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«Es war wichtig, dass ich meinen Frust woanders rausliess»

Aus Ausgabe
10 / Oktober 2026
Lesedauer: 3 min
Fabian*, 42, und Barbara*, 43, trennten sich, als Michel*, 6, ein Jahr alt war. Auslöser war Fabians Kokain- und Alkoholsucht, die er nun seit einigen Jahren überwunden hat. Heute gehen sie sogar wieder gemeinsam in die Ferien. Mit dabei sind auch Barbaras neuer Partner Filippo und ihre beiden gemeinsamen Kinder.
Aufgezeichnet von Sibille Moor

Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo

Fabian: «Im Nachhinein betrachtet gab es bereits vor Michels Geburt einige Momente, in denen wir unsere Beziehung besser beendet hätten. Wir hatten viele Konflikte.»

Barbara: «Wir machten eine Paartherapie, verspürten aber trotz unserer häufigen Streitigkeiten beide einen Kinderwunsch.»

Fabian: «Ich lebte damals in einem Nebel und war nicht bei mir, stellte aber weder mein Leben noch unsere Beziehung infrage. Ich trank viel, konsumierte Kokain. Nach Weihnachten 2020, als Michel sechs Monate alt war, erwischte mich Barbara beim Koksen.»

Barbara: «Ich fiel aus allen Wolken und werde dieses Bild nie mehr vergessen. Ich wusste von seinen Problemen mit dem Alkohol, nicht aber, dass er Kokain nahm. Nach dem ersten Schock weinte ich nur noch.»

Fabian: «Nun wusste ich, dass ich etwas gegen die Sucht unternehmen musste. Ich zog zu meinen Eltern, begann einen Entzug und eine Therapie, arbeitete im Homeoffice. Zweimal hatte ich im Frühling 2021 einen Rückfall. Erst als ich auch komplett auf Alkohol verzichtete und meinen Eltern mehrmals wöchentlich eine Urinprobe abgab, kam ich definitiv von den Drogen los.»

Am Anfang war es extrem schwierig, wieder Vertrauen aufzubauen.

Barbara

Barbara: «Wir blieben die ganze Zeit in Kontakt. Die Trennung erfolgte erst im Sommer 2021, als uns beiden klar wurde, dass es nicht mehr funktionierte. Mir war wichtig, dass Michel Kontakt zu Fabian hat. Ich bin selbst ein Scheidungskind und weiss, wie hart es ist, wenn der Vater nicht präsent ist. Am Anfang war es extrem schwierig, wieder Vertrauen aufzubauen. Meine Horrorvorstellung war, dass Fabian auf einem Spaziergang mit Michel seinen Dealer trifft. Deshalb vereinbarten wir, dass die Besuche bei mir in der Umgebung in Begleitung seiner Schwester oder Eltern stattfinden.»

Fabian: «Am Anfang hatte ich daran zu beissen, dass ich ständig hin- und herfahren musste. Ich war auch wütend auf Barbara. Aber es war wichtig, dass ich meinen Frust an einem anderen Ort und nicht an ihr ausliess. Wir beide stellten uns und unsere Konflikte zugunsten von Michel zurück. Anfangs kommunizierten wir oft schriftlich, weil dadurch die Emotionen besser kontrolliert werden können.»

Barbara: «Mittlerweile kann ich Fabian wieder vertrauen. Das brauchte aber einiges und ich hatte auch psychologische Unterstützung. Schön ist, dass wir ­dieselben Werte haben und uns in vielem einig sind.»

Fabian: «Natürlich gibt es manchmal noch Konflikte. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wer wann mit Michel in die Ferien fährt. Er ist nun jedes zweite Wochenende und einen weiteren Wochentag bei mir.»

Um Michels Wohl zuliebe einen guten Umgang miteinander zu haben, lohnt es sich, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Fabian

Barbara: «Die Skiferien verbringen wir jeweils gemeinsam mit einer befreundeten Familie, meinem neuen Partner Filippo und unseren zwei Kindern. Für Michel sind diese Ferien das Grösste.»

Fabian: «Um Michels Wohl zuliebe einen guten Umgang miteinander zu haben, lohnt es sich, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und zu versuchen, sich in den Ex-Partner hineinzuversetzen. Als Barbara mit Filippo zusammenzog, gab es eine Situation, die für mich schwierig war. Ich war mit Michel unterwegs, er sah Filippo und freute sich sehr. Das gab mir einen Stich ins Herz. Dann sagte mir meine Mutter: ‹Stell dir vor, Michel würde Filippo nicht mögen. Das wäre viel schlimmer, weil er ja nun viel Zeit mit ihm verbringt.›»

* Die Namen sind geändert und der Redaktion bekannt.