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Du kannst alles schaffen – oder doch nicht?

Aus Ausgabe
11 / November 2026
Lesedauer: 6 min

Du kannst alles schaffen – oder doch nicht?

Wer eine Wachstumsperspektive im Kopf hat, nimmt Herausforderungen freimütig an, sieht Fehler als Chance, gibt bei Misserfolgen nicht auf und kann dadurch Erstaunliches erreichen. Doch trotz guter Ansätze hat die Mindset-Theorie auch ihre Grenzen.
Text: Fabian Grolimund

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Es gibt kaum eine psychologische Theorie, die so gut vermarktet wurde wie die Mindset-Theorie der US-amerikanischen Psychologin Carol Dweck. Diese befasst sich mit der Frage, wie wir uns das Zustandekommen von Leistung und Erfolg erklären, und geht davon aus, dass Menschen dabei jeweils eine von zwei Sichtweisen einnehmen.

Beim statischen Selbstbild (fixed mindset) gehen wir davon aus, dass Talent, angeborene Fähigkeiten oder Intelligenz die entscheidende Rolle spielen. Typische Aussagen: «Ihm fällt alles in den Schoss – er ist einfach ein kluges Köpfchen!», «So bin ich halt, das kann ich auch nicht ändern» oder «Sie war schon immer eine Sportskanone!».

Im Gegensatz dazu glauben Menschen mit einem dynamischen Selbstbild (growth mindset), dass vor allem ihre Anstrengungsbereitschaft und ihr Einsatz den Ausschlag geben und sich Fähigkeiten beliebig trainieren lassen. Typische Aussagen: «Das kann ich noch nicht – aber ich kann es lernen!», «Das lief richtig gut – mein Training hat sich ausgezahlt!» oder «Wenn du dir mehr Mühe geben würdest, dann könntest du das!».

3 Goldmedaillen – trotz Lähmung

In ihrem Weltbestseller «Selbstbild» beschreibt Dweck die Kraft eines dynamischen Selbstkonzepts anhand vieler Beispiele. Das Credo: Wer eine Wachstumsperspektive im Kopf hat, der nimmt Herausforderungen freimütig an, sieht Fehler als Möglichkeit, sich zu verbessern, gibt bei Misserfolgen nicht auf, nutzt Feedback von aussen, um Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft abzuleiten, und kann dadurch Erstaunliches erreichen.

Wie beispielsweise die Amerikanerin Wilma Rudolph, die als Kind an Polio erkrankte. Obwohl ein Bein zeitweise gelähmt war und sie jahrelang eine Stützschiene tragen musste, schaffte sie es durch Physiotherapie, hartes Training und einen unbeugsamen Willen, drei Goldmedaillen als Läuferin zu holen.

Man muss sich nur genug anstrengen

Wer Dwecks Buch liest, fühlt sich rasch inspiriert: Alles scheint möglich zu sein, wenn man an die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten glaubt und sich richtig reinhängt. Oder wie es eine Rezensentin online ausdrückt: «Das Buch zeigt mit sehr guten Beispielen, wie gewöhnliche Menschen Grosses erreichen können, wenn sie nur wollen.»

Vielleicht erwacht eine leise Stimme im Hinterkopf, die einem einflüstert: «Schau dir an, was all diese Menschen mit viel schwierigeren Startbedingungen aus sich gemacht haben. Eigentlich etwas armselig, wie wenig du leistest. Wenn du dich mehr anstrengen würdest, könntest du viel mehr erreichen!» Diese Schlussfolgerung ist im Buch vielleicht durchaus intendiert, ganz nach dem Motto: Schluss mit Ausreden! Es liegt nur an dir und deinem Einsatz, was du aus deinem Leben machst.

Von grossen Effekten berichteten vor allem Forschende, die auch einen finanziellen Nutzen von positiven Studienergebnissen hatten.

Aber mit der richtigen Methode lässt sich gemäss Dweck nicht nur die eigene Einstellung verändern, sondern auch das Mindset der eigenen Kinder, Schülerinnen und Schüler oder des Arbeitsteams. So wies Dweck in einer frühen Studie nach, dass sich ein dynamisches Selbstbild bei Kindern allein durch das richtige Feedback aufbauen lässt.

Ein Schüler hat eine Matheaufgabe nicht lösen können? Dann sagt man zu ihm: «Hättest du dich mehr angestrengt, hättest du das gekonnt!» Dadurch soll das Kind verstehen, dass es nicht zu dumm oder unbegabt ist, sondern sich einfach mehr bemühen soll. Und tatsächlich verbesserten sich die Matheleistungen der Kinder in Dwecks Untersuchung.

Die Kraft des «noch nicht»

Diese und viele weitere Studien haben massgeblich zum Siegeszug der Mindset-Theorie beigetragen. So berichtet Carol Dweck wiederholt, dass eine Förderung des dynamischen Mindsets bei Kindern zu höherer Frustrations- und Fehlertoleranz und besseren Noten führt. In ihrem TED-Vortrag «The Power of Yet» erzählt sie zudem von Klassen, die sich von den schwächsten ihres Bezirks in die Top-Ränge hochgearbeitet haben. Und das alles nur durch eine Veränderung des Mindsets!

Ein dreizehnjähriger Schüler habe Dweck sogar einen Dankesbrief zu ihrer Forschung geschrieben: Dank ihr habe er erkannt, wie viel er erreichen könne, und ihm sei bewusst geworden, dass er sein ganzes bisheriges Leben verschwendet habe.

Ein Blick in die aktuelle Forschung

In den letzten Jahren meldeten sich aber vermehrt kritische Stimmen. Verschiedene Forschende haben eine Vielzahl der Studien zur Mindset-Theorie kritisch unter die Lupe genommen. Eine aktuelle Metaanalyse von Brooke Macnamara und Alexander Burgoyne kam beispielsweise zum Schluss, dass viele Studien, die über positive Effekte von Mindset-Interventionen berichten, mit Qualitätsmängeln behaftet sind.

Bei methodisch hochwertigen Untersuchungen sind die Effekte viel geringer, teilweise verschwinden sie sogar ganz. Letzteres betrifft vor allem Studien, die eigentlich nachweisen sollten, dass sich das Mindset tatsächlich verändern lässt und dies wiederum Auswirkungen auf die Leistung von Lernenden hat. Brisant: Von grossen Effekten berichteten vor allem Forschende, die auch einen finanziellen Nutzen von positiven Studienergebnissen hatten.

Viele Kinder und Jugendliche glauben, sich nur noch mehr anstrengen zu müssen, obwohl sie sich bereits verausgaben und mit ihren Kräften am Limit sind.

Ein gesunder Umgang mit der Mindset-Theorie

Ich persönlich möchte der Mindset-Bewegung zugutehalten, dass sie viele Menschen dafür sensibilisiert hat, wie viel Einfluss die innere Einstellung auf das eigene Leben haben kann. Ein Ergebnis, das durch verschiedenste Forschungsfelder zu Selbstwirksamkeit, Attributionsstilen, Kontrollüberzeugungen oder kognitiver Verhaltenstherapie abgestützt wird.

Es ist wertvoll, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie durch eigenes Zutun etwas bewirken können und Fortschritte auch bei schwierigen Ausgangs­voraussetzungen möglich sind. Denn wie oft trifft man in der Praxis auf Kinder, die sich wenig zutrauen und bei kleinsten Hindernissen sofort aufgeben? Und die zweifelsohne von Erwachsenen profitieren können, die ihnen vermitteln, dass sich Anstrengung lohnt und sich Hindernisse überwinden lassen?

Ein dynamisches Mindset hat Vorteile, solange es uns nicht blind macht für die ­eigenen Grenzen und die unserer Mitmenschen.

Wir sollten uns aber davor hüten, das «richtige Mindset» als Allheilmittel anzusehen. Im Alltag begegnen mir immer häufiger auch Kinder und Jugendliche, die glauben, sich nur noch mehr anstrengen zu müssen, obwohl sie sich bereits verausgaben und mit ihren Kräften am Limit sind. Oder Erwachsene, die offensichtlich sehr belastenden Rahmenbedingungen ausgesetzt sind, aber meinen, das alles durch eine positive Einstellung und gutes Stress­management ausgleichen zu können.

Ein dynamisches Mindset hat Vorteile, solange es uns nicht blind macht für die eigenen Grenzen und die unserer Mitmenschen. Positivbeispiele dürfen uns inspirieren, aber achten wir darauf, dass sie uns im Umgang mit uns selbst und anderen nicht verhärten. Auf jede Wilma Rudolph kommen unzählige andere, die ebenfalls fleissig trainierten und nie Goldmedaillen holten. Und das liegt vielleicht nicht allein daran, dass sie den Erfolg nicht genug gewollt, zu wenig an die eigenen Wachstumsmöglichkeiten geglaubt oder nicht hart genug an sich gearbeitet hätten.