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Mediennutzung

Mütter-Facebookgruppen: Nicht allein, sondern online

In der Facebookgruppe Basler Mamis 2.0 leisten sich Mütter gegenseitig moderne Nachbarschaftshilfe und bieten moralische Unterstützung. Dabei scheinen sie manchmal zu vergessen, dass man im Netz nie anonym ist.
Text: Bianca Fritz
Bild: Alexander Preobrajenski
Es ist in der Schweiz kein seltenes Bild: Die frischgebackene Mama sitzt allein mit einem Baby und vielen neuen Fragen zu Hause. «Ist dieser Ausschlag normal?», «Warum weint das Kleine die ganze Zeit?», und wenn das Kind dann grösser ist: «Wie löst man nur diese Matheaufgabe?», «Wie krieg ich meinen Teenager vom Handy weg?» oder auch einfach nur «Es regnet! Was sollen wir mit diesem Tag anfangen?».

Manche dieser Fragen drängen. Man kann nicht warten, bis man eine Mama mit Kindern im ähnlichen Alter trifft. Genau für solche Situationen gebe es Facebookgruppen wie die Basler Mamis 2.0, wie deren Gründerin erklärt. Hier antwortet nicht nur eine, hier stehen rund 3800 erfahrene Mamis bereit. «Wir sind besser als Google», behauptet Sandra Hof­stetter und führt aus: «Bei uns be­­kommen die Mamis eine Antwort auf jede Frage. Und wir bringen unsere geballte Erfahrung mit ein.»

Die 36-Jährige hat die aktivste regio­nale Facebookgruppe für Eltern in der Schweiz (siehe Box unten) vor sieben Jahren ins Leben gerufen. Heute wird die Gruppe von fünf Administratorinnen betreut. Jede steckt täglich ein bis zwei Stunden Arbeit in diese ehrenamtliche Aufgabe – oft noch neben Berufstätigkeit und Kindererziehung.

Foto: Das Bild zeigt Sandra Hofstetter (links) und Nicole Thomann mit dem Pin der Basler Mamis 2.0
Besser als Google: Die Mamis bekommen auf jede Frage eine Antwort, und das mit geballter Erfahrung.
Die Administratorinnen sollen die Frauen wieder zur Ordnung rufen, wenn der Ton in der Gruppe zu rau wird. Bei über 50 neuen Posts pro Tag und noch mehr Kommentaren ist das eine Menge Arbeit. Doch die Admins wissen, bei welchen Themen sie besonders auf der Hut sein und wirklich jeden Kommentar mitlesen müssen. 

Impfen und Stillen zum Beispiel sind typische Reizthemen, bei denen gerne mal «Zickenkrieg» ausbricht, wie Sandra Hofstetter sagt. Aber auch bei Fragen, wann man den Nuggi abgewöhnen sollte (und ob es überhaupt einen geben darf) und ob Kleinkinder schon an die Fasnacht dürfen – und wenn ja, mit welchem Gehörschutz. «Da kochen die Emotionen hoch, weil jede eine Meinung hat und sie für die einzig richtige hält und dann gegenüber den anderen Mamis beleidigend wird», sagt Hofstetter. 

Frag nicht hier! Geh zum Arzt!

Die Administratorinnen schreiten auch ein, wenn ein Thema nicht in die Gruppe passt, wenn es zum Beispiel zu medizinisch wird. «Wir haben zwar auch Ärztinnen und Psychologinnen in unserer Gruppe, aber all die anderen Frauen geben gut gemeinte Ratschläge, die manchmal alles schlimmer machen», be­­richtet Hofstetter. Ein Beispiel: Eine Mutter postete ein Bild vom Haut­ausschlag ihres Kindes. «Die anderen Mamis haben sie völlig verrückt gemacht, eine meinte sogar, dies könnte Leukämie sein!» Seither steht in den Gruppenregeln der Basler Mamis: Fragt hier nicht nach medizinischen Ratschlägen, sondern geht zum Arzt!

Zickenkrieg und gegenseitiges Reinsteigern in Probleme sind nur die eine Seite. Die andere Seite – und wohl auch der Grund, warum so viele Mamis an der Gruppe hängen – ist die ungewöhnlich grosse Hilfsbereitschaft der Frauen untereinander. Die Medienwissenschaftlerin Sarah Bizzarri hat für ihre Masterarbeit ein halbes Jahr lang die Kommunikation in der Facebookgruppe untersucht und Mitglieder und Administratorinnen interviewt. Ihr Forschungsschwerpunkt lag auf der Frage, inwiefern die Mütter eine Gemeinschaft bilden, die über ein paar Kommentare bei Facebook hinausgeht. 
«Das ist einzigartig: Mütter, die in unserer Gesellschaft oft isoliert sind, finden echte Hilfe, ohne sich selbst zu sehr verpflichten zu müssen.»
Medienwissenschaftlerin Sarah Bizzarri über die Basler Mamis 2.0
Bizzarris Ergebnis: «Wenn eine ein Problem hat, sind die anderen sofort da.» So habe sie zum Beispiel beobachtet, wie Mütter sich gegenseitig anboten, Kleider und Essen vorbeizubringen, Hilfe oder einfach Ge­sellschaft zu leisten, wenn ein Mami im Krankenhaus lag oder zu Hause mit den Kindern überfordert war. Dabei entstünden feste Freundschaften, aber auch lose Verbindungen, die man immer wieder aktivieren könne, wenn man gerade etwas wissen oder einfach nicht allein im Park spazieren gehen wolle. 

Treffen im realen Leben seien keine Seltenheit, würden aber nicht erwartet. «Das ist einzigartig: Mütter, die in unserer Gesellschaft oft isoliert sind, finden echte Hilfe, ohne sich selbst zu sehr verpflichten zu müssen», beschreibt Bizzarri ihr Ergebnis. Und fügt im Hinblick auf den manchmal sehr rauen Ton hinzu: «Ein bisschen ist das wie in einer Familie: Man streitet sich heftig. Aber man hilft sich auch, wenn es darauf ankommt.» 

Bizzarri schreibt in ihrem Fazit, dass sich die Trennung zwischen Online- und Offlinebeziehungen heute nicht mehr aufrechterhalten liesse. In Bezug auf Jugendliche hat man das schon häufiger gehört, in Be­­zug auf ihre Eltern oder in diesem Falle die Mütter selten.
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Die Gruppe gilt als Rückversicherung: Bin ich normal?

Neben der handfesten Unterstützung – der modernen Nachbarschaftshilfe – bietet die Facebookgruppe vor allem emotionalen Beistand. Mehrmals täglich findet man hier die Frage, ob das, was man als Mami fühlt, oder das, was das Kind macht, denn normal sei. «Die gegenseitige Rückversicherung, dass man nicht allein ist, hat einen hohen Stellenwert», sagt Bizzarri. 

Wie intim darf die Unterhaltung im Netz sein? Wie anonym sind die Mamis?

Zudem wollen sich die Frauen manchmal auch einfach auskotzen. Über das Restaurant um die Ecke, das für Kinder kein Hahnenwasser servieren will, aber auch über den fünfjährigen Sohn, der sich partout weigert, selber Socken und Schuhe anzuziehen.
 
Ja, und manchmal fallen auch böse Sätze über den Partner, von dem sich die Frauen mehr Unterstützung wünschen. Über den Partner und das eigene Kind im Internet schimpfen? Das Anmeldeprozedere bei den Basler Mamis vermittelt das Gefühl, dass man unter sich ist: Mitlesen können in der geschlossenen Facebookgruppe nur Mitglieder der Basler Mamis 2.0. Und Mitglied der Gruppe wird nur, wer von den Administratorinnen bestätigt wird. «Dafür prüfen wir, ob die Frau wirklich aus Basel kommt und ein realistisches Profil mit einigen Angaben und Fotos von sich hat», sagt Hofstetter.
 
Dennoch sieht auch die Gründerin der Basler Mamis die Offenheit der Frauen kritisch. «Wir hatten schon mehrfach die Frage: ‹Wie oft habt ihr noch Sex?›, und viele haben eine Zahl genannt. Ich glaube, diese Frauen vergessen einfach, wie viele wir sind und über welche Ecken man sich kennen könnte», sagt Hofstetter. Zudem bleibt die Gefahr, dass einer, der einem Böses will, jederzeit einen Screenshot machen und ausserhalb der Gruppe verbreiten könnte. 

Erkennungszeichen: Button

Auch Sarah Bizzarri hat in ihrer Masterarbeit festgestellt, dass die Frauen ins Straucheln kommen, wenn sie erklären sollen, warum sie in der Facebookgruppe so offenherzig sind. «Man ist halt ein Stück weit anonym», sagen sie, obwohl viele mit Profilbild und echtem Namen bei Facebook registriert sind.

Und dann gibt es natürlich auch noch jene, die gar nicht unbedingt anonym bleiben wollen. Sie kaufen Buttons, Schlüsselanhänger und ­Ta­­schen mit dem Logo der Basler Mamis, damit sie einander auf der Strasse erkennen können.

Manchmal braucht es dafür aber gar keine Accessoires. Hofstetter: «Ich sass in einem Internetcafé in Ägypten, und neben mir hatte eine Frau unsere Seite am PC offen. Sie postete liebe Grüsse und dass sie in Ägypten sei. Und ich antwortete ‹Ich weiss, denn ich sitze neben dir›. Das verdutzte Gesicht war grossartig.» Spätestens in diesem Moment muss der anderen Mami klargeworden sein: «Ich bin nicht nur nicht allein, sondern auch nicht anonym.»

Die Basler Mamis 2.0 und andere Facebookgruppen für Eltern

Die Facebookgruppe Basler Mamis wurde erstmals 2010 von Sandra Hofstetter und ihrer Cousine ins Leben gerufen. Die Idee war, eine regionale Verkaufsplattform für Kindersachen anzubieten. Da der Verkauf oft für Streit sorgte, schlossen die Frauen die Gruppe wieder und gründeten 2015 dieBasler Mamis 2.0 als reine Diskussionsplattform. Mit rund 3800 Mitgliedern ist sie die grösste und aktivste ortsgebundene Facebookgruppe für Mütter in der Schweiz. Der Verkauf ist jetzt ausdrücklich verboten. 

Sarah Bizzarri untersuchte in ihrer Masterarbeit auch andere Gruppen wie die Mamis usem Berner Oberland,Mamis usem Kanton Luzern und Umgäbig, Solothurner und Aargauer Mamis, die Thurgauer Mamis und die Mamis vom Kanton Züri.Sie alle haben weit weniger Mitglieder und Diskussionsbeiträge pro Tag als die Basler Mamis 2.0. In keiner anderen Gruppe fand die Wissenschaftlerin ausserdem einen solchen Zusammenhalt und eine solche Offenheit wie bei den Basler Mamis. Die Medienwissenschaftlerin führt dies vor allem auf die sehr aktiven und engagierten Administratorinnen in Basel zurück. Auch die Gruppe der Basler Papis, die ein Partner einer Administratorin der Basler Mamis gründete, ist eher eine stille Gruppe mit 200 Mitgliedern.

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Bianca Fritz, Leiterin Online-Redaktion, liebt Facebookgruppen. Sie holt dort Rat zu Hundepflege, kauft und verkauft Gebrauchtes. Bei persönlichen Themen vertraut sie lieber auf Freunde und Familie.

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