Wenn dem Papa der Wegzug schwerer fällt als dem Kind
Neulich überkam mich ein Gefühl, das ich noch nie gehabt hatte. Ich war traurig, weil mein Sohn jemanden verloren hatte. Mit vierzig Jahren kann einen emotional ja nichts mehr überraschen. Alle Gefühle sind bloss Variationen jener, die man früher schon einmal erlebt hat. Trennungsschmerzen. Wut, weil der Partner die eigene Zahnbürste benutzt hat. Wut wegen der Steuererklärung. Wut wegen des Nachbars, der am Sonntag seine Wohnung renoviert.
Im Grunde besteht man mit vierzig Jahren nur aus Wut in verschiedenen Stadien. Und dann bekommt man Kinder und erlebt Gefühle, die so frisch und knackig sind wie in jener Zeit, als man das letzte Mal so richtig am Leben gewesen ist: der Pubertät.
Auch die Starkoch-Offensive nützt nichts
In diesem Fall war es der beste Freund meines Sohnes, der mit seiner Familie in eine andere Stadt gezogen ist. Die beiden haben zusammen den Kindergarten und davor schon die Kita in unserem Quartier besucht. Und danach den Spielplatz. Wir freundeten uns mit den Eltern an, die freundliche, offene Menschen sind, sodass man sie gefahrlos auch mal zum Essen einladen konnte, ohne den ganzen Abend nur über Kinderkrankheiten sprechen zu müssen.
Als mir der Vater vor einem halben Jahr erzählte, dass sie wegziehen wollten, erklärte ich sofort, dass ich alles in meiner Macht Stehende unternehmen würde, um dies zu verhindern. «Dann sind du und meine Schwiegermutter ja schon zu zweit», meinte er. Schliesslich habe ich einfach regelmässig für sie gekocht. Aber trotz oder vielleicht auch wegen meiner Ottolenghi-Offensive haben sie dann neulich das Weite gesucht.
Sie haben sich vier Jahre lang fast jeden Tag gesehen. Sie haben in regelmässigen Abständen unser Schlafzimmer verwüstet und Zeichnungen in meinen Erstausgaben angefertigt.
«Fang mich doch!»
Der Abschied war traurig wie alle Abschiede. Es war ein regnerischer Morgen, der Himmel trüb und grau. Wir verabredeten uns auf unserem Spielplatz, wo die beiden so viel Zeit zusammen verbracht hatten. Sie waren die einzigen Kinder am Morgen. Wie in einem depressiven Tarkowski-Film sassen sie nebeneinander auf der Schaukel, rannten durch den Sand, kletterten die Rutschbahn hinauf, deren dritte Sprosse seit Jahren in der Mitte durchgebrochen ist. Spielten Fangen und Versteckis. «Fang mich doch!» «Wo bist du?»
Mit sechseinhalb Jahren haben Freundschaften noch nicht die irrsinnige Intensität, die sie ein paar Jahre später haben können. Mein Sohn und sein bester Freund haben keine Blutsbrüderschaft geschlossen. Sie haben nie zusammen gezeltet oder ein geheimes Tagebuch geführt (jedenfalls soviel ich weiss). Aber sie haben sich vier Jahre lang fast jeden Tag gesehen. Sie haben in regelmässigen Abständen unser Schlafzimmer verwüstet und Zeichnungen in meinen Erstausgaben angefertigt. Sie waren beste Freunde. Und als wir uns verabschiedeten, war uns allen bewusst, dass gerade etwas zu Ende ging.
Erst geschieht alles zum ersten Mal. Und dann geschieht es zum letzten Mal. Doch auch diese letzten Male fühlen sich wie Premieren an und man weiss einfach nicht, wie man sich verhalten soll.
Es war noch immer früher Morgen, als wir zurück zu unserer Wohnung gingen. Es hatte aufgehört zu regnen, doch die Strassen waren menschenleer. Mein Sohn ging in Gedanken versunken neben mir her. Dann fing er an zu laufen. Plötzlich blieb er stehen und sah mich erstaunt an.
«Papa? Warum weinst du?»
«Weil die Eisdiele geschlossen hat.»





