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Medienerziehung

Senkt das Smartphone die Frustrationstoleranz?

Viele Kinder sind schlechte Verlierer – und begeistert von Smartphone und Co. Dabei spricht einiges dafür, dass der Mediengebrauch die Frustrationstoleranz bei Kindern noch weiter senkt. Was sollten Eltern in der Medienerziehung beachten?
Text: Kathrin Blum
Bild: iStock
Der elfjährige David wischt wütend die Spielsteine vom Feld, wenn er das Brett­ spiel nicht gewinnt; seine zwei Jahre jüngere Schwester Sophia hingegen rauscht aus dem Zimmer und knallt die Türe zu. Vie­le Kinder sind schlechte Verlierer. Und manche Eltern lassen den Nachwuchs lieber gewinnen, als dass sie sich mit dem Frust ihrer Söhne und Töchter auseinanderset­zen – egal ob es dabei um das Wür­felspiel geht oder darum, wie viel Zeit sie ihrem Smartphone widmen. Dabei spricht einiges dafür, dass eine intensive Smartphonenutzung die Frustrationstoleranz von Kin­dern und Jugendlichen senkt. Und sie dadurch zu noch schlechteren Verlierern werden.

Etienne Bütikofer wollte, dass sei­ne drei Kinder schon früh lernen, mit Enttäuschungen umzugehen, und ihre Frustrationstoleranz trai­nieren. Deshalb hat der Dozent und Medienpädagoge an der Pädagogi­schen Hochschule in Bern sie nie einfach gewinnen lassen. Genauso hält er es für wichtig, dass die Kinder lernen, Siege zu verkraften und nicht überheblich werden, wenn sie ge­winnen.

Kinder verlernen, geduldig zu sein

Bei Kindern, die heute aufwachsen, ist der Spielpartner häufig virtuell, die Spielkarten das Display. Das sogenannte Gamen per Handy setzt viele (Spiel­)Regeln ausser Kraft: Wer verloren hat, klickt oder wischt einmal und fängt einfach von vorne an. «Es gab noch nie zuvor Spiele, bei denen man so schnell auf null zurückgehen konnte», sagt Etienne Bütikofer. Dadurch verlernten Kin­der, das Verlieren auszuhalten – und sich anzustrengen, um etwas zu erreichen.

Nicht nur das Gamen trägt dazu bei, die Frustrationstoleranz zu sen­ken. Ob es darum geht, immer und überall mit den Freunden in Kon­takt zu sein, oder darum, rund um die Uhr Filme und Musik zu strea­men: «Mit dem Smartphone können alle Bedürfnisse ganz schnell und mit minimalem Aufwand befriedigt werden», sagt Sara Signer. Die pro­movierte wissenschaftliche Mit­arbeiterin für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich glaubt, dass die Kinder dadurch ver­lernen, geduldig zu sein.

Viele Erwachsene sind überfordert

Das gezielte Warten zu trainieren, hält Signer für äusserst wichtig, auch wenn es für die Eltern herausfor­dernd sei. «Ich provoziere das War­ten immer wieder», erklärt Signer, die eine sechsjährige Tochter hat. Dazu gehört für sie auch, dass Eltern nicht alles stehen und liegen lassen, wenn das Mobiltelefon bimmelt oder piepst. «Viele unterbrechen Gespräche oder ihr Tun und sprin­gen sofort auf, wenn sich das Smartphone meldet», beobachtet Signer. Den meisten Erwachsenen sei nicht bewusst, was sie ihren Kindern damit vorleben. «Da steckt selten eine böse Absicht dahinter, vielmehr ist es doch so, dass auch viele Er­wachsene mit dem Smartphone überfordert sind», sagt Signer.

Bütikofer hält den Eltern zugute: «Als sie selbst Kinder waren, gab es das noch nicht, sie haben das nicht gelernt und müssen sich da selbst erst einfinden.» Und er empfiehlt Eltern den Selbstversuch. Seiner Meinung nach sollten sie sich selbst ein paar Spiele herunterladen, sie ausprobieren und sich möglicherweise selbst dabei ertappen, wie schwer man davon loskommt.

Das schadet langfristig

Unabhängig von den eigenen Erfahrungen sollten Mütter und Väter ihre Kinder beim Umgang mit dem Smartphone genau beobachten, rät Lehrer und Autor Philippe Wampfler. Eltern sollten sich fragen: Was passiert da, wie reagiert das Kind, wenn es am Gerät sitzt? Und wenn sie das Gefühl haben, dass die Kinder auch eine halbe oder ganze Stunde nach der Smartphonezeit noch gereizt sind (weil sie zurück in die virtuelle Welt möchten), sollten Mütter und Väter das Gespräch suchen und den Kindern erklären: «Das schadet euch langfristig!» 

Die intensive Nutzung falle häufig mit der Pubertät zusammen, deshalb sei in vielen Fällen schwer zu sagen, ob Entwicklungen und Verhaltensmuster hormonell beeinflusst oder dem Smartphone zuzuschreiben seien.
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«Das Smartphone ist selten der Auslöser.»
Philippe Wampfler
Wampfler glaubt: «Das Smartphone kann etwas verstärken, das es ohnehin schon gibt, aber reiner Auslöser ist es wahrscheinlich selten.» Mit Verweis auf eine Studie von Jon D. Elhai aus dem vergangenen Jahr erklärt Wampfler: «Ich gehe davon aus, dass eine tiefe Frustrationstoleranz zu einer intensiveren Smartphonenutzung führt, sie umgekehrt aber davon auch verstärkt wird.» Zudem könne intensive Smartphonenutzung eine Reihe psychischer Probleme verstärken.

Führen Sie klare Regeln ein

Kindern die mobilen Geräte deshalb komplett vorzuenthalten, hält Wampfler jedoch für realitätsfern. Er fordert allerdings klare Regeln: «Die Smartphonenutzung muss geübt und dosiert eingesetzt werden.» Bütikofer findet es in diesem Zusammenhang wichtig, dass «die Absprachen auf Vertrauen basieren». Einfach nur den Stecker zu ziehen, also das WLAN zu blockieren, hält er für eine Bankrotterklärung. «Sprechen Sie mit Ihren Töchtern und Söhnen von klein auf über die Gefahren und das Suchtpotenzial – und darüber, wie wichtig eine hohe Frustrationstoleranz ist.» Letztere müsse genauso trainiert werden wie die Sprungkraft. Nur wer übe, könne die Fähigkeit entwickeln, Hürden zu überwinden. Und diese Hürden wüchsen im Laufe des Lebens.

Wie wirkt sich eine niedrige Frustrationstoleranz aus?

Genau diese Hürden werden es sein, die Mädchen und Jungen dazu zwingen, Frust, Enttäuschungen und Rückschläge auszuhalten – in der Schule, im Arbeitsleben, in Beziehungen. Deshalb glaubt Sara Signer auch nicht, dass eine dem Smartphone geschuldete niedrigere Frustrationstoleranz für ganze Generationen in der Katastrophe endet. Die Gesellschaft werde die Jugendlichen dazu zwingen, sich zu integrieren, glaubt Signer. Nur könnte das für viele ein schmerzhafter und anstrengender Prozess sein. Und daran sei das Smartphone nicht unschuldig.

Einige Hirnforscher sind der Überzeugung, dass Teile unseres Gehirns, die nicht genutzt und gefordert werden, verkümmern. Der Ulmer Professor Manfred Spitzer ist einer der Experten, die befürchten, dass exzessive Smartphonenutzung genau dazu führt. Müssen Jugendliche also nicht lernen, Frust oder Niederlagen zu verarbeiten und sich selbst zu regulieren, sinkt die Frustrationstoleranz. Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, erklärt, dass man das an der Grösse des Frontalkortex sogar sehen könne.

Gespaltene Meinungen

Die einen verteufeln das Smartphone, manche warnen davor und wieder andere sehen überhaupt keinen Zusammenhang zwischen dem Taschencomputer und einer sinkenden Frustrationstoleranz. Ein Wissenschaftler, der namentlich nicht genannt werden möchte, meint dazu etwa: «Warum sollte mangelnde Frustrationstoleranz ausgerechnet ein Problem von digitalen Medien sein? Man könnte genauso gut argumentieren, dass die permanente Verfügbarkeit von Nahrung die Frustrationstoleranz von Kindern senkt, weil sie nicht mit der Enttäuschung leben lernen, dass Papa heute kein Mammut mit nach Hause gebracht hat.»
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Kathrin Blum ist Journalistin und war als Kind eine ganz schlechte Verliererin. Sie beobachtet gespannt, wie sich die Frustrationstoleranz bei ihren Töchtern entwickelt.

Tipps für Eltern:

  • Vorbild sein und nicht selber ständig am Smartphone kleben. 
  • Smartphoneregeln aufstellen, zum Beispiel: Am Esstisch und nachts im Kinder-/Jugendzimmer haben die Geräte nichts verloren. 
  • Smartphonezeiten festlegen: Sara Signer empfiehlt, dass Jugendliche allerhöchstens die Hälfte der freien Zeit ausserhalb der Schule mit Medien verbringen – und in der anderen Zeit mit Bewegung an der frischen Luft einen Ausgleich schaffen sollten. 
  • Primarschulkinder sollten auf keinen Fall mehr als 20 Minuten pro Tag am Smartphone hängen. 
  • Kinder beobachten: Wie nutzen sie das Smartphone und wie geht es ihnen dabei? Ist das mobile Gerät Stoppuhr beim Joggen oder Metronom beim Klavierüben? Oder geht es einfach nur um (sinnlose) Game-Apps? 
  • So spät wie möglich ein eigenes Gerät für die Kinder anschaffen, frühestens am Ende der Primarschulzeit, besser erst ab 13, 14 Jahren. 
  • Eingreifen, wenn das Gefühl entsteht, dass das Smartphone Aktivitäten wie Sport, das Üben eines Instruments oder Hobbys mit Freunden verdrängt. 
  • Das Smartphone sollte nie dazu genutzt werden, ein Kind ruhigzustellen, damit man selber seine Ruhe hat. 
  • Das Warten und das Verlieren gezielt mit Kindern trainieren – in der realen Welt.

Warum sind Online-Games auf dem Smartphone so beliebt?

Vier mögliche Antworten von Medienpädagoge Etienne Bütikofer:

  • Mode und Gruppendruck, «alle machen es». 
  • Eltern nehmen sich zu wenig Zeit für die Kinder, bieten ihnen keine Alternativen an und sind teilweise froh, dass die Kinder beschäftigt sind und nicht über Langeweile klagen.
  • Keine oder nur wenige Geschwister und damit weniger potenzielle Spielpartner.
  • Verinselung der Freizeit, zu wenig freies Spiel.

Weiterlesen:

«Kind, ärgere dich nicht!» – Verlieren will gelernt sein

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