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Medienerziehung

Wie Pornos Jugendliche abstumpfen

Pornografie-Webseiten gehören zu den am häufigsten besuchten Internetseiten weltweit. Professor Jakob Pastötter über die Macht der Bilder, Eltern, die Taschentücher zählen, und warum Sex im Netz abstumpft
Interview: Bianca Fritz

Herr Pastötter, durch das Internet kommen heute auch Jugendliche ganz leicht an Pornografie. Welchen Einfluss hat das auf ihre Sexualität?

Wenn man das so leicht sagen könnte. Denn die meisten Forschungen über Sexualität stützen sich auf die Selbsteinschätzung der Befragten. Nur: Nicht einmal Erwachsene schätzen sich immer richtig ein. Wie wollen es da Jugendliche tun, die ihre Sexualität doch gerade erst entdecken?

Warum sind Selbstauskünfte in Sachen Sexualität so schwierig?

Ein einfaches Beispiel: Schon die Frage, wie häufig man masturbiert, ist doch enorm schwierig zu beantworten. Wer führt denn darüber Buch? Und das kann ja diesen Monat ganz anders sein als letzten. Dazu kommen Vorstellungen davon, wie oft man etwas tun sollte. Und es gibt sogar Geschlechtsunterschiede: Wenn wir Männer fragen, wie viele Sexpartnerinnen sie hatten, neigen diese dazu, zu schätzen. Frauen hingegen zählen. So kommen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Und schädliches Verhalten, zum Beispiel «zu viel Pornos gucken», schreiben wir sowieso nur den anderen zu.

Fragebögen taugen also Ihrer Meinung nach nichts. Wie kann man jugendliche Sexualität anders erforschen? 

Zum Beispiel indem man einzelne Jugendgruppen begleitet – an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Milieus. Indem man ihr Vertrauen gewinnt und ihnen zuhört. Nur gibt es solche Studien bis heute nicht

Trotzdem sehen Sie eine Gefahr darin, wenn Jugendliche auf Pornoseiten herumsurfen.

Das liegt an einer einfachen psychologischen Grundregel: Bilder sind immer stärker als Worte. Wir können die Kinder also noch so gut darüber aufklären, dass Pornos nicht der Realität entsprechen – gegen das, was sie mit eigenen Augen sehen, kommen Worte nicht an. Zum Beispiel wird ja beim Analsex nie gezeigt, dass er häufig mit Schmerzen verbunden ist oder dass es lange Spülungen braucht, damit alles so sauber zugeht. Jugendliche stehen vor der extrem schwierigen Aufgabe, Realität, Fiktion und dann auch noch die eigenen Wünsche auseinanderzuhalten. Eigene Erfahrungen könnten ihnen dabei helfen, aber die haben sie oft noch nicht gemacht, wenn sie auf diese Masse an Pornovideos stossen, die wirklich jede Vorliebe bedienen. Und das mitten in der hormonellen Verwirrung der Pubertät. Das ist ein bisschen so, wie wenn der Hungrige im Süssigkeitenladen steht.
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Pornokonsum schläfert auch die Lust auf den Partner ein.

Ändert sich das, wenn es zu echten Erfahrungen kommt? Ist Sex mit einem Partner nicht befriedigender als Pornografie?

Das geben alle Befragten an, ja. Das liegt auch daran, dass all unsere Sinnesorgane mitbeteiligt sind. Aber wenn wir mit der Pornografie gelernt haben, dass hauptsächlich das Sehorgan stimuliert werden muss, sind wir beim echten Sex verwirrt oder gar enttäuscht. Junge Menschen haben ein Handicap, wenn sie so in eine Beziehung treten. Deshalb treffen sie Aussagen wie: «Ich habe das Gefühl, immer so agieren zu müssen, als wäre eine Kamera auf mich gerichtet.» Zudem ist der Orgasmus meist intensiver, wenn man alleine und mit Pornografie masturbiert. Nicht nur weil man hier manuell feintunen kann, sondern weil die Reize sehr stark sind. Und weil man jederzeit weiterklicken kann, wenn einen etwas nicht oder nicht mehr erregt.

Besteht dabei auch die Gefahr, gegen die Reize des Partners abzustumpfen? 

Natürlich! Wenn ich gelernt habe, dass jede nur erdenkliche Art von Sex mit unterschiedlichen Partnern jederzeit und ohne Aufwand verfügbar ist und ich dabei auch noch einen richtig guten Orgasmus erleben kann, hat mein Partner ein Problem. Auch hier gibt es keine verlässlichen Zahlen, aber meine Kollegen und ich haben schon jetzt 17-, 18-, 19-Jährige in der Beratung, die mit ihrer Freundin im Bett liegen und die nichts mehr anmacht.

Die meisten Kinder und Jugendlichen ekeln sich doch, wenn sie erstmals auf pornografisches Material stossen ...

Und deshalb verharmlosen auch viele das Problem. Aber es gibt das Phänomen der Angstlust. Dieses kennen wir von Horrorfilmen. Wir finden sie schrecklich, lernen aber, dass sie uns auch Lust bereiten, wenn wir nur oft genug hinsehen. Dann versprechen sie sogar einen ganz besonderen Reiz.

Haben Jugendliche heute früher Sex?

Eher im Gegenteil. Wir lernen, unsere Bedürfnisse nicht mehr auszuleben, sondern stattdessen zuzusehen. Es wird sogar eine Hemmschwelle aufgebaut durch die Pornografie, weil die Messlatte so verdammt hoch liegt. Sexualität wirklich zu leben, macht ausserdem auch viel mehr Arbeit.

Was können Eltern gegen die Macht der Bilder tun? Ihren Kindern romantische Liebesfilme zeigen?

Das ist wirklich eine schwierige Frage. Verständnis dafür zeigen, dass Sexualität überwältigend ist. Und eine Atmosphäre schaffen, in der Kinder Fragen stellen können. Auf die Gefahren der Pornografie hinweisen, aber bloss nicht die Taschentücher zählen, welche die Jungs verbrauchen. Und natürlich: liebevolle Beziehungen vorleben, damit Kinder und Jugendliche deren Wert erkennen. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass Jugendliche ihre Bedürfnisse kennen sollten. Pornografie hat ja oft nichts mehr damit zu tun, dass der Körper nach Befriedigung verlangt – sie funktioniert auch, wenn der Körper eigentlich schon genug hat. Es ist reiner Konsum eines Produktes.

Im Kanton Zürich wurde einmal der Vorschlag diskutiert, Pornografie im Schulunterricht anzusehen und zu besprechen ...

Das ist sehr schwierig. Schulklassen sind Zwangsgemeinschaften. Da sollte man nichts zeigen, was die Schamgrenze überschreitet. Das führt doch nur dazu, dass sich die Coolen besonders aufspielen und sich die Ruhigen noch weiter zurückziehen. Eventuell wäre es in freiwilligen Gruppen denkbar – zum Beispiel in Form eines Workshops bei einer Familienberatung. Aber es bleibt ein rechtliches Problem: Erwachsene dürfen Kindern im Normalfall keine Pornografie vorführen. Und auch wenn Jugendliche intellektuell etwas verstanden haben, muss das noch lange nicht handlungsleitend sein.
Foto: Fotolia

Prof. Jakob Pastötter Foto: zVg
Prof. Jakob Pastötter Foto: zVg

Zur Person

Professor Jakob Pastötter ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung und bietet Sexualberatung per Skype an – auch für Jugendliche und deren Eltern.www.sexualitaetleben.de


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