Helke ­Bruchhaus Steinert: «Eine Affäre ist keine Bankrotterklärung»
Sexualität

«Eine Affäre ist keine Bankrotterklärung»

Paar- und Sexualtherapeutin Helke ­Bruchhaus Steinert weiss, was der Erotik auf die Sprünge helfen kann, wenn Sex im Elternalltag rar geworden ist. Und erklärt, warum Intimität nicht mit Verschmelzung verwechselt werden sollte.
Interview: Virginia Nolan
Bild: Rita Palanikumar / 13 Photo

Frau Bruchhaus Steinert, oft kommen Paare zu Ihnen, deren Liebesleben in Schieflage geraten ist. Wo hapert es am häufigsten?

Wenn die gemeinsame Sexualität Anlass zu Problemen gibt, ist Lustlosigkeit das häufigste Thema. Typischerweise ist sie einseitig, sprich, einer will mehr als der andere. Die eine fühlt sich durch Zurückweisung gekränkt, der andere durch Vorwürfe in die Ecke gedrängt.

Wie wichtig ist Sex für eine gelingende Partnerschaft?

Für die meisten Menschen gehört zu einer Liebesbeziehung auch die gemeinsame Sexualität. Allerdings erfährt diese im Verlauf einer Partnerschaft einen Bedeutungswandel. Am Anfang schlafen wir miteinander, weil wir verliebt sind, und festigen mit Sex das Gefühl einer Identität als Paar. Später kommen andere Lebensbereiche dazu, die dieses Identitätsgefühl nähren, etwa eine gemeinsame Familie. Dann haben wir Sex, um die Liebe zu pflegen. Untersuchungen zeigen, dass die Häufigkeit sexueller Aktivitäten nach zwei Jahren abnimmt und dann meist lange auf einem konstanten Niveau bleibt.
Helke Bruchhaus Steinert ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit ­Praxis in Zürich. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Paar- und Sexualtherapie. 2019 ist ihr Werk ­«Sexualstörungen» erschienen, ein ­Handbuch für Therapeuten.
Helke Bruchhaus Steinert ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit ­Praxis in Zürich. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Paar- und Sexualtherapie. 2019 ist ihr Werk ­«Sexualstörungen» erschienen, ein ­Handbuch für Therapeuten.

Was, wenn die Leidenschaft erlischt?

Dafür gibt es viele Gründe. Wenn eine Familie versorgt und die Arbeitslast in Beruf und Haushalt bewältigt werden müssen, fördert das Stress, der, wenn er andauert, zu den häufigsten Gründen für Sexflauten gehört. Wir wissen auch: Männer bauen durch Sex oft Spannung ab, demgegenüber brauchen Frauen Entspannung, um überhaupt in Stimmung zu kommen.

Manche Paare helfen ihrer Erotik mit Sex nach Kalender auf die Sprünge.

Ich finde das prima. In unserer Ideal­vorstellung ergreift uns die Lust spontan. Die Realität ist eine andere. Wenn der Alltag Spontanität untergräbt, warum der Erotik nicht nachhelfen? Sicher werden wir dafür nicht immer die gleiche Lust aufbringen: Sex ist einmal gut und ein andermal weniger, er kann lästig sein oder wunderbar belebend. Ihm einen Platz in der Agenda einzuräumen, kann emotional viel Druck rausnehmen. Es zeigt, dass Sex beiden wichtig ist, überfrachtet diesen aber nicht mit bedeutungsschweren Fragen, die aufkommen, wenn es an Gelegenheit mangelt: Magst du mich überhaupt? Warum zeigst du es mir nicht?
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Viele Paare dürfte eine weitere Frage umtreiben: Wie können wir langfristig begehren, was wir schon haben?

Diese Frage geht übers Erotische hinaus. Sie wurzelt in widersprüchlichen Bedürfnissen, die uns Menschen ureigen sind: Einerseits trachten wir nach Bindung, Zweisamkeit und Sicherheit, andererseits treibt uns der Wunsch nach Autonomie, Individualität und Veränderung an. Eine verbindliche Liebesbeziehung stellt uns fortwährend vor die Aufgabe, in diesem Spannungsfeld ein Gleichgewicht zu finden.

Wie gelingt das?

Nicht ohne Angst und Konflikte – denen wir uns stellen müssen, um eine Beziehung lebendig zu erhalten. Ein Partner, der den Wunsch nach Autonomie aufgibt, um die Beziehung zu retten, ist auf lange Sicht selten glücklich, ebenso wenig wie derjenige, der eine nahe Beziehung aufgibt, nur um seine Individualität zu bewahren. Wir kommen nicht umhin, uns in diesem Zusammenhang mit eigenen Wünschen und Ängsten und denen des Partners auseinanderzusetzen. Dabei werden Widersprüche sichtbar, individuelle Unterschiede, eine Distanz zwischen den Partnern. Die gilt es auszuhalten. Distanz ist wichtig im Hinblick auf Intimität.

Wie meinen Sie das?

Der Sexualtherapeut David Schnarch hat es einmal so formuliert: «Intimität ist nicht dasselbe wie Nähe, Bindung oder Fürsorglichkeit. Sie schliesst das Bewusstsein mit ein, dass Sie und Ihr Partner getrennte Wesen sind, für die es in bestimmten Bereichen keine oder noch keine Gemeinsamkeit gibt.» Wenn Intimität mit Verschmelzung verwechselt wird, fehlt dieser Leerraum zwischen zwei Individuen, den es braucht, damit Verlangen überhaupt entstehen kann. Es geht darum, sich als eigenständige Person zu begreifen und auch jene Bereiche zu pflegen, die uns allein ausmachen, unabhängig vom Partner. Damit erhöht sich die Chance, füreinander interessant zu bleiben.

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