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Sexualität

Kann eine Beziehung ohne Sex gut gehen? 

Und sechs weitere Fragen an Diplompsychologin Catherine Herriger.
Interview: Claudia Landolt

Frau Herriger, die sexuelle Anziehungskraft verfliegt bei jedem Paar nach einer gewissen Zeit. Warum tun sich viele schwer damit? 

Weil das Stadium des Verliebtseins, die Schmetterlinge im Bauch, diese unglaubliche Intensität so wunderbar war, so alles rundum und ganz selbstverständlich beflügelnd – und so gratis. Und dann kehrt der Alltag ein: die rosarote Brille der Verliebtheit wird langsam durch die der Realität ersetzt, der Partner oder die Partnerin ist gar nicht mehr so wunderbar, wie es vorerst schien, entsprechend ist die spontane Lust allmählich verflogen. Nun müssten auch andere, jetzt partnerschaftliche Qualitäten greifen, damit gegenseitig ein gereifteres Begehren Einzug halten kann. Doch setzt das die Bereitschaft zu einer teilweise echt mühsamen Beziehungsarbeit voraus. 

Durch Kinder verfliegt die Lust auf Sex. Bei manchen bleibt er fast auf der Strecke. Ist das problematisch?

Nur bedingt, nämlich dann, wenn die Partner fixe Vorstellungen haben oder sich an ihrer verliebten Vergangenheit orientieren wollen. Wie könnte ein Ausweg aussehen? Druck wegnehmen! Der Begriff «Sex» ist allzu verallgemeinernd und damit für viele irreführend. Sexualität beinhaltet keinesfalls nur Geschlechtsverkehr, sondern auch Eros, also Zärtlichkeit und vertraute Nähe. Wenn dann keine künstlich erzeugte Erwartungshaltung vorhanden ist, kann «einfach so» aus einem zufriedenen Miteinanderkuscheln mehr entstehen. 
Sexlügen: «Wir schlafen nach all den Jahren noch tagtäglich mehrmals miteinander».
Diplompsychologin Catherine Herriger

Was halten Sie von Sex als Rendez-vous, eingetragen im Kalender?

Das ist reiner Quatsch! Damit landen wir wieder bei den Lustkillern Leistungsdruck und Erwartungshaltung – sowohl bei ihm wie bei ihr. 

Kann eine Beziehung ohne Sex auf Dauer gut gehen? 

Warum denn nicht? Solche Paare leben wahrscheinlich mit recht viel Zärtlichkeit und spüren auf diese Weise erfüllende Nähe. Voraussetzung ist natürlich, dass dieser Zustand für beide Seiten auch wirklich stimmig ist. 
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Sex nach Terminplan:«Das ist reiner Quatsch und ein Lustkiller!».
Catherine Herriger, Beziehungstherapeutin 

Was, wenn sich ein Partner plötzlich verliebt? 

Tja, es gibt wahrscheinlich für uns alle zig Menschen, in die wir uns verlieben könnten. Je komplexer oder gar belasteter unser Alltag ist, umso anfälliger sind wir für einen erneuten Hormonkick, der eventuell nur kurzlebig und zerstörerisch sein kann. Es muss der emotionalen Verantwortung eines jeden Partners und einer jeden Partnerin überlassen sein, wie er oder sie in der bestehenden Beziehung mit diesem aushäusigen Kick umgeht. Und mit sich selber. 

Liebe, Lust und Sex: Nur bei wenigen Themen wird so viel gelogen. Was sind die grössten Lügen? 

Die Liste ist tatsächlich lang. Hier eine kleine Aufzählung: Wir schlafen nach all den Jahren noch tagtäglich mehrmals miteinander. – Ich bringe es spielend auf drei bis vier Orgasmen. – Ich habe noch nie einen Orgasmus vorgetäuscht. – Ich habe ständig Lust. – Ich könnte jede(n) haben, aber ... – Ich habe noch nie ans Fremdgehen gedacht. – Ich fantasiere nicht beim Sex. – Onanieren habe ich nicht nötig. – Ich kann immer und jederzeit. – Und so weiter!

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Dieser Text erschien im Rahmen unseres Sexualität-Dossiers im Dezember! Das Magazin, in dem wir uns sowohl der Sexualität von Kindern als auch jener Ihrer Eltern widmen, können Sie HIER bestellen.



1 Kommentar

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Von Salomé am 29.08.2017 14:39

Sex nach Terminplan funktioniert nicht? Da muss ich widersprechen. Klar wäre es auch meine Traumvorstellung, regelmäßig spontan tollen Sex mit dem Partner zu haben. Aber dazu müsste man eben auch regelmäßig gleichzeitig Lust aufeinander haben und laut meinem Paartherapeuten ist das gar nicht so selbstverständlich.

Dazu kommt, dass mein Partner dafür auch eine gewisse Vorlaufzeit braucht, spontan geht einfach leider nicht. Wir hatten lange Phasen ohne Sex, es gab auch viel Streit deswegen, landeten dann beim Paartherapeuten. Denn es war irgendwann so verkorkst, dass gar nichts mehr ging. Seit wir feste Dates dafür ausmachen, läuft regelmäßig wieder was, es ist für uns beide schön. Und der Weg ist doch besser, als wie wenn gar nichts mehr liefe. Es ist eben nicht immer so, dass das Sexleben wie von selbst läuft.

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