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Mediennutzung

Snapchat: Keine Angst vorm weissen Geist

Um ihre Kinder in Sachen Mediennutzung zu begleiten, machen Eltern vieles mit. Sie melden sich bei Facebook an, schauen Youtube-Videos von Bibi und LeFloid und spielen Egoshooter. Aber die Lieblingsapp der Teenager lässt Erwachsene ratlos zurück: Was soll dieses Snapchat? Wir haben uns für Sie eingefuchst. 
Text: Bianca Fritz 
Bilder: Snapchat
 Die gute Nachricht zuerst: Sie müssen sich weder alt noch technisch unbegabt fühlen, wenn Sie Snapchat nicht verstehen. Ihr Kind würde es zwar nicht zugeben, aber höchstwahrscheinlich ging es ihm am Anfang genauso. Denn die Social-Media-App ist alles andere als intuitiv. Man öffnet sie, und sofort befindet man sich im Fotografiermodus. Alle anderen Funktionen erschliessen sich erst durch wildes Wischen, Drücken, Ausprobieren.
 In einem lustigen Video von Youtube-Star Kelly MissesVlog kann man in einem Livemitschnitt beobachten, wie sie versucht, mit der App zurechtzukommen. Sie kämpft mit plötzlich auftauchenden Funktionen und schnell wieder verschwindenden Nachrichten wie alle anderen Erstnutzer. Kelly ist übrigens 21.
Kelly probiert Snapchat. Ein lustiges Video zwischen Begeisterung und Verzweiflung.
Aber wozu überhaupt die ganze Mühe? Gibt es nicht schon genug soziale Netzwerke zur Selbstdarstellung? Und warum soll ich Bildchen via Snapchat verschicken, wenn ich doch schon WhatsApp habe? Tatsächlich kann Snapchat im Grunde nichts, was man nicht auch mit anderen Apps hinkriegen würde. Und dennoch hat die App mit dem kleinen weissen Geist das Zeug dazu, die Welt der sozialen Medien und unser Nutzungsverhalten zu verändern. Zwei Eigenschaften machen die App besonders – und beide erscheinen auf den ersten Blick eher ärgerlich.
Trotzdem: Snapchat boomt. Laut der Schweizer Mediennutzungsstudie JAMES nutzten 2014 bereits 55 Prozent der Jugendlichen Snapchat. In Deutschland und den USA überholt die App bereits Facebook und Instagram. Teenager haben dabei häufig den Vorteil, dass sie andere Teenager um sich haben, die ihnen die Benutzung vorführen. Sie als Eltern können entweder auf Youtube-Tutorials zurückgreifen oder, viel besser, Ihren Teenager fragen. Denn neben der Begleitung eines Jugendlichen durch die Medienwelt gehört auch das zu einer guten Me­­dienerziehung: für einmal in die Rolle jener zu schlüpfen, denen etwas erklärt wird. Die Kinder mal die Spezialisten sein lassen.

Volle Aufmerksamkeit – wie bei einer echten Unterhaltung

Da ist zum einen die Geschlossenheit der Community – es gibt keine Möglichkeit, Freunde zu suchen. Man muss wissen, wer auf Snapchat zu finden ist und unter welchem Nutzernamen – auch Schreibfehler werden hier nicht verziehen. Einfacher: Man erhält den Snap-Code einer Person: im realen Leben auf dem Handy angezeigt oder als Foto zugeschickt. Das ist so ein bisschen wie Visitenkarten austauschen. Aber genau diese Geschlossenheit sorgt dafür, dass Nachrichten, Videos und Bilder nicht einfach wahllos in die Welt gesendet werden, sondern sehr gezielt für bestimmte Zielgruppen oder eine bestimmte Person produziert werden. Snapchat ist also ein enorm persönliches Netzwerk. 

Die zweite zunächst ärgerliche Eigenschaft der App ist die Vergänglichkeit der Inhalte. Wenn Kollege XY ein Video schickt, kann man es im Normalfall nur ein- oder zweimal anschauen – danach ist es verschwunden. Ebenso steht es mit Bildern. Hier kann der Sender sogar wählen, wie viele Sekunden man ein Bild betrachten kann, bevor es gelöscht wird. Genau diese Eigenschaft hat Snapchat zu Beginn den Ruf einer Schmuddel-App eingebracht, die sich besonders für Sexting, also zum Verschicken anzüglicher Nachrichten eignet. Sicher sind unter den 700 Millionen verschickten Fotos und Videos pro Tag auch nackte Tatsachen zu finden. Aber dank der vielen Gestaltungsmöglichkeiten mit Filtern und Videobearbeitungsfunktionen liegt der Fokus vermutlich eher auf Kreativität und Witz als auf Erotik. Bisher gab es zumindest keine grösseren Skandale rund um die App. 

Und dass auch Fotos, die vom Bildschirm wieder verschwinden, irgendwie gespeichert werden können, via Screenshot oder externer App, wissen Ihre Teenager bestimmt schon. Wenn nicht – machen Sie sie ganz schnell darauf aufmerksam! 

Die Vergänglichkeit hat jedenfalls einen Vorteil: Snapchat-Nutzer sind keine Multitasker. Dieses soziale Netzwerk läuft nicht nebenher, sondern man muss sich bewusst Zeit nehmen und Nachrichten ungeteilte Aufmerksamkeit schenken – sonst sind sie wieder weg. Ein bisschen so wie bei einer richtigen Unterhaltung: Da kann man ja auch nicht zurückspulen und wiederholen.
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Links-, rechts-, hoch- und runterwischen: Intuitiv ist die Bedienung von Snapchat nicht. Bildcollage: Partner&Partner
Links-, rechts-, hoch- und runterwischen: Intuitiv ist die Bedienung von Snapchat nicht. Bildcollage: Partner&Partner
Ein einfacher Werkzeugkasten zum kreativen Geschichtenerzählen – bis hin zur Albernheit.
Snapper geben sich mit ihren Bildern und Videos häufig extrem viel Mühe. Sie fügen Textnachrichten auf die Bilder, riesige Smileys über ihre Gesichter, markieren Stellen auf Fotos, legen dank Or­­tungsfunktion ihres Handys die Skyline ihrer Stadt über die Nachricht oder tragen schon bei der Aufnahme des Videos virtuelle Bärte und Hasenohren. Viele kotzen auch einen Regenbogen – diese Funktion ist nämlich besonders beliebt.

Klingt alles ein bisschen albern? Mag sein – aber erstens macht die App ja genau deshalb so viel Spass, und zum anderen kann der Spieltrieb durchaus auch zu kreativen und durchdachten Videoproduktionen genutzt werden. Snapchat-Videos erkennt man übrigens am besonders Selfie-geeigneten Hochformat. Eine kleine Revolution in der von Querformaten dominierten Welt der bewegten Bilder.

Die zweite wichtige Funktion der App neben dem Chat sind die Storys. Hier werden Geschichten und Videos für 24 Stunden zur Verfügung gestellt. Jeder, der einen Nutzer als Freund hinzufügt, kann also in einer Art Collage sehen, was bei ihm heute so los war. Das kann so langweilig sein wie bei Paris Hilton (Nutzername: realparishilton), die Snaps von sich selbst vor dem Spiegel online stellt und zwischendurch shoppt und auf Partys geht. 
Es kann aber inhaltlich auch spannend sein wie beim deutschen Journalisten Daniel Bröckerhoff (doktordab), der Nachrichten kommentiert, erklärt und zudem einen Blick hinter die Kulissen des Fernsehsenders ZDF gibt. Storys sind oft auch gestalterisch spannend, weil neben den Filtern auch Videobe­arbeitungsfunktionen wie Beschleunigen, Verlangsamen, Comics und Co. zum Einsatz kommen. Um so manchen Film wäre es schade, wenn man ihn verlöre. Deshalb kann der Ersteller selbst seine Story oder einzelne Szenen daraus speichern.
Was man mit Stories alles machen kann, zeigt dieser kleine Zusammenschnitt vom Medienpädagogik Praxisblog.
Auch die Storys-Videos werden gewöhnlich sehr aufmerksam angesehen. Ein klein bisschen so wie früher beim Fernsehen: Ein Sender produziert einen Inhalt und die anderen konsumieren ihn. Kritiker werfen Snapchat vor, dass es die Angst, etwas zu verpassen, bediene, kurz FOMO für «fear of missing out». Allerdings reicht es im Prinzip, einmal täglich auf die App zu klicken und sich die Geschichten aller Freunde und Prominenten anzusehen, um nichts zu verpassen – die meisten Jugendlichen sind ohnehin viel häufiger online.

Fazit: Snapchat ist privat, nah und persönlich. Zum Beispiel zeigt sich das Schweizer Model Xenia (xenia) in ihren Snaps bei Weitem nicht nur perfekt gestylt, sondern erzählt auch ungeschminkt im Hotelbett, was sie heute erlebt hat. Comedian und Moderator Stefan Büsser (stefanbuesser) verrät auf Snapchat, schon bevor es öffentlich ist, wo er als Nächstes auftritt. Snapchat zwingt uns zu einer sehr aufmerksamen Mediennutzung und stellt viele spannende Werkzeuge für kreatives Storytelling zur Verfügung. Die Gefahr, dass über Snapchat zu private Inhalte versendet werden, ist gross. Eltern sollten also mit ihren Kindern darüber sprechen, dass auch die Chatinhalte eben nicht einfach von Handy zu Handy gehen, sondern über amerikanische Server gesendet werden. Snapchat verspricht zwar, keine Daten zu speichern, sondern alle Snaps nach 24 Stunden tatsächlich zu löschen – aber eine Garantie dafür gibt es nicht.

Snapchat-Tipps für Eltern

  • Snapchat ist erst ab 13 Jahren erlaubt.
  •  Ihr Kind sollte Ihnen Snapchat erklären! Die Bedienung ist nicht intuitiv.
  • Üben Sie mit Ihren Kindern doch einmal, Geschichten zu erzählen – mit Snapchat-Bildern, Videos, Filtern und Stickern. Storytelling gehört durchaus zur Medienkompetenz, und hier kann Snapchat ein tolles Hilfsmittel sein.
  • Sprechen Sie mit Ihren Kindern darüber, dass auch Snapchat Internet ist. Bilder und Videos, die gesnappt werden, sind also keinesfalls privat. Sie können von anderen Nutzern heimlich gespeichert werden. Ausserdem gibt es keine Garantie dafür, dass Snapchat die Daten nicht ebenfalls speichert.
  • Übertreiben Sie nicht! Snapchat ist gerade deshalb «cool», weil die Erwachsenen noch nicht dort sind und von ihrem Alltag erzählen. Es ist gut, wenn Sie als Eltern die App kennen und verstehen. Sie müssen sie aber nicht regelmässig nutzen.

Wertvolle Links:


Zur Autorin

Thumbnail digital snapchat bianca
Bianca Fritz hat sich von ihrem kleinen Cousin Snapchat erklären lassen – und ihn vermutlich ziemlich genervt mit ihren Fragen und Storys. Diese niedlichen Filter machen aber auch süchtig!


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