Depression» durfte
Gabi Vogt mit der Familie Wirth aus Zürich eine ­Bildstrecke inszenieren. Die darin gezeigten ­Personen haben keine Verbindung zu den Texten in diesem Heft. Die Fotografin hat für Fritz+Fränzi bereits mehrere Dossiers umgesetzt.

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