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Familienleben

Machen Kinder glücklich oder gestresst?

Eltern stehen permanent unter Druck, fühlen sich fremdbestimmt. Warum ist das so? Und was kann man dagegen tun? 
Text: Claudia Landolt
Bild: Jan von Holleben

1. Multitasking 

Eltern sind Meister darin, tausend Dinge gleichzeitig zu erledigen. Doch diese Fähigkeit, die man automatisch erlernt, wenn man Mutter oder Vater wird, hat ihre Tücken. Zumindest, wenn man der Arbeitsmarkt-Analyse glaubt, die der Deutsche Gewerkschaftsbund regelmässig erstellt. Darin geben 65 Prozent der total 5000 Befragten an, dass Multitasking für sie der grösste Stress bedeute. Gleichzeitig mit mehreren Projekten und Aufgaben jonglieren zu müssen, sei besonders nervenaufreibend. Neurologen bestätigen, dass unser Gehirn dafür gar nicht geschaffen ist. Eine Untersuchung der Stanford University um den Forscher Clifford Nass ergab, dass Multitasker eine durchwegs schlechtere Denkleistung aufwiesen als Personen, die sich nur einer Sache widmen. 
Eltern sind Meister darin, tausend Dinge gleichzeitig zu erledigen. 

2. Kinderbetreuung 

Die Schweiz ist diesbezüglich Ödland. Wer mit Kind arbeiten will, kann dies nur, wenn die Grosseltern einspringen oder der Geldbeutel weit geöffnet wird. 67 Prozent der Kinderbetreuungskosten müssen nach Abzug der Steuern von den Eltern getragen werden: Das ist die bittere Wahrheit. Die Schweiz bestraft alles, was nicht dem traditionellen Modell eines Familienhaushaltes entspricht. Das muss man entweder aushalten – oder man wandert aus! 

3. Müdigkeit 

Müde in Vollzeit ist die Crux aller Eltern. Anfänglich, wenn das Baby im Zweistundentakt gestillt werden will. Später, wenn die bösen Träume kommen. Danach sind es Wachstumsschmerzen, Erlebnisse und Ängste, die verarbeitet werden müssen. Der Wechsel der Schlafgewohnheiten in der Pubertät, das Warten, bis die Teenie-Tochter endlich nach Hause kommt. Nicht zu vergessen die diversen Krankheiten, die es zu überstehen gilt. Und der persönliche Stress, der einen schlaflos macht. Irgendwann ist man selbst so weit, dass man nicht mehr in den Schlaf findet. Diesen Momenten allergrösster Erschöpfung und Einsamkeit können Väter und Mütter nicht entgehen, leider. Ein kleiner Trost: Alle, die Kinder haben, kennen diese Momente. Und nur sie verstehen die Grösse dieser Erfahrung – in jeder Hinsicht.

4. Fremdbestimmung 

Die Flexibilität eines Erwachsenenlebens endet abrupt mit der Geburt des ersten Kindes. Keine spontanen Städtetrips mehr, Essen im angesagten Restaurant nur noch sporadisch, wenig(er) Sex. Stattdessen: Ferien im Reka-Dorf, Mahlzeiten in der Pizzeria. Am Sonntag werden die elterlichen Terminkalender abgeglichen und die Aufgaben für die kommenden Tage verteilt – eine Managementherausforderung. Nicht lustig! Machen Kinder und der Rhythmus, den sie uns aufzwingen, also faktisch unglücklich? 
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Kinder zwingen einem nicht nur ihren Rhythmus auf, sie verwandeln auch die Identität ihrer Eltern.
Erkenntnisse der Glücksforscher (etwa Keith Campbell und Jean Twenge) beweisen, dass Kinder tatsächlich nicht glücklich machen. Wer Kinder bekommt, ist in den ersten Jahren eher unglücklich. Während der Schulzeit steigt die Glückskurve wieder an, ehe sie in der Pubertät vollends in den Keller rutscht. Erst wenn der Nachwuchs aus dem Haus ist, sind viele Eltern wieder richtig glücklich. Glücksphilosophen wie etwa Wilhelm Schmid sagen indes, auf Eltern treffe eher das «Glück der Fülle» zu, eine Art Ganzheitsglück, in dem extreme Erfahrungen gemacht würden, nicht nur Freude, sondern auch Schmerz. Also viele Höhen und ein paar Tiefen zu durchleben, die man bestenfalls als Erfahrung ansehen kann. Kinder zu haben, schenke den Menschen viel Wertvolles, das zum Glück beitrage.

5. Selbstaufgabe 

Kinder zwingen einem nicht nur ihren Rhythmus auf, sie bringen eine Identitätswandlung mit. Die Geburt eines Kindes bedeutet, dass sich sowohl Männer als auch Frauen in einer neuen Rolle erleben und diese Rolle ein neuer Teil der Identität wird. Frauen machen diese Erfahrung früher, und sie ist durch Schwangerschaft und Stillen vielleicht ausgeprägter. Es wäre völlig verrückt, diese Erfahrung auszublenden. Mütter sind die gleichen Personen wie vorher. Dennoch fällt es gerade ihnen schwer, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten und sich einzugestehen, dass es zu viel wird. Wenn wir den ganzen Tag damit beschäftigt sind, es dem Chef, den Kollegen und den Kindern recht zu machen, besteht die Gefahr, sich selbst zu vernachlässigen. Eine Zeit lang mag dies funktionieren, auf Jahre aber macht es unzufrieden – und einsam, weil man niemandem von seiner Not erzählt. Viele Eltern haben gute Erfahrungen damit gemacht, sich einen Abend pro Woche für sich auszubedingen. Wer Energie hat, kann Freunde treffen. Wem diese fehlt, guckt sich in Ruhe Serien an oder geht früh schlafen. Hauptsache, man schenkt sich selbst etwas Zuwendung, in welcher Form auch immer.

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Dieser Text erschien innerhalb unseres Dossiers zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Lesen Sie alle Texte in der Ausgabe 11/16. Sie können diese hier bestellen.

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