Wenn ADHS in der Familie liegt
Psychologie

Wenn ADHS in der Familie liegt

Ein Kind mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS stellt die Eltern vor besondere Herausforderungen. Noch schwieriger wird es, wenn auch Mutter oder Vater von ADHS betroffen sind – und das ist gar nicht so selten.
Text: Christine Amrhein
Bilder: Shelley Reis
Schon als kleines Kind war Kilian sehr unruhig», erzählt Daniela Chirici. «Auf dem Spielplatz musste ich ständig hinter ihm her sein. Im Mehrfamilienhaus, in dem wir gewohnt haben, gab es dauernd Ärger mit anderen Kindern. Und einige Eltern waren der Meinung, wir hätten die Erziehung nicht im Griff», sagt die Mutter des heute 18-jährigen Kilian.
 
Der gelernten Krankenschwester wurde früh klar, dass ihr Sohn anders ist als andere Kinder: Als Baby schrie er viel und reagierte empfindlich auf Reize. An Kilians fünftem Geburtstag wandte sie sich an eine Beratungsstelle der ADHS-Organisation elpos und liess die Auffälligkeiten bei einem spezialisierten Arzt abklären. Die Diagnose lautete: ADHS.
ADHS bei Erwachsenen wird oft lange nicht erkannt, weil die Symptome meist weniger ersichtlich sind.
Erst viel später, als Kilian bereits 11 Jahre alt war, erfuhr die Mutter, dass auch Kilians Vater ADHS hat. «Es gab eine Phase, in der er viel gearbeitet hat und sehr gestresst war», berichtet Chirici. «Irgendwann hat er dann gesagt: Die Konzentrationsprobleme, die Unruhe, das kommt mir alles bekannt vor.» Auch Kilians Vater liess sich untersuchen und bekam die Diagnose ADHS. «Erst da sind mir einige Dinge klar geworden», erzählt Chirici. «Dass die beiden sich in vielen Dingen ähnlich sind, hat dazu geführt, dass sich manche Situationen aufgeschaukelt haben. Wenn Kilian einen Wutanfall hatte, wurde sein Vater oft auch wütend und laut.»

Viele betroffene Erwachsene kämpfen sich durchs Leben

Es ist gar nicht so selten, dass ein Kind und ein oder sogar beide Elternteile ADHS haben. «Das ist nicht überraschend, weil genetische Faktoren bei ADHS eine wichtige Rolle spielen», erläutert Isolde Schaffter-Wieland. Sie ist ADHS-Coach und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS. «Allerdings merken betroffene Eltern zunächst oft nur, dass ‹etwas nicht stimmt›, dass sie die Erziehung oder ihr ganzes Leben ‹nicht auf die Reihe bekommen›. Vielen ist lange nicht klar, dass sie selbst ADHS haben.» So etwa ging es einer Mutter, die zu ihr in die Beratung kam: «Sie war mit ihrem Kind, bei dem später ADHS diagnostiziert wurde, völlig überfordert und kam im Alltag kaum zurecht», sagt Schaffter-Wieland. «ADHS wurde bei ihr erst erkannt, als ihr Sohn 25 Jahre alt war. Bis dahin hat sie sich bis zum Burnout durchs Leben gekämpft.»

Dass ADHS oft lange nicht erkannt wird, liegt daran, dass die Symptome individuell sehr unterschiedlich sein können. Bei Erwachsenen sind sie häufig weniger ersichtlich. Speziell Frauen kämen oft bis zur Geburt ihrer Kinder in Ausbildung und Beruf relativ gut zurecht und hätten Strategien im Umgang mit ihren «Besonderheiten» entwickelt. «Aber wenn ein Kind da ist, sind sie plötzlich fremdbestimmt und können ihren Tag nicht mehr so strukturieren wie bisher», sagt Schaffter-Wieland. «Dadurch geraten sie unter Druck, was wiederum vorhandene ADHS-Symptome verstärkt.» Viele Eltern würden zunächst annehmen, dass die Probleme allein mit dem Kind zusammenhingen – und vergeblich versuchen, sie selbst in den Griff zu bekommen.

Wussten Sie, ...

... wie sich ADHS und ADS unterscheiden?
Typisch für eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind Probleme bei der Aufmerksamkeit, impulsives Verhalten, Hyperaktivität und eine gestörte Selbstkontrolle. Betroffene Kinder bleiben mit ihrer Aufmerksamkeit nicht lange bei einer Sache, sind unruhig, ungeduldig und aggressiv. Treten die Aufmerksamkeitsprobleme ohne Hyperaktivität auf, spricht man von einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS). Diese Kinder wirken abwesend, sind unaufmerksam und bleiben bei den Schulleistungen hinter ihren tatsächlichen Fähigkeiten zurück.

Erwachsene mit ADHS haben oft Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und ihren Alltag zu organisieren. Ihre Stimmung wechselt häufig schnell, sie reagieren sehr emotional und impulsiv und können ihre Gefühle schlecht regulieren. Manche sind auch ruhelos und überaktiv. Die Symptome wirken sich oft negativ auf zwischenmenschliche Beziehungen und berufliche Leistungen aus.

... wie häufig ADHS bei Kindern und Erwachsenen vorkommt?
Etwa 3 bis 4 Prozent der Bevölkerung sind von einer ADHS betroffen – es ist also eine relativ häufige Störung. Bei Kindern und Jugendlichen sind etwa 5 bis 6 Prozent betroffen, bei Erwachsenen 2 bis 3 Prozent.Etwa die Hälfte leidet noch im Erwachsenenalter unter ADHS-Symptomen, sodass eine professionelle Unterstützung sinnvoll ist. Die andere Hälfte hat gelernt, gut mit ihren Besonderheiten zu leben. Oft hat ein förderndes und verständnisvolles Umfeld dazu beigetragen, dass die Betroffenen Selbstvertrauen und Strategien entwickeln konnten, um mit der ADHS-Veranlagung gut umzugehen. Manche konnten zudem ihre Leidenschaft zum Beruf machen und dort ihre Fähigkeiten voll entfalten.

... warum ADHS häufig nicht oder erst spät erkannt wird?
Erst um das Jahr 2000 wurde ADHS bei Erwachsenen auch im deutschsprachigen Raum zum Thema. Es stellte sich heraus, dass die Störung bei bis zu zwei Dritteln der als Kinder Betroffenen auch im Erwachsenenalter weiter besteht. Bei vielen Erwachsenen wurde jedoch die ADHS in der Kindheit nicht erkannt und nicht diagnostiziert. Die Symptome, die bei Erwachsenen auftreten, sind häufig vielfältiger und weniger charakteristisch als bei Kindern. So schwächt sich die Hyperaktivität oft ab und zeigt sich eher als innere Unruhe. Zudem haben viele ADHS-Betroffene weitere psychische Erkrankungen, etwa Depressionen, Angststörungen oder eine Sucht. Die Symptome können sich mit denen der ADHS überlappen: So treten Stimmungsschwankungen und Konzentrationsprobleme auch bei einer Depression auf. Bisher gibt es nur wenige auf ADHS spezialisierte Ärzte und Psychotherapeuten. Deshalb wird die Störung häufig nicht erkannt oder falsch diagnostiziert – vor allem, wenn nicht gezielt nach den ADHS-Symptomen gefragt wird. Dadurch kann die Störung dann auch nicht angemessen behandelt werden.
Anzeige

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.