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Psychologie

Das aggressive Kind

Aggression hat viele Gesichter und viele Ursachen. Frustration und Provokation sind Grundpfeiler für die grosse Wut im Bauch. Warum ist Aggression wichtig? Wie sollen Eltern und Lehrpersonen reagieren, wenn Kinder schreien, drohen, schlagen?
Text: Sandra Casalini
Foto: Ute Grabowsky / Imago
Bei Phillippe, 16, passiert es immer wieder. Oft genügt eine Bemerkung, ein Blick. «Dann spüre ich, wie die Hitze in mir aufsteigt», sagt der Zehntklässler. «Es brodelt, bis es explodiert.» Dann schlägt Phillippe zu. Meist gegen eine Tür oder eine Wand. Manchmal schlägt er auch andere Jugendliche. Phillippe ist kein Einzelfall. 2014 gaben rund 16 Prozent der Teilnehmer einer Gewalt-Studie der Universität Zürich und der ETH Zürich an, Opfer von Gewalt geworden zu sein. 
Aggression ist eine Reaktion darauf, dass eine Grenze überschritten wurde.
Der Bundesratsbericht «Jugend und Gewalt» von 2015 kommt zum Schluss, dass im Kanton Zürich fast jeder Dritte in einem Zeitraum von anderthalb Jahren schon einmal Opfer von Gewalt wurde – und jeder Fünfte hat in diesem Zeitraum Gewalt ausgeübt. Woran liegt das? Wie viel Aggression ist normal? Was muss man als Eltern aushalten, wann soll man einschreiten? Und wie?

Warum werden Kinder aggressiv?

Begibt man sich auf Ursachensuche danach, was Kinder wie Phillippe aggressiv macht, wird schnell klar: Es sind nicht die Gene oder die Erziehung oder die Medien – es ist eine Kombination aus allem. «Gene per se können kein Verhalten vorbestimmen», schreibt der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth in einem seiner Werke. Entscheidend sei das Wechselspiel mit den Lebensumständen.

Auffällig ist, dass viele Kinder, die schnell aggressiv reagieren, gleichzeitig sehr sensibel sind. «Ich bin anders als andere», sagt Phillippe über sich. «Ich kann mich total über Sachen freuen, bei denen meine Kollegen nur die Schultern zucken.»
Bild: iStockphoto
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Der offensichtlichste Auslöser von Aggression ist körperlicher Schmerz: Wer geschlagen wird, schlägt zurück. Wenn sich nun aber «die durch den Schmerz hervorgerufene Aggression nicht gegen die Schmerzursache selbst richten kann, richtet sie sich oft gegen beliebige, zufällig anwesende Artgenossen», so der Neurowissenschaftler Joachim Bauer. Wird ein Kind von einem älteren Kind attackiert, gegen das es sich nicht wehren kann, richtet sich seine Aggression nicht gegen den Aggressor, sondern eventuell gegen ein kleineres Kind – das kann an einem anderen Ort und zu einem anderen Zeitpunkt geschehen. So entsteht schnell der Eindruck, das schlagende Kind sei «aus dem Blauen heraus» aggressiv.
 
Die Schmerzzentren des Gehirns reagieren aber nicht nur auf physischen, sondern auch auf psychischen Schmerz. So fand die amerikanische Hirnforscherin Naomi Eisenberger heraus, dass soziale Zurückweisung, Ausgrenzung, Verachtung oder Ungerechtigkeit gleich wahrgenommen werden wie körperlicher Schmerz. Der verachtende Blick, der Phillippe trifft, oder die ungerechte Bemerkung löst bei ihm das Gleiche aus wie ein Schlag gegen den Körper.
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Ist Aggression ein Hilfeschrei?

Psychische Grenzüberschreitungen gibt es überall: in der Schule, in der Freizeit, auf dem Spielplatz. Und in der Familie. Dort hat sie besonders verheerende Konsequenzen. «Kinder, die keine zuverlässige Bindung zu ihren Bezugspersonen haben, und für die nie jemand Zeit hat, leben im Zustand der Ausgrenzung», sagt Joachim Bauer. Aggressives Verhalten bei Kindern sei immer ein Appell – im Falle eines chronisch aggressiven Kindes die Botschaft, sich ihm zuzuwenden, Zeit mit ihm zu verbringen. Sein Vater, sagt Phillippe, verbringe seine Zeit lieber mit Zocken am Computer als mit ihm.
«Ich möchte nicht mehr so schnell aggressiv werden, ich möchte mehr Kontrolle über mich», sagt Phillippe, 16.
«Ich möchte nicht mehr so schnell aggressiv werden, ich möchte mehr Kontrolle über mich», sagt Phillippe, 16.

Welche Rolle spielt Gewalt in den Medien?

Unser Gehirn reagiert nicht nur auf das eigene Erleben von körperlichem und seelischem Schmerz, es reagiert auch, wenn wir beobachten, wie er anderen zugefügt wird. Dies gilt nicht nur für das reale Leben, sondern auch für das virtuelle. «Eltern haben oft keine Ahnung, was ihre Kinder online so treiben», sagt Monika C., seit 15 Jahren Lehrerin, «welche Videos sie anschauen, welche Spiele sie spielen.»

Die Berner Psychologin und Familien­therapeutin Christine Harzheim gibt jedoch zu bedenken: «Gleichzeitig haben Kinder kaum mehr Freiräume. Sie befinden sich in ständiger Begleitung der Eltern, Lehrpersonen, Erzieher und Vereins­trainer.» So können Heranwachsende Gefühle wie Wut, Frust oder Trauer selten unbeobachtet zeigen, die Aggressionen stauen sich an. Und gerade Jugendliche suchen sich ihre Freiräume woanders, beispielsweise in der virtuelle Welt – wo sie dann alles Aufgestaute ungefiltert rauslassen.

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