Martin und ich kamen zusammen, als ich 16 Jahre alt war. Mit 29 Jahren wurde ich schwanger und 2007 kam Max zur Welt. Ein Jahr danach habe ich eine neue Stelle als Lehrerin angefangen und lernte dort meinen jetzigen Mann Peter* kennen.
Anfangs waren wir einfach Arbeitskollegen, aber nach und nach entwickelten wir Gefühle füreinander. Das war eine sehr schwierige Zeit, weil wir beide ein schlechtes Gewissen hatten. Peter litt darunter, dass er eine Familie «zerstörte».
Irgendwann erzählte ich Martin von Peter und dass ich nicht wisse, ob ich Gefühle für ihn habe. Im Juni 2010 trennte ich mich während eines Streits von Martin. Zuerst bin ich zu einer Freundin gezogen und Martins Eltern kamen zu ihm in unser Haus in Sursee LU*.
Das waren einige furchtbare Tage ohne meinen Sohn. Ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu Martins Familie, insbesondere zu seiner Mutter – und das ist auch heute noch so. Ich fühlte mich auch ihr gegenüber schuldig, bis sie mir klarmachte, dass sie die Beziehung zu mir nicht abbrechen wolle.
Totales Gefühlschaos nach Trennung
Danach bin ich zu Martin zurückgekehrt und wir schliefen noch mehrere Monate im gleichen Bett. Wir trösteten uns gegenseitig und machten diesen Trennungsprozess gemeinsam durch. Mir ging es in dieser Zeit sehr schlecht und gleichzeitig war ich frisch verliebt. Es herrschte ein totales Gefühlschaos. Ich habe wieder angefangen zu rauchen und nahm in kurzer Zeit 15 Kilogramm ab.
Meinem Ex-Mann Martin kann ich einfach nur ein Kränzchen winden. Es ist beeindruckend, wie souverän er diese Situation gemeistert hat. Er hegte keinen Groll auf Peter, sondern ging mit ihm sogar einen Kaffee trinken. Während dieses Treffens bin ich zu Hause fast wahnsinnig geworden. Die beiden haben sich jedoch gut unterhalten und verstanden.
Instinktiv wollte ich mit der Trennung anders umgehen als meine Eltern.
Im Oktober 2010 zog ich nach Olten SO*. Ich arbeitete 80 Prozent und Max lebte mehrheitlich bei mir. Wir haben die Betreuung aber immer flexibel gehandhabt. Manchmal habe ich auch im Haus in Sursee übernachtet.
Mit elf Jahren zog Max zu Martin und dessen neuer Frau, weil es ihm in der Schule nicht gut ging. Das war sehr hart für mich. Aber ich habe kein Recht darauf, zu bestimmen, wo Max wohnt. Heute pendelt Max selbständig zwischen seinen beiden Wohnorten. Mit Peter habe ich zwei Kinder im Alter von neun und zwölf Jahren.
Der Exmann wird Trauzeuge – und umgekehrt
Instinktiv wollte ich mit der Trennung anders umgehen als meine Eltern. Mein Vater hatte sich auch in eine andere Frau verliebt, brachte es jedoch nicht übers Herz, dies meiner Mutter zu sagen. Als er uns verliess, hatte er bereits ein Kind mit der neuen Frau. Meine Mutter verharrt bis heute in der Opferrolle.
Für Martin und mich war von Anfang an klar, dass wir das Wohl von Max ins Zentrum stellen und nicht unser Ego. Wir sind dankbar für die 16 Jahre, die wir gemeinsam hatten, und konnten schon immer über alles miteinander sprechen. Wir hatten weder das Bedürfnis, einander wehzutun noch dem anderen finanziell zu schaden.
Es braucht weiterhin eine gewisse Grösse, Eigenheiten und Entscheidungen des anderen anzunehmen, darüber hinwegzusehen.
Als Peter und ich heirateten, war Martin mein Trauzeuge, und bei seiner Hochzeit war ich seine Trauzeugin. Wir sind auch heute noch gut befreundet und finden bei Anliegen, die Max betreffen, immer eine gute Lösung.
Es braucht allerdings weiterhin eine gewisse Grösse, Eigenheiten und Entscheidungen des anderen anzunehmen, darüber hinwegzusehen. Das ist die Grundlage dafür. Und obwohl wir uns gut verstehen, ist mir bewusst, dass es für Max nicht einfach war, mit getrennten Eltern aufzuwachsen.
* Namen und Orte sind geändert und der Redaktion bekannt.






