Jaël, es ist viel passiert, seit wir uns vor drei Jahren das letzte Mal ausgetauscht haben. Worüber staunst du am meisten?
Das stimmt! Am meisten staune ich über die Wiedervereinigung mit der Band Lunik nach einer zwölfjährigen Pause und die Veränderungen, die das Leben mit zwei Kindern mit sich bringt.
Lunik hat sich damals im Streit aufgelöst. Inwiefern hat euch das Mutter- beziehungsweise Vatersein bei der Wiedervereinigung geholfen?
Das hat sicher auch mitgespielt. Eltern werden, aber auch schlicht älter werden, verschiebt die Perspektive; man sieht nicht mehr alles so streng und kann anderen gegenüber – und vor allem sich selbst – grosszügiger werden.

Das ging nicht von heute auf morgen.
Es kam der Moment, an dem wir all das Ungelöste, das schon jahrelang an uns nagte, nicht erst auf dem Sterbebett bereinigen wollten. Das war ein längerer Prozess, der 2019 startete, während der Covid-Pandemie zu Versöhnungsgesprächen führte und insgesamt fast sieben Jahre dauerte. In dieser Zeit reifte bei allen der Wunsch, wieder gemeinsam zu musizieren. Als ich 2024 meine Tochter abstillte und bereit für neue Projekte war, war das der Startschuss, um Lunik wieder aufleben zu lassen.
Wie versöhnlich bist du mit dir selbst?
Ich übe es und gehe sicher weniger streng mit mir um, als noch in meinen Zwanzigern oder Dreissigern. Im letzten Jahr hat mein Körper mit einem Burnout allerdings die Notbremse gezogen und Stopp gesagt. Rückblickend bin ich dankbar dafür, auch wenn ich lieber einen anderen Weg gegangen wäre. Doch es war nicht möglich. Ich habe die Körpersignale, die immer stärker wurden, hartnäckig ignoriert.
Ich konnte nicht mehr für meine Kinder da sein. Der vierwöchige Klinikaufenthalt hat mich stabilisiert.
Jaël über ihr Burnout
Welche waren das?
Ich kämpfte über zwei Jahre lang mit Dauerübelkeit, Schwindel und Tinnitus. Ich hatte Panikattacken und konnte phasenweise nur mit starken Beruhigungsmitteln auftreten. Auch die Schlafqualität wurde immer schlechter. Mein Nervensystem war ständig überreizt. Schliesslich hatte ich keine Kraft mehr für meine zwei Kinder. Keine Geduld, keinen klaren Kopf. Es ratterte nur noch. Im Frühling 2025 ging dann gar nichts mehr.
Was ist dann passiert?
Mein Hausarzt empfahl mir ein anthroposophisches Kurhaus. Ursprünglich wollte ich nur eine Woche bleiben. Meine Tochter war erst zwei Jahre alt. Mich plagten Schuldgefühle. Doch nach drei Tagen kam der Zusammenbruch. Das anerzogene «Reiss dich zusammen» funktionierte nicht mehr. Ich musste mir eingestehen, dass ich in diesem Zustand nicht für meine Kinder da sein konnte. Ich blieb vier Wochen und musste als erstes wieder lernen zu schlafen. Das hat mich stabilisiert.
Kurz danach hattest du auch noch einen Velounfall mit Ellbogenbruch.
Das war sehr mühsam. Ich konnte wochenlang weder Gitarre spielen, noch mich alleine um Haushalt und Kinder kümmern. Noch schlimmer waren die vielen kaputten Zähne, und die dazugehörigen Nerven, die offen lagen. Es war sehr schmerzhaft und zermürbend und verlangsamte alles. Aber vielleicht war auch das nötig. Damit ich nach der Kur nicht sofort wieder in meine alten Muster zurückfalle.
Suchst du Fehler immer zuerst bei dir?
Ich würde es nicht eine Fehlersuche nennen. Selbsterkenntnis ist auch als Sängerin eines meiner Kernthemen. Ich versuche mich und die Welt um mich herum möglichst tiefgründig zu erforschen und zu verstehen.

Du hattest keinen einfachen Start als Mutter. Dein Sohn war ein Schreibaby. Mittlerweile ist Eliah acht Jahre alt und deine Tochter Liala vier. Wie hat sich das Muttersein mit zwei Kindern für dich verändert?
Zu Beginn war es eine grosse Erleichterung und auch ein Genuss, dass Liala so entspannt und einfach war. Es hat mich auch in meiner Mutterschaft gestärkt, im Sinne von, «Hey, geht doch, ich mache doch nicht alles falsch». Spannend finde ich, dass jedes Kind andere Themen spiegelt und auch triggert.
Hast du ein Beispiel?
Bei Eliah war unbewusst so viel unterdrückte Wut in mir drin. Mein Leben lang wollte ich alles gut und richtig machen, als Mutter erst recht. Ich hatte so hohe Ansprüche an mich. Diese innere Spannung und Zerrissenheit hat er als Baby sicher gespürt und mir ja förmlich entgegen geschrieen. Man könnte auch mutmassen für mich rausgeschrien, weil ich es nicht konnte.
Bei Wut sagen wir: «Da kommt der Säbelzahntiger.» Dann wird auch mal auf ein Kissen geschlagen.
Ist es nicht primär ein Systemfehler? Die isolierte Kleinfamilie und die Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf funktionieren nur sehr schlecht. Das haben zahlreiche Untersuchungen, zum Beispiel der Soziologin Franziska Schutzbach oder der österreichischen Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve, gezeigt.
Ein wichtiger Punkt. Es braucht wohl noch mehrere Generationen und ein paar gesellschaftliche Veränderungen, bis Mütter mehr Entlastung erfahren. Noch kratzt sich so vieles. Keine Schuldgefühle zu haben, ist harte Arbeit.
Mutterschaft funktioniert nur mit einem unterstützenden Netzwerk. Sie ist nicht angeboren, sondern darf schrittweise erlernt werden. Wie hört sich das für dich an?
Das sind gute Sätze, die Druck wegnehmen. Es ist Neuland. Die Glaubenssätze und Ideale rund um Mütter gehen in der Schweiz leider in eine andere Richtung. Gerade von Frauenseite der älteren Generation bekam ich zu hören: «Du bist wenigstens keine der Frauen, die so tun, als ob Schwangerschaft eine Krankheit sei». All diese veralteten Sätze wie, «Ein Kind ist kein Kind» oder «Wir haben das schliesslich auch geschafft», zeugen von einer Härte, die Frauen sich selbst gegenüber seit Generationen verinnerlicht haben. Ich wünsche uns allen einen entspannteren und wohlwollenderen Umgang mit Mutterschaft.
Welche Themen spiegelt dir deine Tochter?
Trauer und Gefühle der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins. Und Sie zeigte bereits früh die Tendenz, es ihrem Bruder und auch mir recht machen zu wollen. Dieses People-Pleasing, das ich lange Zeit auch kannte. Da halte ich fest dagegen, damit sie auch ihren Raum bekommt. Wenn ich höre, wie jemand sagt, dass sie «eine Brave» sei, stresst mich das eher.
Fällt es dir sehr schwer, Gefühle wie Wut oder Trauer bei deinen Kindern auszuhalten?
Ja, tatsächlich. Das fällt mir schwer. Auch wenn sie handgreiflich werden. Es macht mich unruhig und widerstrebt meinem starken Bedürfnis nach Harmonie. Dabei hat jedes Gefühl seine eigene Funktion und Qualität. Mittlerweile haben wir Sätze dafür gefunden. Bei Wut sagen wir zum Beispiel: «Da kommt der Säbelzahntiger», weil wir schon viel über den «Fight or Flight»-Modus geredet haben. Dann wird auch mal auf ein Kissen eingeschlagen.

Was machst du, wenn dir im Familienalltag alles zu viel wird?
Dann sage ich meinen Kindern: «Ich muss kurz auf den Balkon an die frische Luft oder in mein Zimmer und mich wieder bödelen». Ich meditiere dann, oder atme zumindest bewusst ein und aus. Meine Kinder sind auch vertraut damit, dass ich mir einen Gehörschutz aufsetze.
Mama macht jetzt eine Pause. Auch diese Haltung ist neu und nicht selbstverständlich.
Es war ein langer Weg, mich vom Ideal der stets geduldigen und liebevollen Mutter, die jederzeit für alle zur Verfügung steht, zu verabschieden. Doch wer ist schon immer geduldig und verständnisvoll? Diesen Anspruch abzulegen, fiel mir schwer.
Wie reagierst du, wenn deine Kinder streiten?
Bei einer Bagatelle greife ich nicht sofort ein. Ansonsten haben wir die Regel, dass jeder seine Sicht des Streits teilen darf. Es geht nicht darum, einen Schuldigen ausfindig zu machen und zu bestrafen. Das Zuhören und Gehörtwerden reguliert bereits vieles.
Seine Gefühle offen anzusprechen, ist etwas, das die Generation unserer Eltern,und auch wir selbst nicht gelernt haben.
Darum ist es so wichtig. Als Liala kürzlich nach einem Streit mit ihrem Bruder zu mir sagte: «Und jetzt gehen wir zu Eliah und er soll auch erzählen, wie es für ihn war», jubelte ich innerlich vor Freude. Das ist so heilsam!
Wie organisiert ihr euren Familienalltag, sodass ihr Beruf und Elternschaft unter einen Hut bringt?
Wir haben eine Nanny. Nach meiner Kur haben wir uns für einen weiteren Betreuungstag entschieden. So habe ich mehr Spielraum, bin in der betreuten Zeit nicht nur am Arbeiten und kann auch mal etwas für mich machen. Sport, eine Massage oder auch einfach nichts. Das nimmt viel Stress raus.
Kräftemässig macht es mehr Sinn, Kinder in den Zwanzigern oder Anfang dreissig zu haben. Doch für mich wäre es eine Katastrophe gewesen.
Du bist 47 Jahre alt. Steckst also mitten in den Wechseljahren. Spürst du die hormonellen Veränderungen gut?
Ja, sehr. Das hormonelle Tohuwabohu zeigte sich in starken Gefühlsschwankungen mit depressiven Phasen, Schlaflöchern, Gelenkschmerzen, trockenen Augen und einem löchrigen Nervenkostüm. Es war mit ein Grund für mein Burnout. Seither substituiere ich mit bioidentischen Hormonen.
Perimenopause und Kleinkinder, also dünnhäutig oder sogar erschöpft sein und gleichzeitig den Nachwuchs durch die strengen ersten Jahre zu bringen, geht das überhaupt?
Kräftemässig macht es vermutlich mehr Sinn, Kinder in den Zwanzigern oder Anfang dreissig zu haben. Doch für mich wäre das eine Katastrophe gewesen. Ich brauchte diese Jahre für meinen persönlichen Reifeprozess und meinen Traumberuf als Sängerin. Die Wechseljahre hatte ich zudem überhaupt nicht auf dem Radar. Ich dachte, das sei irgendwann nach 50.
Das Wissen rund um die Symptome der Perimenopause, also den Jahren vor der letzten Blutung einer Frau, verbreitet sich auch erst langsam. Bereust du die späte Mutterschaft?
Nein, das nicht, auch wenn es mir viel abverlangt. Jedes Alter hat vermutlich seinen Preis und den richtigen Zeitpunkt für Kinder gibt es nicht. Es braucht in jeder Lebensphase Mut und ist ein grosses Abenteuer.

Was hilft dir, damit du nicht erneut in eine Erschöpfung fällst?
Es gelingt mir immer besser, einfach mal dazwischen zu hängen. Also, die Dinge entspannter anzugehen, meine hohen Leistungsansprüche zu reduzieren und mich nicht für alles verantwortlich zu fühlen. Es wächst langsam, aber es wächst. Mittlerweile kann ich auch viel besser über mich selbst lachen. Das haben mich auch meine Kinder gelehrt.
Und im Hinblick auf deinen Job?
Auf einer Konzerttour brauche ich ein freies Wochenende pro Monat. Bei mehreren Konzerten hintereinander übernachte ich im Hotel. Ohne schlechtes Gewissen. Das ist der Unterschied zu früher. Emotional entlasten mich auch die Bandmitglieder. Sie kennen mich schon so lange. Sie helfen mir, meinen Perfektionismus abzubauen, indem ich zum Beispiel auch mal zu spät kommen darf. Das sind für mich grosse Schritte.
Ausgerechnet Lunik, die Band, die jahrelang ein Scherbenhaufen war, gibt dir nun Halt. Was für ein schöner Cycle Breaker, wie du es auf dem neuen Album besingst. Gibt es noch einen weiteren, den du teilen magst?
Ja, auch die Versöhnungsarbeit mit meinen Eltern war sehr befreiend. Das Mutterwerden spülte alte Muster und Prägungen an die Oberfläche und führte zeitweise zu einem eher distanzierten Verhältnis. Ich rechne es meinen Eltern hoch an, dass sie mir zugehört haben. Ohne spitze Bemerkungen, Sprüche oder Ratschläge. Einfach zugehört. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.
In zwei Jahren, mit 49, schliesst du einen weiteren Siebnerzyklus ab. Was wünschst du dir für die nächste Runde?
Noch geniesse ich die Erntezeit mit Lunik sehr. Ich denke, die Jagd nach dem Adrenalinkick auf der Bühne wird irgendwann abnehmen. Mir schwebt vor in Richtung Coaching zu gehen und ich möchte noch mehr auf meine Intuition vertrauen. Darauf, dass die richtigen Dinge zur rechten Zeit auf mich zukommen. Ich bin neugierig, wie sich das Abenteuer Familie weiterentwickelt und wünsche uns, dass wir die Kraft des Staunens nie verlieren.
Lunik: Neus Album und Konzerttour
Doppel-CD CYCLE BREAKER
Die erste CD der Doppel CD CYCLE BREAKER beinhaltet brandneue Lunik Songs. Die zweite CD ist geprägt von noch nie gehörten Bootlegs aus den früheren Lunikjahren, ausgewählten Liveversionen und intime Aufnahmen aus dem Bandraum. Das neue Album kannst du hier bestellen.

Die Tourdaten 2026 findest du hier.









