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Bei einer Trennung bleibt die Schule ein vertrauter Ort

Aus Ausgabe
10 / Oktober 2026
Lesedauer: 5 min
Wenn Eltern sich trennen, gerät für ein Kind vieles in Bewegung. Umso wichtiger ist, dass es in der Schule weiterhin Stabilität und Verlässlichkeit erlebt. Was Lehrpersonen und Eltern dazu beitragen können.
Text: Thomas Minder

Bild: Adobe Stock

Eine Scheidung ist heute nicht aussergewöhnlich. Viele Kinder sind betroffen. Wir unterschätzen manchmal, wie anstrengend es für sie sein kann, wenn aus zwei Menschen, die gemeinsam eine Familie gegründet haben, zwei Parteien werden.

Vielleicht fragen Sie sich nun: Wie wirkt sich die Trennung auf mein Kind in der Schule aus? Beobachten Sie Ihr Kind genau. Kinder reagieren auf eine frische Trennung sehr unterschiedlich. Manche ziehen sich zurück, wirken im Unterricht abwesend oder verweigern die Mitarbeit. Andere werden auffällig aggressiv, stören den Unterricht oder suchen extrem stark nach Bestätigung.

Idealerweise informieren die Eltern die Schule proaktiv, ­sobald die Trennung dem Kind mitgeteilt wurde.

Auch die Konzentration kann massiv nachlassen; Leistungen, die früher selbstverständlich waren, brechen plötzlich ein. Diese Verhaltensänderungen sind kaum gezielte Provokationen gegen die Lehrperson, sondern oft ein Hilferuf oder der Ausdruck innerer Überforderung.

Was dem Kind Halt gibt

Lehrpersonen dürfen und können keine therapeutische Rolle einnehmen, sind aber pädagogisch darin geschult, allfällige Signale zu erkennen. Eine gute Lehrperson wird Ihr Kind nicht direkt auf die Trennung ansprechen, wenn es nicht von selbst kommt, aber sie wird signalisieren: «Ich merke, dass es dir gerade nicht so gut geht, ich bin für dich da.» Der Fokus im Klassenzimmer liegt darauf, Strukturen und Rituale zu bewahren, was Ihrem Kind Halt gibt.

Idealerweise informieren die Eltern die Schule proaktiv, sobald die Trennung dem Kind mitgeteilt wurde oder bevor sich erste Verhaltensänderungen zeigen – so wie auch bei anderen grossen Veränderungen wie einem Umzug, einer wichtigen Medikamentenabgabe oder einem Todesfall in der Familie. Eine kurze Information an die Klassenlehrperson ermöglicht es, das Verhalten des Kindes besser einzuordnen, ohne dass sofort ein formelles Gespräch nötig ist. Sucht die Schule das Gespräch, ist es aus Sicht des Kindes am besten, wenn beide Elternteile gemeinsam teilnehmen – sofern keine gewichtigen Gründe wie Gewalt dagegensprechen.

Ob das Thema in der Klasse besprochen wird, ist situationsabhängig. Das betroffene Kind bestimmt das Tempo. Es sollte nie blossgestellt werden. Wenn es von sich aus davon erzählt, kann die Lehrperson sachlich darauf eingehen. Ein generelles Ansprechen im Klassenverband ohne das Einverständnis des Kindes ist übergriffig. Ziel der Schule ist es, ein Klima zu schaffen, in dem verschiedene Familien­modelle selbstverständlich sind und die Kinder einen weiteren Ort vorfinden, wo sie Sicherheit erleben können.

Getrennte Elterngespräche?

Irgendwann im Schulverlauf stehen Standortgespräche an. Wir erleben nicht selten, dass Eltern nach einer Trennung dermassen zerstritten sind, dass sie nicht mehr miteinander sprechen können. Dann wird nach zwei getrennten Gesprächen verlangt: eines mit der Mutter, eines mit dem Vater.

Aus Sicht der Eltern ist das nachvollziehbar: Man möchte dem ehemaligen Partner, der ehemaligen Partnerin nicht begegnen oder eine Eskalation vermeiden. Abgesehen vom doppelten Aufwand, der sicherlich nicht im Zentrum steht, liesse sich das einfach organisieren, zweimal dasselbe Gespräch zu führen. Doch für das Kind ist es nicht dasselbe Gespräch.

Mein Wunsch an getrennte ­Eltern: Bitte stellen Sie Ihre Konflikte beim Standortgespräch zurück – Ihrem Kind zuliebe.

Stellen wir uns ein Kind vor, das beim ersten Gespräch neben seiner Mutter sitzt. Es erzählt, was ihm in der Schule leichtfällt, was schwierig ist und wie es ihm geht. Tage später sitzt es wieder im gleichen Zimmer – diesmal neben seinem Vater. Was soll es nun erzählen? Vielleicht weiss es, dass die Mutter eine Begebenheit anders beurteilt als der Vater. Vielleicht möchte es etwas nicht wiederholen, was es beim ersten Gespräch gesagt hat. Gleichzeitig sitzt ihm dieselbe Lehrperson gegenüber, die alles bereits gehört hat.

Für das Kind entsteht ein Dilemma: Was darf ich bei wem sagen? Wem tue ich weh? Was denkt meine Lehrerin von mir, wenn ich mir widerspreche? Ein Gespräch, das das Kind stärken sollte, wird so plötzlich zu einer weiteren Situation, in der es die Trennung seiner Eltern bewältigen muss.

Zusammenraufen für eine Stunde

Natürlich gibt es Situationen, in denen gemeinsame Gespräche nicht möglich oder sinnvoll sind. Bei Gewalt, Bedrohung oder anderen schwerwiegenden Konflikten sind andere Lösungen vonnöten. Der Konflikt zwischen den Eltern allein sollte jedoch nicht dazu führen, dass ein Kind auch seine schulische Welt in eine Mutter- und eine Vaterwelt aufteilen muss.

Nach einer Trennung ist bereits vieles doppelt: vielleicht zwei Wohnungen, zwei Zahnbürsten, zwei Wochenendwelten. Umso mehr brauchen Kinder Orte, die stabil und vertraut bleiben. Die Schule kann ein solcher Ort sein. Hier geht es nicht um die gescheiterte Beziehung der Eltern. Hier geht es um Fortschritte beim Lesen, um Projekte, Freundschaften und soziales Lernen. Und um die wichtige Erfahrung: Meine Eltern sind zwar kein Paar mehr, aber sie bleiben gemeinsam meine Eltern.

Deshalb mein Wunsch an getrennte Eltern: Versuchen Sie, für wichtige Momente im Leben Ihres Kindes einen Weg zu finden, nebeneinander Platz zu nehmen. Sie müssen sich nicht mögen, Ihre Verletzungen nicht vergessen und nicht so tun, als sei alles wieder gut. Aber vielleicht gelingt es Ihnen, für die Stunde des Standortgesprächs die frühere Beziehung in den Hintergrund treten zu lassen. Nicht für die Lehrperson. Nicht für die Schule. Sondern für Ihr Kind.