«Verdacht auf ADHS zeigt häufig: dahinter steckt ein Trauma»

Aus Ausgabe
11 / November 2026
Lesedauer: 12 min
Traumata werden bei Kindern und Jugendlichen häufig übersehen. Dabei können die Folgen schwerwiegend sein. Psychotherapeut Marc Heusser erklärt, woran sich Traumafolgestörungen erkennen lassen und was Betroffenen hilft.
Text: Till Hein

Bild: AD Astra Team / Stocksy

Herr Heusser, wird heute jede Kleinigkeit als Trauma bezeichnet?

Trauma ist ein Modewort, keine Frage. Und gerade das ist Teil des Problems. Wenn eine Vorzeigeschülerin in einer Prüfung einmal nur eine Vier erreicht, ist das definitiv nicht traumatisch – auch wenn ihre Eltern das vielleicht anders sehen. Echte Traumata aber, insbesondere nach Gewalterfahrungen oder jahrelanger Vernachlässigung, werden noch immer oft sträflich übersehen und die Opfer nicht ernst genommen.

Woran machen Sie das fest?

Letztes Jahr gab in einer Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) mehr als jeder Vierte von 1603 Jugendlichen aus Zürich im Alter von 12 bis 14 Jahren an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben, von schlüpfrigen Sprüchen über Exhibitionismus und Begrabschen bis hin zu erzwungener Penetration. Und eine frühere, ähnliche Untersuchung im Kanton Genf zeigte: Etwa jedes dritte Mädchen und jeder zehnte Junge hatte sexuelle Gewalt erlebt. Aber nur sehr wenige waren in psychotherapeutischer Behandlung. Dabei ist aus vielen Studien bekannt, dass gerade sexuelle Nötigung sehr oft eine Traumafolgestörung auslöst. Viele sogenannte Expertinnen und Experten sind für dieses Thema nicht genügend sensibilisiert.

Ich dachte, Trauma sei eine Modediagnose.

Im Gegenteil. Verhält sich ein Kind in der Schule irgendwie auffällig, wird es sofort auf ADHS abgeklärt. Manche Psychotherapeuten tippen vielleicht noch auf Depressionen oder Autismus. Traumata dagegen haben die meisten nicht auf dem Schirm. Erst kürzlich wurde wieder ein 16-Jähriger zu mir geschickt: Verdacht auf ADHS. Schon in der ersten Sitzung erzählte er mir, dass er die ganze Kindheit über von seinem Vater und seiner Mutter verprügelt wurde. Er litt eindeutig an einer Traumafolgestörung.

Vielleicht ein Einzelfall.

Nein. Etwa vier Prozent der Jugendlichen in der Schweiz sind von einer solchen Störung betroffen, zeigte eine Studie der Universität Zürich. Und die Dunkelziffer ist mit Sicherheit höher. In meinen 20 Jahren als Therapeut habe ich mit unzähligen Kindern und Jugendlichen gearbeitet, bei denen ein Trauma lange nicht erkannt worden war.

Marc Heusser über Traumata
Marc Heusser ist eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut und zweifacher Master of Science ETH. Seit über 20 Jahren begleitet er Kinder und Jugendliche, die Schweres erlebt haben und oft missverstanden werden. 2020 gründete der 66-Jährige dafür Daosoma, ein Kompetenzzentrum für Traumata von Kindern und Jugendlichen in Zürich. (Bild: zVg)

Wie erklären Sie sich das?

Eine Rolle spielt wahrscheinlich, dass manche Symptome denjenigen von ADHS gleichen: zum Beispiel starke innere Unruhe oder Schwierigkeiten, ruhig zu sitzen.

Was sind weitere typische Anzeichen?

Sogenannte Dissoziationen: Der Körper der Betroffenen ist zwar anwesend, aber ihre Aufmerksamkeit geht gleichsam irgendwo spazieren. Bei einer Traumafolgestörung können solche Zustände Stunden andauern. Und es gibt viele weitere Arten von Dissoziation: Manche Betroffene fügen sich immer wieder selbst Wunden zu und nehmen den Schmerz dabei gar nicht wahr. Andere leiden unter sogenannten Flashbacks: bildliche Erinnerungen an das Schockerlebnis, die sie plötzlich wieder einholen, besonders nachts. Sie fühlen sich dann wieder genau wie damals in der Situation.

Fühlen sich Opfer nach einem Schockerlebnis rasch wieder in Sicherheit, sind die Prognosen relativ gut.

Bei manchen Betroffenen sollen Dutzende unterschiedliche Trigger Flashbacks auslösen.

Meist ist die Anzahl der Auslöser geringer. Aber sie erschweren das Leben. Ein ehemaliger Patient von mir wurde durch einen Verkehrsunfall traumatisiert: Ein weisser Lieferwagen stiess sein Auto von einer Autobahnbrücke. Er lag drei Tage im Koma, kam beinahe ums Leben. Noch Jahre später war jede Autofahrt für ihn ein Horror. Denn weisse Lieferwagen sind im Strassenverkehr ja gefühlt überall.

Wodurch entsteht ein Trauma?

Bei grosser Gefahr muss sich unser Organismus zwischen Kampf oder Flucht entscheiden. Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit. Die kommt ins Spiel, wenn wir uns völlig hilflos fühlen. Wir erstarren dann und stellen uns tot. Ein Schutzmechanismus, der wahrscheinlich evolutionsgeschichtliche Wurzeln hat. Bewegt sich ein Beutetier nicht mehr, verlieren Raubtiere manchmal das Interesse. 2021 hat das Bundesgericht übrigens endlich anerkannt, dass Opfer bei sexuellen Übergriffen in einen solchen Zustand geraten können. Vergewaltiger können seither nicht mehr einfach behaupten: «Es gab keine Gegenwehr, also war der Sex einvernehmlich.»

Portrait eines Buben hinter Nebel
30 bis 40 Prozent aller Depressionen und mindestens 30 Prozent der Substanzabhängigkeiten lassen sich auf ein frühes Trauma zurückführen. (Bild: Marcel /Stocksy)

Aber der Totstellreflex hat ungünstige Nachwirkungen?

Sehr häufig. Man drückt dabei ja, bildlich gesprochen, zeitgleich aufs Gaspedal und vollzieht eine Vollbremsung. Das wäre auch für jedes Auto nicht gut. Menschen leiden in der Folge häufig unter Dissoziationen, chronischen Muskelverspannungen, Flashbacks – und ihr Nervensystem bleibt in einem ständigen Alarmzustand.

Die Betroffenen sind also besonders anfällig für Stress?

Nicht nur für Stress. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich 30 bis 40 Prozent aller Depressionen und mindestens 30 Prozent der Substanzabhängigkeiten auf ein frühes Trauma zurückführen lassen. Eine Studie deutscher Psychologinnen und Psychologen unter 156'807 Erwachsenen zeigte 2024 zudem, dass Kinder, die ein Trauma erlebt haben, ein deutlich höheres Risiko für Angststörungen, Diabetes, Lungenleiden, Herzinfarkt und Krebserkrankungen tragen als Menschen ohne solche Vorbelastung.

Erstaunlich.

Traumatisierten Menschen fällt es in der Regel schwer, gut für sich zu sorgen und Grenzen zu setzen. Insbesondere bei Bindungstraumata, die frühkindliche Wurzeln haben. Wird Kleinkindern zu wenig Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, halten sie das mit der Zeit für «normal», kommen zur Überzeugung, dass sie es nicht anders verdienen. Das prägt dann oft auch das eigene Verhalten.

Trauma ist also in vielen Fällen ein modernes Wort für eine schwere Kindheit.

Es gibt sehr viele mögliche Auslöser von Traumata: Überfälle etwa, Verkehrsunfälle, Kriegserfahrungen, Folter, Lawinenunglücke, häusliche Gewalt – allein 2024 wurden in der Schweiz mehr als 21 '000 solche Fälle bei der Polizei angezeigt, mehr als je zuvor und bei einer hohen Dunkelziffer, gerade bei sexuellen Übergriffen oder Vernachlässigung in der Kindheit. Die gute Nachricht ist: Auch wer schwerste Belastungen erlebt hat, kann sich innerhalb von zwei, drei Jahren mit professioneller Hilfe oft wieder gut stabilisieren.

In der Traumatherapie geht es darum, die emotionale Aufladung von Schockerlebnissen behutsam abzuschwächen.

Brauchen nach einer Brandkatastrophe wie derjenigen in Crans-Montana VS alle Augenzeugen so rasch wie möglich eine Traumatherapie?

Das glaubten Therapeutinnen und Therapeuten lange: Sie eilten an Unfallorte und liessen die Menschen erzählen. So wollte man Traumafolgestörungen vorbeugen. Inzwischen zeigten zahlreiche Fallstudien, dass solche Debriefings sogar schädlich sein können. Einigen Menschen trichterte man auf diese Weise ihr Trauma wahrscheinlich sogar erst ein.

Was ist die Alternative?

Ob es zu einer Traumafolgestörung kommt, hängt auch sehr stark davon ab, wie viel Unterstützung man nach dem Schockerlebnis erfährt. Fühlen sich Opfer und Augenzeugen danach rasch wieder in Sicherheit und geborgen, sind die Prognosen sogar relativ gut. Manche Augenzeugen haben das Bedürfnis, zu erzählen. Denen sollte man zuhören. Andere schweigen lieber. Die sollte man auf keinen Fall zu etwas drängen.

Weshalb?

In den Stunden unmittelbar nach einem schrecklichen Ereignis wird das Erlebte im Gedächtnis besonders intensiv umgeschichtet und mit anderen Inhalten verknüpft, haben Gehirnforscher herausgefunden. Verstärkt man während dieser sensiblen Phase – etwa durch ein Debriefing – die Erinnerung an die erlebte Angst, erhöht man das Risiko für eine Traumafolgestörung. Anfangs ist Ablenkung für die Betroffenen oft die beste Medizin, und sei es durch ein Videospiel.

Traumata: Schattenbild eines Buben
Traumatisierte Menschen können ihre Emotionen oft nur schwer spüren und zum Ausdruck bringen. Das wirkt sich häufig auf ihre Kinder aus. (Bild: Marcel / Stocksy)

Sind manche Menschen so stabil, dass sie unter keinen Umständen traumatisiert werden können?

Das halte ich für unwahrscheinlich. Gemeinhin würde man ja zum Beispiel denken, dass Soldaten in einem Krieg extrem abgehärtet werden. Nach ihrer Rückkehr aus dem Vietnamkrieg aber litten Hunderttausende Veteranen der US Army unter Flashbacks. Viele begingen Suizid. Vor diesem Hintergrund wurde die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) 1980 überhaupt erst als psychische Krankheit anerkannt.

Bis 2025 gab es im internationalen Diagnosehandbuch ICD-10 im Wesentlichen eine Traumafolgestörung. Die aktuelle Ausgabe ICD-11 aber beschreibt plötzlich mehr als 20 unterschiedliche Störungsbilder. Wie kam es dazu?

Traumata sind mittlerweile wohl der besterforschte Bereich der psychischen Krankheiten. Wissenschaftlerinnen haben zum Beispiel herausgearbeitet, dass es, gerade was die Symptomatik betrifft, gewaltige Unterschiede gibt: Nach Verkehrsunfällen etwa sind Flashbacks besonders häufig. Nach sexuellen Übergriffen dagegen haben viele Opfer vor allem mit Selbsthass, Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen. Sie fühlen sich minderwertig.

Wieso richten sie ihre Wut nicht gegen den Aggressor?

Während des Übergriffs haben sie sich als wehrlos erlebt. Das wirkt nach. Im Körper, das zeigt sich immer deutlicher, bleibt bei einem Trauma das Gefühl der Hilflosigkeit irgendwie gespeichert.

Kann man Traumata an seine Nachkommen vererben?

In Tierversuchen liess sich das nachweisen: Sowohl bei Mäusen, die man durch ein Erlebnis traumatisiert hatte, als auch bei deren Nachkommen, die keiner solchen Belastung ausgesetzt wurden, fanden Mikrobiologen traumatypische epigenetische Methylierungen – eine Art Feineinstellungen, die mit beeinflussen, ob bestimmte Gene aktiv werden oder eben nicht, und zwar über mehrere Generationen. Beim Menschen lassen sich solche Experimente nicht durchführen, aber es sind ähnliche Folgen zu vermuten. Unstrittig ist, dass Traumata das Verhalten von Eltern oft enorm prägen. Menschen, die an einer Traumafolgestörung leiden, können ihre Emotionen oft nur schwer spüren und zum Ausdruck bringen. Das wirkt sich häufig auf ihre Kinder aus.

In vielen traumatischen Erlebnissen fühlt man sich sehr alleine. Ohnmacht ist die entscheidende Erfahrung.

Aber wohl nicht gleich traumatisch.

Wenn Eltern gegenüber ihrem Baby nur eine Minute lang mimisch keine Gefühlsregungen zeigen, reagieren alle Kleinkinder mit Verzweiflung. Das zeigte das berühmte «Still Face»-Experiment von 1982. Sie beginnen, wild zu protestieren, bis sich der Kontakt wieder herstellen lässt. Stellen Sie sich nun vor, das Kleinkind hat traumatisierte, emotional geschädigte Eltern. Dann erlebt es diese Notsituation vielleicht jahrelang. Schwer auszudenken, dass das keine Konsequenzen hat.

Versucht man bei einer Therapie, traumatische Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu löschen?

Nein. Das wäre aussichtslos. Es geht vielmehr darum, die emotionale Aufladung solcher Bilder und weiterer Erinnerungsfetzen behutsam abzuschwächen.

Wie funktioniert das?

Oft durch eine sanfte Konfrontation. Eine meiner ersten Patientinnen mit einem Nahtoderlebnis war eine junge Frau, die unter chronischen Ängsten und Flashbacks litt. Im Alter von fünf Jahren war sie beinahe in einem See ertrunken. Nachdem wir über einige Sitzungen hinweg ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatten, legte ich ihr eine Hand auf die Schulter und liess sie das Erlebnis haargenau nacherzählen. Währenddessen signalisierte ich ihr ständig: «Du bist nicht allein, ich unterstütze dich.» In vielen traumatischen Erlebnissen fühlt man sich sehr alleine. Ohnmacht ist die entscheidende Erfahrung.

Und die Frau geriet nicht wieder in Panik?

Nein. Entscheidend ist, dass Patienten sich während einer solchen Konfrontation geborgen und sicher fühlen. Wenn man eine gute Beziehung aufgebaut hat und sich eine Patientin nicht mehr in einer akuten Krise befindet, kann man sich dem Trauma gemeinsam stellen.

Was ist das Heilsame an einer solchen Konfrontation?

Typischerweise sind traumatische Erinnerungen emotional extrem aufwühlend, aber bruchstückhaft: vereinzelte Geräusche, Bilder, Geruchsempfindungen. Geht man mit Patientinnen das Schockerlebnis in einem geschützten Rahmen durch, kann es mit der Zeit als gewöhnlicher Handlungsstrang neu im Gehirn abgespeichert werden. Dadurch schwächt sich der negative Sog der Erinnerungsfetzen ab.

Sobald wir in unserer Not spüren, dass wir nicht allein sind, setzt das oft enorme Selbstheilungsprozesse frei.

Kann man sich auch selbst therapieren?

Vereinzelten Betroffenen gelingt das. In der Regel aber ist die Beziehungsebene sehr wichtig. Wir sind eben letztlich höchst soziale Säugetiere. Es gibt ein aufschlussreiches Video dazu: Ein kleiner Elefant geht neben seinem Vater her, stolpert über einen Baumstamm und landet auf dem Rücken. Hilflos wie ein Käfer streckt er alle Viere in die Luft. Dem Papa fällt das nicht auf, er geht einfach weiter. Der Kleine wirkt total verzweifelt. Dann kommen drei Elefantenkühe ins Bild. Der kleine Elefant bemerkt, dass sie sich nähern – und schafft es plötzlich, sich umzudrehen und aufzustehen. Beim Menschen ist das ähnlich: Sobald wir in unserer Not wahrgenommen werden, spüren, dass wir nicht allein sind, setzt das oft enorme Selbstheilungsprozesse frei.

Der US-amerikanische Psychologe und Biophysiker Peter Levine behauptet, man könne Traumata allein dadurch heilen, dass man «achtsam in sich hineinspüre». Kann das funktionieren?

Ich schätze das sanfte Therapieverfahren Somatic Experiencing (SE), das Peter Levine entwickelt hat. Es ist eines der wichtigsten Werkzeuge meiner Tätigkeit.

Wie laufen solche Sitzungen ab?

Man geht da zuerst tatsächlich nicht vom Trauma aus. Die Patienten richten die Aufmerksamkeit auf ihren Körper. Sie spüren, wo sie den Boden berühren, vielleicht auch, welche Muskelpartien besonders angespannt sind. Manche beginnen nach einer Weile heftig zu zittern. Andere spüren vielleicht eine Enge im Brustkorb, ein Gefühl der Beklemmung. Nach einer Weile kann man die Wahrnehmung darauf lenken, ob es in ihrem Körper auch Stellen gibt, die sich kräftiger oder «gesünder» anfühlen.

Hört sich anspruchsvoll an.

Manchen Patientinnen fällt das, mit therapeutischer Unterstützung, gar nicht besonders schwer. Man versucht dann zum Beispiel, sie mit ihrer Wahrnehmung zwischen der negativen und einer positiveren Empfindung im eigenen Körper hin- und herpendeln zu lassen. Auf diese Weise lassen sich viele seelische Verletzungen aufarbeiten, die durch reine Gesprächstherapie nur schwer zugänglich sind oder bildlich gar nicht erinnert werden können. Und so überraschend das vielleicht klingen mag: Die Körperwahrnehmung und das Gefühlsleben können sich durch solche Sitzungen nachhaltig verändern. Medikamente gegen Traumafolgestörungen gibt es bislang noch nicht.