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Familienleben

«Für mehr Kinder braucht es mehr Teilzeitarbeit und Uni-Kitas»

Autorin, Philosophin und Fünffach-Mutter Daniela Nagel über ihre lebendige Grossfamilie, warum sich junge Leute wieder mehr Kinder wünschen und die Herausforderung, allen gerecht zu werden.
Interview: Sandra Casalini
 Bild: Désirée Good / 13 Photo

Frau Nagel, das erste Baby verändert alles. Welches Ihrer vier nachfolgenden
Kinder hat das Familiengefüge am meisten beeinflusst

Nummer drei und vier sind Zwillinge, daher war dies rein praktisch die grösste Zäsur. Weder der alte Kinderwagen noch das Auto reichten nun aus. Dennoch hatten wir erst mit dem fünften Kind das Gefühl, eine wirklich kinderreiche Familie zu sein.

Lange galt die Zweikindfamilie als ideal. Umfragen zufolge wünschen sich nun immer mehr junge Leute drei oder mehr Kinder. Wie erklären Sie sich das?

Zum einen grenzen sich viele jüngere Leute von den alten Lebensmodellen ab. Zum anderen
scheint das Familienleben immer weniger ein Widerspruch dazu zu sein, den eigenen beruflichen Weg zu gehen.
«Erst mit dem fünften Kind das Gefühl, eine wirklich kinderreiche Familie zu sein».

Die Geburtenrate in der Schweiz liegt bei 1,5 Kindern pro Frau – trotz dem
Wunsch nach mehr Kindern. Warum?

Die Suche nach dem richtigen Partner, die Ausbildung und die ersten Berufsjahre ziehen
sich hin. Oft ist das Zeitfenster für viele Kinder einfach zu klein. Vielleicht würde es helfen, junge Leute stärker darin zu unter stützen, den Kinderwunsch früher umzusetzen, etwa durch Kitas an der Uni, Teilzeitarbeit während der Ausbildung und mehr Anerkennung für die mutige Entscheidung, nicht zu warten, bis alle Umstände perfekt sind. Das sind sie nämlich nie.

Wenn das Jüngere von zwei Kindern in den Kindergarten kommt, kommt bei
vielen Paaren der Wunsch nach einem dritten Kind auf. Warum gerade dann?

Zum einen werden wieder Kapazitäten frei, und gerade wenn die ersten Jahre als Familie
schön waren, kommt bei vielen Wehmut auf, dass es das nun war mit dem Zauber, einen neuen Menschen willkommen zu heissen. So war es bei uns auch.
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Der Wunsch nach weiteren Kindern kommt meist von der Mutter.

Komisch eigentlich, da die Veränderungen für die Frau ja viel grösser sind als für den Mann. Vielleicht sind viele Männer nach zwei Kindern vom Gedanken abgeschreckt, immer weniger Raum in der Beziehung zu haben. Glücklicherweise war der Kinderwunsch bei uns immer ähnlich ausgeprägt. Sonst hätte ich mich nicht auf dieses Abenteuer eingelassen.
«Oft ist das Zeitfenster für viele Kinder einfach zu klein». 

Was sind die Vorteile, wenn man mehr Kinder hat als die gängigen zwei?

Die Lebendigkeit in der Familie ist eine ganz andere. Ausserdem werden die meisten Eltern
mit jedem Kind gelassener. Und die Familienphase dauert länger. Mein Mann und ich sind nun gerade vierzig. Wenn wir nur die beiden Grossen – 16 und 18 Jahre alt – hätten, wären wir als Eltern bald arbeitslos. Und das, während manche unserer Freunde gerade ihr erstes Baby kriegen. Das wäre irgendwie traurig.

Und die Nachteile? 

Nicht nur die schönen, auch die anstrengenden Familienphasen ziehen sich in die Länge. Der logistische und der finanzielle Aufwand wird mit zunehmendem Alter der Kinder recht hoch. Gleichzeitig wird es mit vielen Kindern schwerer, Privat- und Berufsleben unter einen Hut zu bringen. Und die Herausforderung, allen Kindern gerecht zu werden, wird höher.
«Mit jedem Kind werden die Eltern gelassener»

Was hat Ihren Entscheid zu einem weiteren Kind am meisten beeinflusst?

Wir sind da sehr intuitiv und wenig rational rangegangen. Und wir hatten das Glück, dass alle fünf die pflegeleichtesten und süssesten Babys waren. Auch die Umstände, wie etwa die unterstützenden Grosseltern oder meine Möglichkeit, als Freiberuflerin relativ flexibel zu arbeiten, haben uns Mut für viele Kinder gegeben.

Und warum gab es kein sechstes?

Wir haben schon öfter gedacht, dass wir eigentlich direkt noch ein sechstes hätten kriegen sollen, weil unser Jüngster manchmal fast wie ein Einzelkind dasteht – die Zwillinge sind fünf Jahre älter und ein eingeschworenes Team. Aber jeder hat seine persönlichen Grenzen, und die waren bei uns nach dem fünften Kind erreicht. Jetzt haben wir fünf Schulkinder und geniessen die neu gewonnenen Freiheiten doch sehr.

Zur Autorin


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Daniela Nagel ist studierte Philosophin und Autorin. «Fünf Kinder? Sie Ärmste!» heisst ihr «Survivalguide für gelassene Mehrfachmütter» – so der Untertitel. Die fünffache Mutter schreibt auch Romane, sowohl unter ihrem echten Namen als auch unter dem Pseudonym Marie Adams. Zudem betreibt sie einen Bücherblog und coacht Autorinnen und Autoren. www.danielanagel.de

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