Verschmutzt und eklig – so sehen viele Schul-WCs aus. Das kann dazu führen, dass Kinder und Jugendliche sich den Gang auf die Toilette lieber verkneifen, bis sie zu Hause sind. Ist das schlimm?
George Marx beschwichtigt zunächst: «Bei den meisten ist ein Unterdrücken des Toilettengangs ganz normal und nicht krankhaft», sagt der Kindergastroenterologe, der in einer Kinderarztpraxis in Dübendorf ZH sowie am Kinderspital St. Gallen arbeitet.
Diese Kinder und Jugendlichen gehen zwar häufig längere Zeit nicht aufs WC, erledigen dies aber ohne Probleme, sobald sie zu Hause sind. Sie leiden nicht unter Bauchschmerzen oder Verstopfung und können alle Aktivitäten ganz normal ausüben.
Anders sieht es aus, wenn der Gedanke «Wie vermeide ich es, dass ich aufs WC muss?» alles bestimmt. Wenn ein Kind in der Schule nicht mehr Fussball spielt, weil es Angst hat, dass es dann den Stuhldrang nicht unterdrücken kann. Wenn es sich dauerhaft das Essen und Trinken verkneift, um nicht auf die Toilette gehen zu müssen. Es dadurch zu wenig Flüssigkeit und Energie aufnimmt, sich somit nicht mehr gut konzentrieren kann und seine Leistungen im Sport einknicken. Vor allem aber gilt es dann genau hinzuschauen, wenn offensichtliche medizinische Probleme die Folge sind – wie etwa Harnstau, Harnwegsinfekte oder Verstopfungen.
Verschmutzte oder kaputte WCs, Leute, die Verbotenes tun: Wer möchte da schon sein Geschäft verrichten?
George Marx, Gastroenterologe
Dunkelziffer ist hoch
Offizielle Zahlen, wie viele Kinder und Jugendliche das Schul-WC konsequent meiden oder generell in der Öffentlichkeit nicht auf die Toilette gehen, gibt es nicht. «Die Dunkelziffer ist wohl recht hoch», schätzt George Marx. Weil das Thema sehr schambehaftet ist, werde kaum darüber geredet. Eltern bekommen die Problematik meist erst mit, wenn das Kind regelmässig über Bauchschmerzen klagt.
Annabel Zwönitzer ist leitende Psychologin an der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) und berät Eltern und Kinder in der Spezialsprechstunde zu Ausscheidungsstörungen. Besonders beim Schuleintritt werde dieses Thema aktuell, sagt sie.

Neben den vielen neuen Eindrücken werden zu diesem Zeitpunkt auch in Sachen Toilettengang neue Anforderungen gestellt: Zum WC müssen Kinder nun alleine gehen, womöglich weitere Wege zurücklegen als noch im Kindergarten. Vor allem aber sind die Toiletten oft in einem schlechten Zustand. «An all das müssen sich die Kinder erst mal gewöhnen», so Zwönitzer. Und: «Wer damit Mühe hat, rutscht leicht in ein Vermeidungsverhalten, das nur schwer wieder abzulegen ist.»
Tatsächlich werden Schul-WCs häufig (mutwillig) verschmutzt oder beschädigt – wie dies auch bei vielen öffentlichen Toiletten der Fall ist. So werden WC-Schüsseln und Lavabos mit Toilettenpapier verstopft und zum Überlaufen gebracht, Schlösser zerstört, Wände beschmiert, Papierhandtücher aus den Vorrichtungen gerissen und verstreut.
WCs selber putzen
In Beringen SH wusste sich deshalb die Schulleitung nicht mehr anders zu helfen und liess die Primarschüler nach den diesjährigen Frühlingsferien die Toiletten selbst putzen, wie das Onlineportal «20 Minuten» berichtete. Aus den gleichen Gründen entfernte in Bümpliz BE die Schulleitung für einige Zeit die Türen zu den Toilettenräumen – eine Taktik, der sich auch die Berufsschule Winterthur ZH bediente.
«Es stinkt einfach und ist gruusig», sagen viele Schülerinnen und Schüler. Ausserdem gleichen Schul-WCs, vor allem ab der Sekundarstufe, oft einem Aufenthaltsraum mit viel zu vielen Menschen, die dort verbotene Dinge tun – wie etwa rauchen oder Handys benutzen. «Wer möchte da schon sein Geschäft verrichten und sich womöglich währenddessen noch mit Papierkügelchen beschmeissen lassen?», fragt George Marx.
Wenn ein Kind häufig den Gang aufs WC unterdrückt, spürt es immer weniger gut, wann es eigentlich müsste.
Annabel Zwönitzer, Psychologin
Scham, Angst vor Zeitdruck oder vor den Kommentaren anderer hindere Kinder nämlich ebenfalls daran, das Schul-WC zu benutzen, erlebt der Arzt. Auch genderneutrale WCs, die in manchen Schulhäusern mittlerweile die getrennten Toiletten für Buben und Mädchen ersetzen, sorgen nicht unbedingt dafür, dass Kinder lieber aufs WC gehen. «Gerade für Mädchen, die ihre Mens haben, sind diese gemeinsamen Toiletten oft schwierig», erzählt eine Mutter. Kurz: Der Gang aufs Schul-WC kann eine Herausforderung sein.
Klassenreisen werden zum Problem
Moritz, ein aus den Erzählungen der beiden befragten Fachpersonen konstruierter Fall, erlebt das Problem etwa so: In der Schule trinkt er möglichst wenig, damit er nicht aufs WC muss. Obwohl er in der Pause Harndrang verspürt, geht er nicht aufs WC. Er findet es dort eklig, hat Angst, dass andere Kinder ihn hören.
Im Unterricht wird er zunehmend unruhig, rutscht auf dem Stuhl hin und her oder hält sich unauffällig den Unterbauch. Nach Schulschluss rennt er direkt nach Hause und entleert dort seine übervolle Blase. Auch Klassenreisen oder Übernachtungen bei Freunden meidet er mittlerweile. In letzter Zeit klagt er zudem häufig über Bauchschmerzen.

Die zehnjährige Lena – ebenfalls ein konstruierter Fall – hatte ganz zu Anfang ihrer Schulzeit eine negative Erfahrung auf dem Schul-WC. Die Toilette war stark verschmutzt, andere Kinder lachten und riefen. Daraufhin ging sie dort nur noch selten aufs WC. Stattdessen versuchte sie, in der Schule jedes Bauchgefühl zu unterdrücken, sagte sich, «ich halte es aus, bis ich zu Hause bin».
Anfangs klappte dies ganz gut und so wurde daraus bald eine Gewohnheit. Irgendwann ging Lena überhaupt nicht mehr aufs Schul-WC. Zum Teil hielt sie sechs bis acht Stunden durch. Ihr Körper hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt, Lenas Stuhl- und Harndrang wurden schwächer. Selbst zu Hause ging sie nun selten auf die Toilette.
Die körperlichen Folgen
«Je häufiger und länger der Gang aufs WC unterdrückt wird, umso höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Sensibilität bei Darm und Blase abnimmt», erklärt Annabel Zwönitzer die körperlichen Folgen. «Die Gefahr besteht, dass Kinder dann immer weniger gut spüren, wann sie eigentlich auf die Toilette müssten.»
Der Stuhl wird härter, weil er länger im Darm bleibt. Der Stuhlgang wird dadurch schmerzhafter, es kommt zu Verstopfungen – was wiederum zur Folge hat, dass der Gang zur Toilette aus Angst vor Schmerzen noch mehr vermieden wird. Ein Teufelskreis entsteht. Auch bei Lena war das so.
Eine klassische schwere Verstopfung bringt allerdings noch mehr mit sich: «Risse am After, Blut im Stuhl, Bauchschmerzen, Appetitmangel», zählt George Marx auf. Und auch bei der Blase sinkt die Sensibilität, wenn der Harndrang immer wieder ignoriert wird. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit für Harnwegsinfektionen. Zudem nässen oder koten manche Kinder wieder ein, weil ihnen das krampfhafte Zurückhalten nicht gelingt.
Verstopfungs-Gefahr
Vor allem bei jüngeren Kindern – etwa bei Fünf- und Sechsjährigen – bestehe ausserdem die Gefahr, dass es schnell zu einer Konditionierung komme, wenn sie mehrere Tage auswärts nicht aufs WC gehen, gibt Marx zu bedenken. Sprich: Es ist dann schwer, diese Gewohnheit wieder loszuwerden, und es kommt leichter zu Verstopfungen.
Spätestens wenn ein Kind unter Verstopfungen leidet, häufig Harnwegsinfektionen hat oder sich generell einnässt oder einkotet, gilt es einen Kinderarzt hinzuzuziehen. Auf der körperlichen Ebene wird dann vor allem mit Laxanzien gearbeitet – also mit Arzneimitteln, die den Stuhlgang erleichtern, den Darm anregen oder den Stuhl verflüssigen. Dies soll dazu führen, dass Kinder weniger Schmerzen haben, somit den WC-Gang zulassen können und wieder regelmässig den Darm entleeren.
Bei Stuhlangst sind Betroffene unfähig, ausserhalb der eigenen vier Wände den Darm zu entleeren.
«Gleichzeitig geht es auch darum, ihnen beizubringen, wie wichtig ein regelmässiger Stuhlgang ist», sagt Annabel Zwönitzer. Deshalb arbeitet das Team der Spezialsprechstunde Ausscheidungsstörungen an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel auch mit Ernährungsberaterinnen zusammen. Die Betroffenen sollen lernen, mehr zu trinken, sich mehr zu bewegen und mehr Ballaststoffe zu sich zu nehmen.
Die Stuhlangst
Im Extremfall allerdings kann sich aus lang herausgezögerten Toilettengängen und damit verbundenen Verstopfungen auch eine Angststörung entwickeln – genannt Parcopresis, Stuhlangst oder Shy-Bowel-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine Form der sozialen Angststörung, bei der Betroffene unfähig sind, ausserhalb der eigenen vier Wänden den Darm zu entleeren.
Die Angst vor Geräuschen, Gerüchen oder der Bewertung durch andere kann zu einem massiven Vermeidungsverhalten führen. «Dies ist dann der Fall, wenn die Ängste deutlich den Alltag einschränken», sagt Annabel Zwönitzer, «wenn beispielsweise über mehrere Monate Toiletten auswärts gemieden werden.» Solche gravierenden Auswirkungen sind zwar selten – aber es gibt sie.
Wenn das Kind nicht auf die Schultoilette will
Was Eltern unterlassen sollten
- Nicht bestrafen, nicht beschämen, keinen Druck ausüben
- Nicht mit anderen über das Kind (in seinem Beisein) sprechen
- Problemverhalten nicht zum alles bestimmenden Hauptthema machen
Wie Eltern helfen können
- Bereits im Rahmen der Sauberkeitsentwicklung bei kleinen Unfällen gelassen bleiben, positiv bestärken
- Mit dem Kind altersgerecht sprechen («Wie geht es dir gerade?»)
- Regelmässig, aber ohne Druck erinnern («Musst du nicht mal wieder aufs WC?»)
Was steht dann im Fokus der Behandlung? «Druck vom Kind nehmen und die Belastung für die ganze Familie abbauen», so Zwönitzer. Ziel ist, an den Gründen für die Angst zu arbeiten und Strategien zu finden, wie das Kind besser damit umgehen kann.
Auch Lena war mit ihren Eltern letztlich beim Kinderarzt. Die schmerzhafte Verstopfung ist längst Geschichte. Aufs Schul-WC geht sie zwar immer noch nicht gerne – aber sie versucht, sich mindestens ab und zu zu überwinden. Moritz hingegen arbeitet noch daran.
Ein individuelles Verhalten
Doch wie viele Toilettengänge pro Tag sollten es sein? Wo genau liegt die Grenze zwischen normalem und krankhaftem Verhalten? «Das ist sehr fliessend», sagt George Marx. «Wie oft Kinder aufs WC müssen oder eben nicht und wie ihre Verdauung arbeitet, ist sehr individuell und lässt sich nicht verallgemeinern.» Die einen Kinder gehen ständig aufs Klo, die anderen können es von sich aus länger aushalten. Ausserdem komme es auch sehr auf die Trinkmenge an.
Bei vielen Kindern fällt kaum auf, dass sie so gut wie nicht trinken oder nie auf die Toilette gehen.
Annabel Zwönitzer, Psychologin
Umso wichtiger sei es, als Eltern dem Kind zugewandt zuzuhören. Gerade wenn es Anzeichen gibt, dass es in der Schule nicht gern aufs WC geht. «Bei vielen Kindern fällt kaum auf, dass sie so gut wie nicht trinken oder nie auf die Toilette gehen», so Annabel Zwönitzer.
Manchmal lohnt es sich auch, die Lehrperson hinzuzuziehen. Denn gerade in der ersten Klasse tun sich manche Kinder schwer, sich zu melden, wenn sie aufs WC müssen – «weil sie realisieren: ‹Die Lehrerin kann das bestimmen›», so Psychologin Zwönitzer. Vor allem Kinder, die sich an Regeln halten wollen, haben zum Teil Mühe, hier auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören. Da könne es helfen, wenn die Lehrperson ganz explizit die Erlaubnis erteilt und sagt: «Du darfst jederzeit aufs WC gehen.»







