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Keine Angst vor künstlicher Intelligenz und sozialen Medien

Lesedauer: 5 min

Keine Angst vor künstlicher Intelligenz und sozialen Medien

Künstliche Intelligenz und Social Media werfen für Eltern und Kinder viele neue Fragen auf. Vier Bücher geben Orientierung und helfen, den digitalen Wandel besser zu verstehen.
Text: Thomas Feibel

Illustration: Petra Duvkova / Die Illustratoren

Von allen Erziehungsaufgaben sind die Herausforderungen rund um die digitale Welt besonders verzwickt. Das zeigt sich schon beim ersten Smartphone für das eigene Kind. Einerseits soll es ihm Erreichbarkeit ermöglichen, es aber andererseits keinesfalls von den wichtigen Dingen des Lebens abhalten.

Bedauerlicherweise können wir auch nicht auf den Erfahrungsschatz der eigenen Eltern zurückgreifen. Zu viel Fernsehen und zu viel Tiktok sind eben nicht dasselbe. Und auf viele grosse Fragen – Stichworte Manipulation oder Überwachung – haben wir selbst noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden.

Trotzdem gibt es keinen Grund, zu verzagen, solange wir uns nicht von Ängsten leiten lassen. Soziale Netzwerke sind nicht der Untergang des Abendlandes, künstliche Intelligenz ist keine Vorstufe der Apokalypse und ein eigenes Smartphone stürzt Kinder nicht automatisch ins Unglück. Folgende Bücher machen Mut.

Kampf in den Köpfen

Nina Kolleck: Der Kampf in den Köpfen. Wie TikTok, Instagram & Co unsere Kinder manipulieren. Rowohlt Berlin 2026, 256 Seiten, ca. 30 Fr.

Zu den besonders aufschlussreichen ­Bestandsanalysen zählt Nina Kollecks «Kampf in den Köpfen». Die Autorin ist eine bekannte Bildungsforscherin, Politikwissenschaftlerin und Professorin für Erziehungs- und Sozialisierungstheorie an der Universität Potsdam (D).

Kolleck ist nicht nur bestens mit der aktuellen Studienlage vertraut, sondern kennt auch die Bedürfnisse und Befürchtungen von Kindern und Jugendlichen, was die Digitalisierung betrifft, sehr genau. Dieser Mix macht aus dem Buch eine ausgewogene Lektüre.

Smartphoneverbote an Schulen tragen nicht nachweislich zur Verbesserung der schulischen Leistungen oder des Wohlbefindens bei.

Nina Kolleck

Im ersten Teil geht die Wissenschaftlerin auf die Sozialisation im Zeitalter der digitalen Medien ein. «Wie wir uns entwickeln», schreibt sie, «wurde früher primär in lokalen Kontexten geprägt, vor allem in Familie, Schule, Freundeskreis, aber auch etwa durch die Kirche oder Sportvereine. Normen, Rollenbilder, Zugehörigkeitsgefühle, all die sozialen Elemente, die sich dort ausbilden, sind heute weiterhin relevant.» Aber ihre Vermittlung finde nun zunehmend auch auf Onlineplattformen statt. Die alten Orte seien zwar nicht verschwunden, hätten jedoch ihre Exklusivität eingebüsst.

Positiv daran sei, dass Kinder und Jugendliche in den sozialen Medien auf für sie relevante Themen träfen, die sonst fast nirgends verhandelt würden. Doch auch die Schattenseiten kommen zur Sprache: So stehe der Wunsch nach Authentizität neben dem Druck, gefallen zu müssen. Digitale Orte prägten Kinder zusätzlich, seien jedoch «ungebundener, flüchtiger, gnadenloser». Kollecks Analysen zu Sozialisation und Entwicklung gehören zu den lesenswertesten Passagen des Buches.

Ein weiteres Kapitel erklärt, was in Körper und Gehirn der Heranwachsenden geschieht. Kolleck belegt, wie junge Menschen, die nach Antworten zu Gesundheit und Wohlbefinden suchen, von den Plattformen manipuliert werden.

Im Schlusskapitel fordert die preisgekrönte Wissenschaftlerin «Plattformregulierung statt Nutzerbestrafung». Smartphoneverbote an Schulen trügen zudem nicht nachweislich zur Verbesserung der schulischen Leistungen oder des Wohlbefindens bei. Medienresi­lienz entstehe allein durch Auseinandersetzung. Die digitalen Räume würden bleiben, schliesst sie.

KI in der Welt von morgen

Andreas O. Loff: Das geht nicht mehr weg. KI in der Welt von morgen. Rowohlt Polaris 2026, 240 Seiten, ca. 24 Fr.

Der Autor ist ein kreativer Tausendsassa, bekannter Podcaster und KI-Pionier. ­Einem grösseren Publikum wurde er durch sein mit künstlicher Intelligenz erstelltes Video «Oma, was war nochmal dieses Deutschland» bekannt.

Von der grossen KI-Angstmacherei hält der Mann aus der Praxis nicht viel. Dennoch wirft er in seinem Buch einen kritischen Blick auf die berechtigten Befürchtungen. «Wer diese Ängste nicht ernst nimmt – wer sie als Technikfeindlichkeit oder Fortschritts­verweigerung abtut –, verkennt, worum es wirklich geht: Vertrauen. Teilhabe. Kontrolle. Verantwortung.»

Laut mehreren Studien bringen junge Nutzer den Aussagen von KI-Systemen ein fast blindes ­Vertrauen entgegen. Man stelle sich die Auswirkungen vor.

Andreas O. Loff

Den Ängsten vor Jobverlust, Datenmissbrauch und Deepfakes widmet sich Loff ebenso wie haltlosen Weltuntergangsszenarien. Dennoch mahnt er: «Wer heute noch glaubt, KI sei nur eine technische Frage, der hat nicht genau zugehört. KI ist die neue Ordnungsmacht. Das betrifft nicht nur den privaten Auf- oder Abstieg. KI sortiert Arbeitsmärkte, Bildungswege, kulturelle Relevanz. Und sie macht das nicht ‹neutral›, wie manch Entwickler sich das gern in die Tasche lügen mag. Sie ist geprägt von den Daten, den Modellen und den Prioritäten derer, die sie bauen. Also: von Unternehmen. Von Profitorientierung. Von Machtlogik.»

Auch was die Wirkung von KI auf Kinder anbelangt, wartet Loff mit erhellenden Erklärungen auf. «Die Harvard Graduate School of Education hat in mehreren Studien nachgewiesen, dass junge Nutzer den Aussagen von KI-Systemen ein fast blindes Vertrauen entgegenbringen.» Diese Technologie werde nicht als Werkzeug wahrgenommen, sondern als «allwissender Freund».

Und welche Auswirkungen habe es auf Kreativität, kritisches Denken und soziale Fähigkeiten, wenn menschliche Fehler als Schwäche ausgelegt und Irrtümer der Maschine als «Ausrutscher» hingenommen würden? Insgesamt eine intelligente, unverkrampfte und erfrischend unterhaltsame Lektüre.

Generation Glücklich

Jonathan Haidt ​​/ Catherine Price: ­Generation Glücklich. Dein Handbuch für mehr Spass und Freiheit in einer Welt voller Bildschirme. Zuckersüss Verlag 2026, 240 Seiten, ca. 30 Fr.

Dieses Kindersachbuch stammt vom bekannten amerikanischen Sozialpsychologen Jonathan Haidt und der Wissenschaftsjournalistin Catherine Price. Sie haben die eher düsteren Thesen aus Haidts Sachbuch «Generation Angst» in eine positive Botschaft für Kinder ab acht Jahren gepackt. Dabei geht es den Autoren darum, dass Kinder die manipulativen Methoden von Big Tech durchschauen und mehr Gelegenheiten im echten Leben ergreifen.

Herausgekommen ist ein kunterbunter Band voller Listen, Anregungen und Comics. Allerdings auch mit einer Prise Pathos und zwei erhobenen Zeigefingern. Mindestens. Dennoch ist es eine Lektüre, die besonders beim gemeinsamen Lesen mit Kindern nachdenklich stimmen und anspornend sein kann. Jedenfalls gibt es zu dem Thema nichts Vergleichbares.

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Christian Schuldt: Das nächste Ich. Identität in der Netzwerk­gesellschaft. Velbrück Wissenschaft 2026, 128 Seiten, ca. 30 Fr.

Der philosophisch-soziologische Essay des Zukunftsforschers Christian Schuldt setzt sich mit der Veränderung des Selbstbildes im Internetzeitalter auseinander. Luzide, aber keine leichte Kost.