Mediennutzung

Warum macht meine Tochter dauernd Selfies?

Viele Eltern reagieren mit Unverständnis, wenn sich ihr Kind dauernd selbst fotografiert. Dabei wäre wichtig zu verstehen, warum es das tut – es geht nämlich um weit mehr als um reine Selbstinszenierung.
Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Viele Eltern verstehen nicht, warum sich ihre Kinder ständig selbst fotografieren. Sie halten die Lust am Selfie für einen Zwang, der ihnen eitel und überflüssig vorkommt. Dabei entwickeln Kinder schon sehr früh eine besondere Beziehung zu Kameras und Handyfotos, weil sie bereits kurz nach der Geburt mit dem Medium konfrontiert werden. Stolze Eltern machen ihre ersten Schnappschüsse vom Neugeborenen, dann geht diese Liaison in den ersten Kinderjahren munter weiter: Väter und Mütter lichten ihre lieben Kleinen in unzähligen Situationen ab.

Sobald Kindern bewusst wird, dass sie durch eine Aufnahme im Rampenlicht stehen, versuchen sie sich in unterschiedlichen Körperhaltungen und probieren verschiedene Gesichtszüge aus. Natürlich wollen sie die Ergebnisse sofort sehen. Dahinter steckt die Neugier: Wie sehe ich aus, was mache ich für ein Gesicht? Dahinter wiederum verbirgt sich die grundsätzliche Frage: Wer bin ich?

Auch später beim Selfie bleibt das die zentrale Frage.  Es gibt einen guten Grund, warum wir alle von Fotos und Selfies fasziniert sind. Es verhält sich ähnlich wie beim Blick in den Spiegel: Der Mensch kann sich nicht sehen, wie er wirklich ist, sondern nur in einem Moment oder Ausschnitt, dem jedoch jede Natürlichkeit fehlt. Und so leben wir vom Urlaubs- bis zum Passfoto mit dem Kompromiss der Inszenierung. 
Für Kinder und Jugendliche ist 
das Smartphone mit seiner 
Selfie-Funktion einer der wichtigsten Begleiter. 
Das Genre des Selfies ist dabei kein wirklich neues Phänomen. Bereits vor der Erfindung des Smartphones haben wir Selbstporträts angefertigt respektive anfertigen lassen. Wären die Filme für Kamera und die Entwicklung der Bilder nicht so teuer gewesen, gäbe es heute sicher deutlich mehr Eigenaufnahmen. Darum leistete auch der gute, alte Passfotoautomat seinerzeit unersetzliche Dienste und ist bis heute bei Jugendlichen Kult. Der Unterschied des Selfies im Internetzeitalter liegt in seiner mühelosen Aufnahmetechnik und Verbreitung über Instagram, Whatsapp und Co. Für Kinder und Jugendliche ist das Smartphone mit seiner Selfie- Funktion einer der wichtigsten Begleiter während der Adoleszenz.

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Wenn sie sich über einen längeren Zeitraum selbst fotografieren, können sie fein protokolliert ihre Veränderungen in Körperbau und Physiognomie erkennen. Vor allem aber ist die Fotofunktion ein gigantischer Spielplatz, der Spass macht. Jugendliche können sich hier munter ausprobieren. Sie testen die unterschiedlichen Posen: mal witzig, mal cool, mal verwegen, mal verkleidet oder überdreht. Es erfordert Mut, diese Selbstdarstellungen einer grösseren Öffentlichkeit zu präsentieren. 

Bin ich attraktiv?

Zum «Wer bin ich?» kommt jetzt «Wie finden mich andere?» hinzu. Bin ich attraktiv? Werde ich gemocht? Natürlich eifern viele Mädchen ihren Vorbildern auf Instagram nach, vergleichen sich auf der Plattform aber überwiegend mit ihren Altersgenossinnen.Wenn ihnen die Freundinnen in der Kommentarleiste mit vielen roten Herzchen Komplimente wie «Du Hübsche » oder «Du bist schön» machen, ist das wie ein unsichtbares Band zwischen ihnen: Sie würdigen gegenseitig ihre Inszenierungen. 
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Vorbilder in den Medien 
verstärken Druck auf Jugendliche und Kinder.
Mädchen schminken und inszenieren sich dabei derart, dass ein Fremder nicht mehr erkennen kann, ob sie 12 oder 20 Jahre alt sind. Viele Erwachsene reduzieren das Selfie auf eine reine Selbstdarstellung und das Hecheln nach Anerkennung. Es gibt aber noch ein tiefergehendes Motiv. 
Schliessen Sie bitte für einen kurzen Moment die Augen und stellen Sie sich vor, wie Sie mit 13 Jahren ausgesehen haben. Wer möchte schon dahin zurück? Beim Gedanken an dieses frühere Ich steigt sofort das alte beklommene Gefühl hoch – und wir erinnern uns, wie kompliziert dieses Alter war. Mit 13 ist man kein Kind mehr, aber eben auch noch kein Jugendlicher. Dazu kommt, dass Kinder in der echten Welt sofort als Kinder erkennbar sind. Es gibt diese typische unwürdige Situation beim Bäcker, wenn die Verkäuferin die erwachsenen Kunden dem Kind vorzieht.

Die Sichtbarkeit, dass man ein Kind ist, kann im Internet durch Inszenierungen und Selfies überwunden werden. Das hätten wir alle selbst so gemacht, wenn es diese Technologie in unserer Jugendzeit gegeben hätte. Selfies haben aber auch Nachteile. Gerade durch die Vorbilder aus Fernsehen und sozialen Netzwerken steigt der Druck auf Jugendliche. Sie beugen sich viel stärker dem Diktat des Körperkults. Denn durch Selfies und Inszenierungen wächst die Bedeutung der äusseren Erscheinung.   
Mädchen schminken und inszenieren sich derart, dass ein Fremder nicht erkennen kann, ob sie 12 oder 20 sind. 
Es folgen weitere Zwänge wie etwa der, mit anderen mithalten zu müssen. Bleibt die Anerkennung der Peergroup aus, löst das sehr schlechte Gefühle bis hin zur Verzweiflung aus. Schlimmer noch: Machen bösartige Kommentare die Runden, entwickelt das Geschehen sehr schnell die negative Dynamik von Cybermobbing.

Das ist besonders paradox, weil Jugendliche unter anderem Fotos von sich machen, um die Kontrolle über ihr selbstgewähltes Aussenbild zu behalten. Doch im Pool des Internets gibt es keine Kontrolle darüber, was Freunde, Bekannte und Fremde daraus machen. Ein besonders schlimmes Beispiel sind dabei die Sextingbilder, also wenn Jungs Aufnahmen von ihrem Penis oder Mädchen Aufnahmen ihrer Brüste versenden.   

Das Handy – eine Schatzkiste   

Beim Thema «Selfie» ist das Entwickeln von Erziehungsmassnahmen heikel. Einerseits wollen sich gerade Jugendliche hier nicht reinreden lassen und empfinden jegliche Einmischung als Angriff auf ihre Privatsphäre. Das sollten wir so weit wie möglich respektieren. Andererseits dürfen wir aufgrund der lauernden Gefahren nicht untätig bleiben. Dabei müssen wir abwägen: Wo wollen wir unsere Kinder tatsächlich schützen und wo wollen wir sie nur kontrollieren? 
Befinden sich Kinder im Selfie-Alter, sollten wir mit ihnen immer wieder über die Risiken sprechen und wie man sich schützen kann. Vor allem kommt es aber auf unser Verständnis an. Die unzähligen Fotos und Selfies auf den Geräten der Kinder sind nicht einfach Fotosammlungen, sondern ihre Geschichte, die sie ständig bei sich tragen. Darum gehen sie auch sofort in die Luft, wenn wir ihnen das Smartphone wegnehmen. Es ist nicht nur ein Apparat, sondern eine Schatzkiste ihres gegenwärtigen Ichs, gefüllt mit Bildern, Texten und Nachrichten.  

Selfies – Eltern sollten …  

  • besser verstehen lernen, warum ihre Kinder Selfies machen, 

  • die Balance zwischen Schutz und reiner Kontrolle finden, 

  • mit Kindern darüber reden, wie gross die Bedeutung von Bewertungen (Likes) ist und sein sollte, 

  • darauf achten, dass ihre Kinder keine freizügigen Bilder posten, 

  • ihren Kindern deutlich machen, welche Bilder ihnen online Schaden könnten.  

Über den Autor:

Thomas Feibel, 56, ist der führende Journalist zum Thema «Kinder und neue Medien» in
Deutschland. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. 

Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern. 

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