Psychologie

«Eltern müssen den Druck rausnehmen»

Plötzlich ist die Familie nonstop zusammen. Wie gut alle Familienmitglieder durch die Krise kommen, hängt davon ab, wie die Familie gelernt hat, mit Verschiedenartigkeit umzugehen, sagt die familylab-Elterncoach- und Familienberaterin Caroline Märki. Mütter und Väter sollten besonders Jugendlichen in dieser Situation noch mehr Selbstverantwortung zugestehen. 
Interview: Irena Ristic
Bild: Adobe Stock
Nun ist die ganz Familie wieder unter einem Dach. Bei Caroline Märki sind das ihr Mann, ihr 16-jähriger Sohn und zwei erwachsene Töchter. Die ältere hat gleich ihren Freund aus Paris mitgebracht, wo sie studiert. Die Corona-Krise hat auch im Hause Märki für alle eine ganz neue Situation geschaffen. 

Frau Märki, wie geht es Ihnen? 

Ich bin überrascht, wie gut es läuft. Jeder hat etwas zu tun, meine Tochter und mein Sohn machen Homeschooling respektive E-Learning. Der Sohn ist in der Lehre; da er gerade nicht viel arbeiten kann, lernt er halt Gitarre zu spielen, was er sich über Youtube-Tutorials beibringt. So gehen alle durch den Tag, so wie jeder will: im Pyjama, geduscht, vestrubbelt oder schön angezogen. 

Also ein Art Familien-Coworking-Community … 

Wir haben zum Glück viel Platz und einen Garten, wo sich jeder zurückziehen kann. Das erleichtert vieles. Meinen Beratungsraum habe ich umfunktioniert zum Homeoffice, so kommen wir gut aneinander vorbei. Ein Vorteil ist auch, dass der Freund meiner Tochter Spitzenkoch ist. Er versorgt uns laufend mit köstlichen Gerichten. 
Caroline Märki, 48, ist Gründerin und Leiterin von familylab.ch, Familienberaterin nach Jesper Juul und Eltern- und Erwachsenenbildnerin mit eidgenössischem Fachausweiss. Caroline Märki ist verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und einem Sohn, 16, und lebt in Männedorf ZH.
Caroline Märki, 48, ist Gründerin und Leiterin von familylab.ch, Familienberaterin nach Jesper Juul und Eltern- und Erwachsenenbildnerin mit eidgenössischem Fachausweiss. Caroline Märki ist verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und einem Sohn, 16, und lebt in Männedorf ZH.

Derzeit sind in den Medien viele Tipps zu lesen, wie man mit Teenagern den Ausnahmezustand zu managen hat. Sie sagen, dass mit den meisten Tipps, Eltern direkt in einen nervenaufreibenden Machtkampf laufen. Wieso?

Ich finde es erstaunlich, das überhaupt darüber gesprochen wird. 
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Wie meinen Sie das? 

Nun, wie Eltern mit Teenagern kommunizieren oder umgehen, sollte in Krisenzeiten nicht anders sein als sonst. Es scheint mir, viele Eltern hätten das Gefühl, dass es mit ihnen jetzt etwas machen kann. Aber das geht nicht. Das führt zu einer Subjekt-Objekt Beziehung. Ich bin aber für eine gleichwürdige Subjekt-Subjekt Beziehung. 
Mütter und Väter sollten in Konfliktsituationen, und jetzt umso mehr, authentisch sein. 

Haben Sie ein Beispiel?

Kürzlich konnte ich in der Sonntagspresse «Tipps» lesen, wie Eltern den Tagesablauf mit ihren Teenagern zu organisieren haben. Ein Beispiel lautete, Jugendliche sollten zu bestimmten Zeiten aufstehen und den Tag nicht im Pyjama verbringen. Da habe ich mich sofort gefragt: Wieso fixe Zeiten? Und: Wieso nicht im Pyjama?

Was schlagen Sie vor? 

Vielmehr sollte der Jugendliche seine Selbstverantwortung leben. Wenn Eltern ihrem Teenager-Kind diesen Raum nicht geben, werden sie ständig in den Konflikt reinlaufen. Denn: Jugendliche reagieren sehr sensibel, wenn sie sich nicht gleichwürdig behandelt fühlen. Gleichwürdigkeit heisst nichts anderes, als dass ich mein Gegenüber genauso ernst nehme wie mich selbst. Dadurch kann sich jeder in der Familie entspannen und kommt so einfacher ins Fühlen.

Aber ein bisschen Struktur braucht‘s doch … 

… natürlich. Aber man muss gerade Jugendlichen zugestehen, sich ihren eigenen Ablauf zu organisieren. Ob meine Tochter nun im Pyjama das Homeschooling-Programm absolviert und erst fünf Minuten bevor das E-Learning startet, aufsteht, ist sekundär. Für mich ist vielmehr wichtig, dass sie es macht. Viele Eltern gehen zu sehr von sich und ihren Vorlieben aus. Ich persönlich habe es durchaus lieber, zu fixen Zeiten aufzustehen. Wenn ich aber von meiner Tochter verlange, dass sie es genauso macht, wie ich das will, dann gibt das nur schlechte Stimmung und was haben wir dann erreicht? Ich sage meiner besten Freundin ja auch nicht, wann und in welcher Aufmachung sie ihre Buchhaltung erledigen soll. 
Jetzt ist eigenständiges Denken von Kindern und Jugendlichen sehr fundamental, denn Eltern können nicht alles leisten.

Was wir gerade im Kollektiv erleben, empfinden viele Menschen als globale Transformation. Das Resultat, derzeit ungewiss. Wie ergeht es Familien dabei? 

Wir werden derzeit auf eine enge Gemeinschaft zurückgeworfen und mit der Tatsache konfrontiert, dass wir von gewissen Themen nicht mehr flüchten können. Das führt unweigerlich zu Auseinandersetzungen. 

Was raten Sie? 

Eltern sollten in Konfliktsituationen, und jetzt umso mehr, authentisch sein. Fragen Sie sich als Elternteil ehrlich: Was verärgert mich wirklich? Nicht alle hochkommenden Gefühle sind authentisch. Vielmehr handelt es sich um Schutzmechanismen. Hinter Wut etwa steckt oft die Angst, kein guter Vater respektive keine gute Mutter zu sein, wenn das Kind nicht das tut, was Eltern verlangen. Oder jetzt aktuell, dass das Kind den Schulstoff nicht schafft und es wiederholen muss. 

Das sind doch berechtigte Sorgen von Eltern.

Angenommen, das Kind muss wiederholen, weil es denn Stoff nicht schafft. Was ist schon dabei, wenn das Kind eine Extrarunde drehen muss? Die Corona-Krise ist eine Situation, die wir alle zum ersten Mal erleben und alles Bekannte umwirft. Sie ist darum auch eine Chance, aus dem kollektiven Hamsterrad auszusteigen. In zehn Jahren fragt niemand danach, ob das Kind wiederholen musste. Ausserdem sieht es sehr danach aus, dass es sehr vielen Jugendliche ähnlich geht. Da werden wir auf gesellschaftlicher Ebene kollektiv eine Lösung finden müssen. 

Wir kriegen also alle ein Intensivprogramm, um Innenschau zu betreiben?

Es ist eine grosse Chance, um an sich zu arbeiten. Ich erkenne darin viel positives Transformationspotenzial. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass Eltern, die bislang sehr auf Hierarchie gesetzt haben, also dem Kind wenig Eigenverantwortung zugestanden haben, in dieser Situation nun «die Rechnung dafür erhalten werden». Jetzt ist eigenständiges Denken von Kindern und Jugendlichen sehr fundamental, denn Eltern können nicht alles leisten.

Welche Tipps haben Sie persönlich für den Ausnahme-Alltag für Eltern?

Eltern sollten darauf verzichten, dem Kind ihre Vorstellungen aufzuzwingen. Kritisieren Eltern ihr verträumtes Kind, wenn es eine Aufgabe langsam erledigt, senden sie die Message «Du ist nicht ok, so wie Du bist». Das ist Gift für das Selbstwertgefühl eines Kindes und eines Teenagers. Und gerade das benötigen sie im Moment am meisten. 
Kinder wollen nicht perfekte Eltern; gut genug, ist wunderbar. 

Was schlagen Sie vor? 

Der Fokus muss weg vom Kind hin und zu sich selbst. Das gilt eigentlich für jede schwierige Situation, und jetzt speziell: Denken Sie als Mutter oder Vater nicht, «was kann ich anders machen, damit das Kind kooperiert?». Fragen Sie sich vielmehr: Was macht die Situation mit mir? Was möchte ich wirklich sagen? Bringen Sie die Erkenntnisse dann in das Gespräch mit Ihrem Kind ein.

Aber das schlechte Gewissen einfach wegzuschieben, ist schwierig. Eine Online-Leserin, die als OP-Schwester arbeitet und derzeit nonstop im Einsatz ist, quält das schlechte Gewissen, weil sie ihrem Kind nicht die nötige Unterstützung beim Homeschooling bieten kann.

Eltern müssen den Druck rausnehmen. In Ihrem Beispiel hat die Frau bei sich offenbar eine sehr hohe Messlatte angesetzt, was eine gute Mutter ausmachen soll. Doch in dieser Krise, ist es noch unrealistischer, diese Ansprüche an sich selbst zu erfüllen. Deswegen ist man nicht automatisch eine schlechte Person. Ich zitiere hier gerne Jesper Juul: Kinder wollen nicht perfekte Eltern; gut genug, ist wunderbar. 

Habe Sie einen Tipp für Eltern mit einem schlechten Gewissen? 

Das Schlüsselwort heisst Authentizität. Es nützt sehr, wenn man als Mutter und Vater seinem Kind ehrlich sagt, dass es einem Leid tut, dass man nicht helfen kann und auch die Gründe dafür nennt. Das kommt in den meisten Fällen sehr gut an. Vielleicht hat das Kind selbst eine Idee, wie es sich organisiert. Vielleicht helfen Freunde, oder es kann zu einer befreundeten Familie, die es bei den Aufgaben unterstützt. 

Thema Motivation: Viele Teenager haben auch im normalen Alltag oft keine grosse Lernfreude. Wie soll man sie, in diesen Zeiten zusätzlich motivieren, selbständig und alleine etwas zu machen im Homeschooling?

Ich habe etwas Mühe mit dem Wort «Motivation». Das heisst ja übersetzt, es gibt etwas was ich machen kann und dann wird mein Kind wieder in die Gänge kommen. Aber wenn ein Kind sagt, dass es die Nase voll hat von der Schule, dann würde ich das Kind ernst nehmen und mich dafür interessieren, was genau ihm dabei Schwierigkeiten bereitet. Darüber kann ich mit dem Kind reden und ihm für seine Sicht und Gefühle Anerkennung geben. Ich frage auch gerne, wohin es in seinem Leben möchte? Welches Ziel hat es? Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es vielleicht die Schule nicht. Und wenn doch, dann macht das «in die Schule gehen» wieder Sinn. Dann kann ich anerkennen, dass es für das Kind schwieriger ist als für andere, die gerne die Schule besuchen. Ein Jugendlicher will gesehen werden. Da wo er ist mit seinen Schwierigkeiten oder Ängsten. Er braucht niemanden, der ihn irgendwo hinbringen will und Druck macht. 

Das wird vielen Eltern schwerfallen.

Man muss es als Eltern aushalten, dass das Kind Fehler macht und seine eigenen Erfahrungen machen will. Wir haben ein sehr gutes Bildungssystem, das unsere Kinder auffängt.

Es wäre doch jetzt ein guter Moment, dass Jugendliche einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Es gibt zum Beispiel Aufrufe, Bauern bei der Ernte zu helfen, weil die Arbeitskräfte aus Polen und Rumänien derzeit nicht einreisen können. 

Man kann Kindern helfen, Ideen zu entwickeln. In Aktion müssen sie selbst treten und ihre eigenen Aufgaben finden können. Mein Mann und ich haben zum Beispiel unseren Kindern vorgeschlagen, älteren Menschen zu helfen. Unser Vorschlag wurde nicht aufgegriffen, wir haben das so stehen gelassen. Wenig später hat meine Tochter von sich aus mitgeteilt, dass sie bei einer Bauernfamilie aushelfen wird, wo sie schon ein Sozialpraktikum absolviert hat. Aus eigener Motivation, weil sie nicht einfach rumsitzen wolle.

Kleine Kinder sind gerne den ganzen Tag mit ihren Eltern zusammen, bei älteren sind Freunde viel wichtiger. Wie können Eltern den fehlenden Austausch mit Freunden ausgleichen?

Ich habe das Gefühl, dass Jugendliche diesbezüglich nicht unsere Unterstützung benötigen. Sie sind online sehr gut vernetzt. Unsere Kinder zum Beispiel pflegen den Aussenkontakt intensiv. Dass sie ihre Freunde nicht physisch sehen können derzeit, finde ich nicht so tragisch. Auch, weil sie ja im Idealfall innerhalb in der Familie Anschluss haben. Aber wenn sich ein Kind zu Hause einsam fühlt und die Gemeinschaft als einengend erlebt, dann ist es natürlich schon sehr verloren in dieser Zeit. 
Wieso muss ein Kind zack, zack die Leiter raufhecheln? Es hat doch noch so viel Zeit, um wieder reinzukommen.

Sollten Eltern daher kulanter sein mit der Medienzeit? 

Bei kleinen Kindern ist für mich klar: Eltern müssen drauf gucken. Bei Jugendlichen ist es anders, auch hier sollten Eltern ihnen Eigenverantwortlichkeit zugestehen. Ein Kind, dass den Umgang mit Medien gelernt hat, hat auch eine gesunde Einstellung dazu. Auch wenn es vielleicht für den elterlichen Geschmack zu oft Onlinegames spielt. 

Ab wann besteht Handlungsbedarf? 

Ich würde mir Sorgen macht, wenn sich der Teenager nur im Zimmer verschanzt und nicht mehr teilnimmt an Familienaktivitäten oder seine Homeschooling-Aufgaben nicht mehr erledigt. Ist dieser Punkt erreicht, empfehle ich Eltern nicht auf Verbote zu setzen, das nützt bei Jugendlichen meistens nicht, sondern im Gespräch herauszufinden, was so toll ist am endlosen Gamen. Übermässige Nutzung von Medien kann auch bedeuten, dass das Kind Angst hat oder gelangweilt ist und sich auf diese Weise zudröhnt. 

Aktuell werden die beruflichen Weichen gestellt. Doch: Vorstellungsgespräche für Lehrstellen werden wahrscheinlich keine geführt, Gymiprüfungen teils durchgeführt, teils auch nicht. Diese Zeit ist so wichtig im Leben von Jugendlichen und viele Eltern sorgen sich um die berufliche Zukunft ihrer Kinder. Was empfehlen Sie hier? 

Gegenfrage: Wieso muss ein Kind zack, zack die Leiter raufhecheln? Es hat doch noch so viel Zeit, um wieder reinzukommen. Diese Sorgen entspringen dem Modell der leistungsorientierten Gesellschaft, die niemandem guttut. Nochmals: Es geht in diesen besonderen Zeiten allen gleich. Wenn die berufliche und schulische Laufbahn durch die aktuelle Krise betroffen ist, dann ist das noch viel mehr ein Grund, um sich zu entspannen. 

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