Cybermobbing unter Jugendlichen geht häufig etwas unter neben den Schlagzeilen zu Hassrede, dem Thema der letzten Kolumne. In den Medien werden ab und zu Einzelschicksale beleuchtet. Allerdings zeigt die umfassende deutsche Cyberlife-Studie aus dem Jahr 2024, wie massiv dieses Problem ist. Von 4000 befragten Jugendlichen gaben 18 Prozent an, schon einmal gemobbt worden zu sein.
Die entsprechende Schweizer Untersuchung (James-Studie, 2024) hat zwar nicht explizit nach Cybermobbing gefragt, aber dennoch: 57 Prozent der Jugendlichen gaben an, in den letzten zwei Jahren schon mal in privaten Nachrichten beleidigt oder beschimpft worden zu sein. Selbst wenn nicht alle Ereignisse als Mobbing einzustufen sind: Jugendliche sind unter sich oft grob und beleidigend.
Die Auswirkungen von Cybermobbing können gravierend sein. Viele Opfer reagieren mit Wut und werden selbst zu Tätern.
Das Internet als Echokammer
Cybermobbing ist halb öffentlich, für das Umfeld an der Schule und im Sportverein sichtbar. Hier wird beschimpft, ausgegrenzt, erpresst und bedroht, auch werden Lügen verbreitet. Und alles vor den Augen der Klassengspänli, von Freunden und Freundinnen. Immer gibt es Mitläufer, die das Mobbing verstärken. Interessant: Die Zahl jener, die mobben, ist praktisch genau gleich hoch wie jene der Gemobbten. Nicht selten sind Mobber frühere Opfer und wollen es ihren Peinigern heimzahlen.
Kommt dazu: Das Internet ist eine Echokammer. In der Cyber-life-Studie gaben 18 Prozent der Jugendlichen an, das zweifelhafte Verhalten anderer schon mal nachgeahmt zu haben.
Die Auswirkungen von Cybermobbing können gravierend sein. Viele Opfer reagieren mit Wut und werden selbst zu Tätern. Andere sind verängstigt und wollen nicht mehr in die Schule. Manche tragen sich gar mit Suizidgedanken. Drogen oder Alkohol bieten einigen einen scheinbaren Ausweg. Fast allen ist gemein, dass sie sich verletzt und gedemütigt fühlen.
Je zufriedener die Jugendlichen sind, desto besser können sie mit Mobbingangriffen umgehen.
Das Umfeld trägt zur Entspannung bei
Bei der Frage, wer statistisch gesehen häufig Opfer von Cybermobbing ist, wird es konkret für Eltern. Die James-Studien zeigen: Je zufriedener die Jugendlichen sind, desto besser können sie mit Mobbingangriffen umgehen. In der Familie und im Freundeskreis aufgehoben zu sein, stärkt also das Selbstwertgefühl und die Resilienz der Kinder und sie können die Angriffe besser einordnen.
Dazu eine erfreuliche Zahl (endlich!): Die «Familienzeit» hat gemäss der Studie massiv zugenommen. 2010 gaben 16 Prozent der Jugendlichen als «Freizeitaktivität» an, Zeit mit der Familie zu verbringen. 2024 waren es mit 29 Prozent fast doppelt so viele. Das Zusammensein mit Freunden und Freundinnen ist heute für 70 Prozent der Jugendlichen die liebste Freizeitbeschäftigung. Das gibt Zuversicht für die Zukunft.
Tipps für Eltern
Tipps für Eltern von Opfern
- Geben Sie Ihrem Kind mit: Stop – Block – Tell. Ein Schlagabtausch auf dem Screen macht die Sache meist nicht besser.
- Stehen Sie Ihrem Kind als Verbündeter zur Seite, weisen Sie keine Schuld zu und greifen Sie nicht selbst in die Tasten.
- Am wichtigsten: Stärken Sie das Selbstwertgefühl Ihres Kindes. Immer – nicht nur wenn es gemobbt wird.
Tipps für Eltern von Tätern
- Zeigen Sie auf, was ein Angriff beim Opfer auslöst. Sprechen Sie auch über rechtliche Konsequenzen.
- Graben Sie tiefer: Woher kommt die Energie, zu mobben? Je nach Motiv können Sie Gegensteuer geben.
- Fordern Sie Verantwortung: Wer einen Fehler gemacht hat, steht dafür gerade und entschuldigt sich.
Tipps für Eltern von Mitläufern
- Kinder haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ermutigen Sie Ihr Kind, für einen fairen Umgang untereinander einzustehen.
- Fördern Sie Empathie: zunächst für das Opfer, eventuell auch für den Täter oder die Täterin.
- Stärken Sie das Gefühl der Selbstwirksamkeit: Indem Ihr Kind hilft, einen Onlinestreit beizulegen, erkennt es die Kraft der Zivilcourage.
Cybermobbing braucht Publikum, um Wirkung zu entfalten. Der Freundeskreis (vor allem jener der Täter und Täterinnen) und das schulische Umfeld haben es oft in der Hand, Cybermobbing schon im Keim zu ersticken. Wenn niemand mitlacht, macht das Mobben keinen «Spass». Verspüren Täter Gegenwind («Sei nicht so fies»), verebbt die Lust am Pöbeln meist rasch. Wir sind also gut beraten, unseren Kindern auch Zivilcourage zuzumuten und sie dabei zu unterstützen, ihre kritische Haltung mutig kundzutun.
«Cybermobbing – zwischen Chat und Pausenplatz»
Am Dienstag, 17. November, um 20.15 Uhr diskutiert Claudia Lässer live im TV auf blue Zoom und auf dem Swisscom-Youtube-Kanal mit Michael In Albon und den Experten Ingrid Broger (Pro Juventute) und Daniel Süss (ZHAW) über Cybermobbing und wie Eltern ihre Kinder unterstützen können.
swisscom.ch/elternabend
Interaktives Lernmodul
Auf Swisscom Campus finden Sie weitere Tipps und interaktive Lernmodule für den kompetenten Umgang mit digitalen Medien im Familienalltag: swisscom.ch/campus






