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Sexualität

Haben Sie noch Sex oder schon Kinder?

In vielen Elternbetten herrscht sexuelle Flaute, sobald Kinder da sind. Weil Sex zur logistischen Herausforderung wird. Weil man übermüdet ist. Weil die Lust fehlt. Fünf Paare erzählen, warum ihnen der Sex abhanden gekommen ist. Und wie sich das anfühlt. 
Text: Claudia Landolt
Bilder: Karen Rosetzsky, Lina Scheynius & fotolia

Geschrumpfter Sextrieb

Nora, 43, Krankenschwester, und Philipp, 47, Arzt, sind seit fast 20 Jahren ein Paar. Sie haben zusammen drei Kinder. Der Alltags- und Organisationsstress macht ihnen sehr zu schaffen. Beide wünschen sich mehr Sex, vor allem Nora. Sie zweifelt daran, dass ihr Mann sie noch begehrt, weil er einfach keine Initiative mehr ergreift.
Philipp: Ich hätte mir das nie träumen lassen, dass ich keine Lust mehr auf Sex habe. Mein Sextrieb ist total geschrumpft. Seit ich mich selbständig gemacht habe, arbeite ich noch mehr als sonst, 80 Stunden sind keine Ausnahme. Dazu die Angst, dass ich meine Familie nicht ernähren kann. So eine neue Existenz ist ja auch immer mit einem Risiko verbunden. Ich weiss, dass der Jobstress nicht ideal ist und mir nicht guttut. Ich schlafe auf dem Sofa vor dem Fernseher ein und habe keine Nerven für meine Kinder. Das macht mich fertig. Meine Frau tut, als ob es nur an mir läge, dass wir kaum noch miteinander schlafen. Das macht ja nicht gerade weniger Druck. Sag, Nora, das letzte Mal, wann war das?

Nora: An Silvester. Wir hatten kinderfrei.

Philipp: Was, so lange, das kann doch nicht sein!

Nora: Doch. Ich weiss schon gar nicht mehr, wann du das letzte Mal scharf auf mich warst.

Philipp: Das ist Quatsch, und dass du das denkst, stresst mich ganz schön. Ich habe sowieso schon das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umhöre, habe ich den Eindruck, dass keiner meiner Freunde so abgetörnt ist wie ich.

Nora: Uns fehlt schlicht die Zeit. Wir geben uns ja nur noch die Klinke in die Hand, und die Woche ist dermassen getaktet, dass ich mir vorkomme wie ein ferngesteuertes Alien. Auch wenn ich abends eher in Kuschelstimmung bin, würde ich manchmal zu gerne mit dir schlafen, kann mich aber nicht aufraffen, den ersten Schritt zu tun, weil ich ja selber so müde bin.

Philipp: Das hört sich ja auch nicht toll an. Ich möchte nicht, dass du dich überwinden musst, um mit mir zu schlafen!

Nora: Klar. Mir reicht es aber auch nicht, mich wie eine vertrocknete Jungfrau zu fühlen und zu hoffen, dass mein Mann irgendwann mal nicht mehr wie eine müde Pflaume abends rumhängt. Letzthin habe ich mich dabei ertappt, wie ich anderen Männern nachgesehen habe und mich nach einer aufregenden Affäre sehnte. Das kann es doch nun wirklich nicht sein!

Zu wenig Sex

Lily, 35, Hausfrau, und Thomas, 40, Arzt, haben zusammen einen siebenjährigen Sohn. Sex ist in ihrer Beziehung sehr wichtig. Doch seit sie ein Kind haben, ist nichts mehr so wie vorher. Lily mag Abendsex und schläft gerne aus, Thomas hingegen muss früh raus. Beide haben weniger Sex, als sie wollen, und sind deswegen oft frustriert.
Lily: Ich sehne mich oft nach dem leidenschaftlichen, spontanen Sex von einst zurück. Da Thomas schnarcht und Schicht arbeitet, haben wir getrennte Schlafzimmer. Manchmal schleiche ich mich nachts zu ihm, doch das mag er nicht, weil er durch seine Arbeitszeiten in der Klinik oft übermüdet ist. Dann liege ich nachts wach im Bett und mache mir Sorgen, ob unsere Beziehung eine Krise durchmacht und wie das weitergehen soll. Wenn wir es alle paar Wochen tun, hat der Sex nicht auch nur annähernd die Qualität von früher. Es ist nach wenigen Minuten vorbei. Da ich mehrere Fehlgeburten hatte, habe ich manchmal Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, besonders bei Quickies. Ich ertappe mich dann, den Akt durchzuziehen, weil ich Thomas nicht enttäuschen will. Ich hoffe, dass sich das irgendwie wieder legt und wir wieder Spass miteinander haben können, ohne das Gefühl, jetzt einfach nur Zackzacksex zu haben, um sich zu beweisen, dass man noch ein Paar ist.

Thomas: Mit Lily hatte ich Triple-A-Sex – bevor unser Sohn zur Welt kam. Lily war ein Modeltyp, gross und gertenschlank. Die Schwangerschaftskilos hat sie nie ganz weggekriegt. Das stört mich nicht, auch wenn ich sie früher heisser fand. Eine Beziehung ohne Sex käme für mich aber nie in Frage. Umso mehr fällt es mir schwer, zu akzeptieren, dass unsere Sexquote dermassen mies ist, seit wir ein Kind haben, das ein schlechter Schläfer und dauernd krank ist. Manchmal fühle ich mich wie eine Rakete vor dem Start, es ist, als ob mein Unterleib gleich explodieren würde. Dann haben wir Notsex. Der hinterlässt aber einen schalen Beigeschmack, weil ich weiss, dass es für beide eigentlich unbefriedigend ist. Ich habe Angst, dass das jetzt für immer so bleibt.
«Ich hätte mir das nie träumen lassen, dass ich keine Lust mehr auf Sex habe».
Philipp, 47, Arzt

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