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Berufswahl

Mädchen und Technik: «Wer sich traut, kann nur gewinnen»

Globi macht in seinem neusten Abenteuer die ETH Zürich unsicher. Das Buch will bei Kindern die Begeisterung für Naturwissenschaften fördern. Die Rektorin Sarah M. Springman erklärt, was Kinderstreiche mit der ETH gemein haben – und warum Mädchen und Technik super zusammenpassen.
Interview: Claudia Landolt 

Globi macht die ETH unsicher – mit einer Professorin an seiner Seite. Das kann kein Zufall sein.

Nein, das ist kein Zufall. Uns ist Diversität sehr wichtig. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Teams, die zu etwa gleichen Teilen aus Frauen und Männern bestehen, erfolgreicher sind bei der Lösung von Fragestellungen. Insofern wäre es nicht intelligent, wenn wir die Hälfte unserer jungen Leute im Land ignorieren würden. Wir wollen besonders auch Mädchen für Wissenschaft und Technik begeistern. Deshalb wollten wir zeigen, dass es ganz normal ist, an der ETH eine Professorin zu sein.
Sarah Marcella Springman (60) ist seit Januar 2015 Rektorin der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). Die Engländerin kam 1997 als ordentliche Professorin ans Institut für Geotechnik der ETH Zürich, welches sie von 2001 bis 2005 und von 2009 bis 2011 leitete. Die studierte arbeitete zu Beginn ihrer Berufskarriere als Ingenieurin in der Industrie, wo sie an Projekten in England, auf Fidschi und in Australien tätig war. Sarah Springman war zwischen 1984 bis 1993 als Triathletin sehr erfolgreich (dreimal Europameisterin, zweimal Fünfte am Ironman in Hawaii). Seit 2008 ist sie Mitglied im britischen Olympischen Komitee. Für ihre Verdienste im Sport erhielt sie zwei Order of the British Empire für ihre Leistungen für den Sport. (Foto: eth/HK)
Sarah Marcella Springman (60) ist seit Januar 2015 Rektorin der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). Die Engländerin kam 1997 als ordentliche Professorin ans Institut für Geotechnik der ETH Zürich, welches sie von 2001 bis 2005 und von 2009 bis 2011 leitete. Die studierte arbeitete zu Beginn ihrer Berufskarriere als Ingenieurin in der Industrie, wo sie an Projekten in England, auf Fidschi und in Australien tätig war. Sarah Springman war zwischen 1984 bis 1993 als Triathletin sehr erfolgreich (dreimal Europameisterin, zweimal Fünfte am Ironman in Hawaii). Seit 2008 ist sie Mitglied im britischen Olympischen Komitee. Für ihre Verdienste im Sport erhielt sie zwei Order of the British Empire für ihre Leistungen für den Sport. (Foto: eth/HK)

Sie sind das beste Beispiel. Seit 1997 lehren Sie in der Schweiz, waren erste Professorin für Geotechnik im westlichen Europa. 

Die erste weibliche Professorin wurde 1985 an die ETH berufen. Ich war also nur die erste in meinem Fach! Vor 30 Jahren galt die ETH als Männerdomäne. Das hat sich aber stark geändert. Als ich vor 20 Jahren an die ETH kam, hatten wir weniger als 10 Prozent Studentinnen. Heute sind es bereits über 30 Prozent. 

Allerdings nicht in allen Studiengängen.

In Studiengängen wie Biologie, Pharmazie und Gesundheitswissenschaften haben wir sogar mehr Frauen als Männer. In den Ingenieurwissenschaften wie zum Beispiel beim Maschinenbau und Elektrotechnik ist der Frauenanteil allerdings erst bei 10 bis 15 Prozent. Wir arbeiten daran, dass diese Zahlen steigen. Ich versuche beispielsweise, meinen Studentinnen zu zeigen, dass es als Frau möglich ist, in jedem wissenschaftlichen Bereich Karriere zu machen.

Wie können Eltern ihre Söhne und Töchter denn für Technik und Naturwissenschaften begeistern? 

Ich höre oft, dass Mädchen sagen, sie wollten die Welt verändern, Dinge verbessern. Auch an der ETH möchten wir die Welt ändern und Dinge besser machen. Den Mädchen muss man zeigen, wie dies mittels Wissenschaft und Technik möglich ist. Jungs wiederum haben oft Freude an Details, es interessiert sie, wie man einen Roboter baut oder wie man etwas programmiert. Beiden Geschlechtern sollte man also sagen:  Die ETH ist ein Ort, an dem Ideen Realität werden. Kinder, die hier studieren, haben grossartige Chancen, interessante und abwechslungsreiche Jobs zu kriegen. Als Professorin habe ich keinen einzigen Tag in meiner Karriere jemals auf die Uhr geschaut, in der Hoffnung, es möge doch bald Feierabend sein. 
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Diese Erfahrung möchten Sie weitergeben? 

Ja, unbedingt. Ich habe die Chance erhalten und auch genutzt. Ich finde es wunderbar, kreative junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und ihnen zu helfen, ihr Potenzial zu entdecken. 
 «Jedes Kind aus diesem Land soll und darf an die ETH kommen, wenn es eine Matura hat und das Interesse und den Einsatzwillen mitbringt.» 
Sarah M. Springman, Rektorin der ETH Zürich und Professorin für Geotechnik

Viele denken, die ETH sei elitär.

Das ist ein Irrglaube. Die sozio-ökonomischen Aspekte – sprich, wo jemand herkommt – sind für uns irrelevant. Jedes Kind ist ein originärer Forscher, und alle sind willkommen. Auch die, welche aus Familien stammen, die weniger privilegiert sind. Dafür gibt es schliesslich Stipendien! Jedes Kind aus diesem Land soll und darf an die ETH kommen, wenn es eine Matura hat und das Interesse und den Einsatzwillen mitbringt. Neugierige junge Menschen sind für uns eine grosse Bereicherung.  

Sie sind Geotechnikerin. Wie kamen Sie zu dieser Studienrichtung?

Ich war immer sehr an Mathematik und Physik interessiert und scheinbar auch recht gut darin. Lange war ich sicher, dass ich diese zwei Fächer studieren werde. Mit 15 Jahren aber war mir dann klar, dass ich Ingenieurin werden wollte. Anfänglich war ich Elektroingenieurin, später dann Bauingenieurin und schliesslich spezialisierte ich mich auf die Bodenmechanik.  

Auf Fidschi und Australien realisierten Sie Dammbauten. Woher dieses Interesse an Naturgewalten?

Schon als junges Mädchen hatte ich im Garten daheim Überläufe gebaut. In den Ferien am Meer baute ich Dämme aus Sand und beobachtete den Verlauf des Wassers, habe versucht, die Erosion mit Steinen und anderen Dingen zurückzuhalten. Ich war davon einfach fasziniert. 

Sie haben ihr Potenzial genutzt. Manchen fehlt aber dieses Selbstbewusstsein. 

Ja, das stimmt leider. Sehr viele Frauen haben ein enormes Potenzial, aber sie unterschätzen ihre Möglichkeiten und sind zu wenig selbstbewusst. Das ging mir nicht anders, auch wenn es heute schwer vorstellbar scheint. Aber Selbstbewusstsein kann man entwickeln. Hierfür braucht es Mentoren und Mentorinnen, die helfen.

Und wie erreicht man das?

Wir müssen die Frauen einerseits ermutigen, Dinge anzupacken, auszuprobieren und umzusetzen, auch wenn sie vielleicht anfangs Zweifel haben. Nur so können sie Erfolgserlebnisse sammeln. Andererseits müssen wir das Bewusstsein stärken, dass auch Rückschläge und Misserfolge kein Weltuntergang sind. Man fragt sich einfach: «Was kann ich beim nächsten Mal besser machen?», und entwickelt sich weiter. So oder so gewinnen Frauen, wenn sie etwas unternehmen und sich etwas getrauen.

Der ETH-Professor Juraij Hromkovic forderte kürzlich hier, dass Informatik ein eigenes Schulfach werden sollte. Sind Sie auch dieser Meinung?

Absolut. Ich bin der dezidierten Ansicht, dass Informatik und Programmierung eine Sprache ist, die Kinder heute lernen sollen. So wie sie Französisch, Englisch oder Mathematik lernen. Informatik fördert so wichtige Grundkompetenzen wie eigenständiges, kreatives und kritisches Denken.

Bild: Fotolia

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