Wir haben jetzt auch Klapp, also diese Schul-App, schon seit zwei Jahren. Und ich vermisse nichts. Ich weiss noch, wie die dicken C4-Couverts immer das Ende der Sommerferien eingeläutet haben. Am Mittwoch vor dem Schulstart lagen sie im Briefkasten.
Bis man den Stapel abgearbeitet hatte, war dann meist Herbst. Aber auch im Rest des Jahres verzettelte ich mich gern. Einmal kam mir ein Papier über Läuse in der Klasse Wochen später in die Hände. Bestimmt waren sie schon beim Bruchrechnen, also die Kinder.
Nun, mit Klapp, macht es unaufdringlich «Pling». Und das Schreiben zum neuen Schuljahr kam dieses Mal erst am Donnerstag, dazu zwei Anhänge: Stundenplan und Notfallblatt. Alles, was man braucht, nur ohne Marienkäfer-Kleberli auf dem Couvert. Auch das habe ich nicht vermisst, eigentlich.
Dass mir trotzdem etwas fehlt, merkte ich erst vor einer Weile: «Hä, wer ist Lena?», ist mir rausgerutscht, als der Sohn von der Schule erzählte. «Ernsthaft jetzt?», fragte er zurück. «Die ist doch schon ewig mit mir in der Klasse.»
Vermisst habe ich die Klassenliste nicht, aber gern studiert schon. Und dabei ein bisschen die Welt der Kinder kartografiert.
Da hatte ich immer gemeint, ich wisse Bescheid über die Kinder, ihre Gspänli und den ganzen Rest. Und dann das. In der Not scrollte ich Klapp rauf und runter. Erst als ich keine Klassenliste finden konnte, fiel mir ein: Die wird nicht mehr verteilt. Wegen Datenschutz, nicht wegen Klapp, aber ein wenig doof fand ich die App jetzt trotzdem. Im C4-Couvert wäre mir schneller aufgefallen, dass die Liste fehlt, da bin ich sicher.
Wie gesagt, vermisst habe ich sie nicht, aber gern studiert schon. Und dabei ein bisschen die Welt der Kinder kartografiert. Ah, der Matteo von den Ineichens kommt in deine Klasse! Und oh, da sind ja so Pfeile: Wir müssen die Burris anrufen, wenn was ist. (Telefonalarm! Wie süss, fand ich, bis wir bei den Burris einen Abend lang niemanden erreichten.) Einmal erhielten wir sogar eine Klassenliste mit Fotos. Das war ein gutes Jahr.
Durch das Sozialleben der Kinder navigieren
Lena, Matteo, Burris, Ineichens: Die heissen natürlich alle anders. Datenschutz, gute Sache. Und es müssen ja wirklich nicht sämtliche Eltern die Wohnsituation der Müllers kennen oder die 077er-Nummer von Frau Meier. Dann weiss ich halt nicht, wie Noé mit Nachnamen heisst, auch wenn er zum dritten Mal bei uns im Kühlschrank wühlt.
Und plötzlich navigiert man durchs Sozialleben der Kinder wie mit Google Maps: den Weg im Blick, bloss die Umgebung nicht präsent. Aber Google Maps drucke ich auch nicht mehr aus. Und das, obwohl ich doch eben noch den Burris auf dem Festnetz hinterhertelefoniert habe.
Jetzt bin ich also digital transformiert, dachte ich, und hätte mich ausgerechnet mit Klapp wieder beinahe verzettelt. Um ein Haar nämlich hätte ich auf dem Notfallblatt das Kästchen übersehen, das man ankreuzen kann, wenn man mit einer Klassenliste einverstanden ist.
Falls also doch wieder eine kommt, werde ich sie ausdrucken und lochen. Vielleicht lasse ich sie sogar laminieren. Bis es so weit ist, blättere ich schon mal im Ordner mit der alten Schulpost in Listen, die ich für längst entsorgt hielt. Und finde Lena. Auf jeder einzelnen, seit dem Kindergarten. Es war nur ein Blackout. Sag ich doch.







